„Das Abenteuer des Schreibens“ – Raymond Federman ist tot

Raymond Federman

Am 6. Oktober ist der franko-amerikanische Schriftsteller Raymond Federman in San Diego seinem Krebsleiden erlegen.

„Pssst!“ – Dies war das letzte Wort, das Federman von seiner Mutter hören sollte. Als am 16. Juli 1942 die französische Polizei die jüdische Familie zur Deportation nach Auschwitz abholte, fehlte der kleine Raymond, den seine Mutter in einem Wandschrank versteckt hatte. Diesen Tag bezeichnete Federman sein Leben lang als seinen „eigentlichen Geburtstag“. Weder seine Eltern noch seine beiden Schwestern überlebten das Lager.

Im Jahre 1947 emigrierte Federman in die USA, wo er sich 1951 freiwillig für den Korea-Krieg meldete, weil er hoffte, so ein Stipendium für sein angestrebtes Studium zu bekommen. Tatsächlich nahm er 1954 das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft auf, promovierte mit einer Arbeit zu Samuel Beckett und lebte fortan als Schriftsteller und lehrte an verschiedenen Universitäten.

Federmans schriftstellerisches Schaffen war stark autobiographisch geprägt und drehte sich intensiv um das Thema des Über-lebens und des Schuldgefühls, das das Allein-überlebt-haben hinterlassen hatte. Schon in seinem Erstling Alles oder nichts erwies sich Federman als experimenteller Autor: Er mischte Poesie und Prosa, spielte zudem mit Typographie und Satz und ließ Bilder aus Worten entstehen. So wurde Federman schnell zu einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Postmoderne.

Federman selbst sprach von „surfiction“, einer Literatur, die die Fiktionalität der Wirklichkeit herausstelle. In seinem zuletzt erschienen Werk Chut (dt. Pssst!, 2008 im Weidle Verlag), nähert sich Federman seiner Kindheit bis zur Deportation seiner Familie und demonstriert diese „surfiction“ eindrücklich, indem er in Einschüben immer wieder die Frage nach der Grenze zwischen „Wirklichkeit“ und „Fiktion“ in seinen Erinnerungen aufwirft. Seinem in eine Fragmentsammlung gekleideten Roman Loose shoes (dt. „Offene Shuhe“ 2003 bei Weidler) stellte Federman eine „Feststellung“ voran: „Ein Roman ist nicht so sehr das Schreiben eines Abenteuers als das Abenteuer des Schreibens.“

Trotz des Erlebten und trotz der Trauer und der Frage nach Schuld in seinen Themen sind Raymond Federmans Werke voller Humor. Sein Blog stand unter dem Motto „the laugh that laughs at the laugh…“, denn: „laugh or cry it all comes out the same in the end!“

2005 veröffentlichte Federman eine liebevoll-komische Annäherung an den eigenen Körper unter dem Titel „My body in nine parts“ (dt. „Mein Körper in neun Teilen“ 2008 bei Matthes & Seitz), in der er – einmal mehr – seinen klugen Humor unter Beweis stellt.

Auf deutsch ist Federmans Werk bei Matthes & Seitz, Weidle, Suhrkamp, Faber & Faber und Weidler erschienen.

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