Dieter Breitsohl

Dieter Breitsohl

Dieter Breitsohl, der ehemalige Besitzer und Verleger des Kreuz Verlags Stuttgart und Zürich, ist am 18. April im Alter von 69 Jahren gestorben. Dazu ein Nachruf von Dörthe Binkert, die von 1986 bis 1995 unter Dieter Breitsohl als Lektorin für den Kreuz Verlag gearbeitet und das Programm des Züricher Kreuz Verlags entwickelt und verantwortet hat:

In den 1980er Jahren sprach man in der Verlagsbranche von den drei K’s: Kabel, Kösel und Kreuz. Psychologie und Lebenshilfebücher boomten, Kreuz war ganz vorn dabei.
Der Verlag, 1945 mit Lizenz der amerikanischen Besatzungsbehörden von Erich Breitsohl als protestantischer Verlag in Stuttgart gegründet, hatte sich unter seinem Sohn und Nachfolger Dieter Breitsohl programmatisch geöffnet, ohne den theologischen Teil des Programms aufzugeben.

Dieter Breitsohl, geboren 1941, studierter Ökonom, trat 1972 als Junior-Verleger in den Verlag ein. 1976 übernahm er die alleinige Geschäftsführung im verlagseigenen Gebäude in Stuttgart-Vaihingen. 1978 gründete er in der Schweiz, wo er auch lebte, den Kreuz Verlag Zürich – sein eigenes „Verlagskind“, in dem er sich von Erbe und Verpflichtung seines Vaters frei fühlte. Nomen est omen, der Verlag logierte mit seinen wenigen Mitarbeitern in der Heimatstraße. Das Programm, das mit dem Stuttgarter Programm zusammenfloss, konzentrierte sich ganz auf den Bereich Psychologie.

Über all die Jahre war Jörg Zink einer der großen Autorennamen des Verlags, aber auch Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky zählten dazu, Elisabeth Kübler-Ross, Hans Jellouschek, Verena Kast, Ingrid Riedel, Wilfried Wieck und Ulrich Schaffer.
Das ev. Staatslexikon und die Predigtstudien waren Säulen des theologisch ausgerichteten Programms. Viele Reihen wurden unter Dieter Breitsohl erfolgreich im Buchhandel platziert: Märchen, Mythen, Symbole, Psyche und Soma, Neue Gesundheit u.a.
Auch die feministische Theologie fand unter dem Dach des Kreuz Verlags ihren Platz.
Dieter Breitsohl war ein kluger Rechner, der selten unrealistische Ziele und in der Aufbauphase mehr auf langfristige Solidität als schnellen Umsatz setzte. Von seiner Ausbildung her war er eher ein kaufmännischer Geschäftsführer, doch fühlte er sich als Erbe Verleger genug, um stolz auf seine Autoren und sein Programm zu sein. Er liebte die Lektoratssitzungen und – obwohl er selbst eher distanziert auftrat – Lektoren, die mit Leidenschaft Bücher machten.

„Sie sind Verleger ohne Geld“, pflegte er zu seinen Lektoren zu sagen, und nach überzeugend vorgetragenen Argumenten, manchmal auch flammenden Reden der Begeisterung, stellte er selbiges zur Verfügung. Diese Einstellung erzog von selbst zu einer dem Inhalt verpflichteten, aber auch marketing- und vertriebsbewussten Arbeit, die Buchhandel und Leser immer mit im Blick hatte. Dieter Breitsohls Fähigkeit zur Delegation und sein Vertrauen in die von ihm gewählten Mitarbeiter gab Menschen, die das schätzten, die Möglichkeit persönlicher Entwicklung und Entfaltung. Auf erstaunliche Weise gab er, der manchen Zwängen unterlag, andern die Freiheit, die sie brauchten, um kreativ zu sein.
Er selbst trat nur bei wenigen Gelegenheiten mit seinen Autoren öffentlich in Erscheinung, doch war es ihm ein Herzensanliegen, 1988 die deutsche Ausgabe von „Viktorias Gebetsbuch“ persönlich mit seiner Tochter Alexa der schwedischen Königin Silvia zu überreichen. Und bei der Frankfurter Buchmesse hatte er seinen festen Tisch in der Bar des „Frankfurter Hofes“.

Viele Lektoratssitzungen endeten beim gemeinsamen Abendessen, weil der Verleger gutes Essen und guten Wein (inklusive Zigarre) schätzte. Dass er seinen Humidor auf dem Vordersitz seines Wagens anschnallte und die Mitfahrenden bat, hinten Platz zu nehmen, gehörte ebenso zu ihm wie seine generöse und immer wieder aufblitzende anteilnehmende und menschlich verständnisvolle Seite. 1996 verkaufte Dieter Breitsohl den Verlag an die Dornier Medienholding und zog sich ins Privatleben zurück.

Dieter Breitsohl war noch ein Verleger mit Limousine und eigenem Fahrer, der in der StuttgarterVerlagskantine seinen eigenen weiß gedeckten Tisch hatte. Seinen schweizerisch-republikanischen Mitarbeiterinnen war er aber nicht gram, wenn sie sich weigerten, seine Blumen zu gießen und Kaffee zu kochen. Die Zürcher Betriebsausflüge mit seiner Motorjacht auf dem Zürichsee mussten allerdings geheim bleiben.

In Stuttgart ist Dieter Breitsohl wohl ein formellerer Chef gewesen. Und doch konnten auch auf den unpersönlichen Fluren des Stuttgarter Verlags unter seiner Ägide, von großem Gelächter begleitet, aufziehbare Spielzeugkühe um die Wette rennen. Man erinnert sich mit nostalgischer Wehmut daran.

Dieter Breitsohl gab sich formell. Aber wie mancher scheue Mensch war er dankbar, wenn man die Mauer durchbrach. Und wenn man ihm beiläufig eine Mandarine in die Manteltasche schob, konnte er verschmitzt lächeln. Es gab Momente, in denen er glücklich aussah. Nun ist er am 18. April 2011 nach langer schwerer Krankheit mit nur 69 Jahren gestorben: Am 21.12. wäre der gebürtige Stuttgarter 70 geworden.
Dörthe Binkert

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