„Ein bunter Vogel muss fliegen“: Philipp Keels Rede bei der Trauerfeier für Sibylle Jud

Die Bergerkirche in Düsseldorf war am Samstag, 5. März 2016, überfüllt: Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Buchbranche nahmen gemeinsam mit der Famile und ihrem Lebensgefährten Sven Rabanus Abschied von der langjährigen Diogenes – Vertreterin Sibylle Jud, die am 12. Februar 2016 im Alter von 50 Jahren gestorben war.

Eine letzte Erinnerung an Sibylle Jud in der Kirche – umrahmt von ihrem Lieblingsblumen – jeder Trauergast nahm einen Topf davon mit nach Hause

Für alle, die nicht dabei sein konnten: Hier die berührende Trauerrede von Diogenes- Verleger Philipp Keel:
Lieber Sven,
liebe Familie, liebe Freunde,
liebe Trauergemeinde,

es war im Sommer 1996, als mir auf der Sprecherstrasse, wo der Diogenes Verlag zu Hause ist, jemand entgegenkam, den ich bis dahin noch nicht kannte. Sibylle Jud trug ein Tuch in den Haaren, über der Schulter eine seltsam geformte Tasche, einen breiten Gürtel um ihre Hüfte und Schuhe, die die Römer erst hätten erfinden müssen. Wir grüßten uns scheu. Diese junge Frau hatte sich in einem Augenblick für immer in meinem Gedächtnis eingeprägt. Ich drückte auf die Klingel neben der Verlagstür und blickte noch einmal zurück. Groß war sie und entfernte sich mit großen Schritten.
Im Büro meines Vaters fragte ich nach der Frau mit dem Tuch in den Haaren. Er zündete sich eine Gauloise ohne Filter an und erzählte, einer der alten und erfahrenen Hasen unserer Vertreter, Hans-Gustav Harksen, habe Sibylle Jud als Buchhändlerin in Darmstadt kennengelernt und dem Verlag empfohlen. Sie sei passioniert und habe ein echtes Interesse an Literatur, meinte mein Vater, als wolle er mir damit noch etwas anderes sagen.
Sibylle Jud arbeitete die ersten Jahre im Vertrieb, merkte aber, dass ihr das Büro etwas zu eng und Zahlen zu trocken waren. In stetem Kontakt mit den Vertretern entdeckte sie, dass ihr Herz für die andere Seite, für den Außendienst, schlug. Ein bunter Vogel muss fliegen. Und so kam es dann auch, dass sie ab 2003 schnell in ihre neue Rolle hineinwuchs. Doch da gab es ein nicht unwichtiges Detail, ein tatsächliches Hindernis für eine angehende Vertreterin: Sibylle Jud konnte nicht Auto fahren. Schlimmer noch, sie hatte Angst vor dem Autofahren. Schließlich gelang es Stefan Fritsch von unserer Geschäftsleitung, Sibylle zu motivieren, Fahrstunden zu nehmen.
Herr Harksen hatte sich für Sibylle, seinen Zögling, 
gewünscht, sie würde sein Gebiet übernehmen. Aber ein 
anderer war schneller und kam ihm mit der Pensionierung zuvor: Hans-Jürgen Rohwer, ebenfalls ein erfolgreicher Diogenes Vertreter, wurde just in dem Jahr pensioniert, in dem Sibylle den Blinker für ihre weitere Laufbahn setzte, und sie wollte unbedingt Rohwers Gebiet übernehmen. Doch die Würfel waren noch nicht gefallen. Herr Rohwer konnte seinen sorgfältig geplanten Lebensabend nur antreten, wenn Sibylle Jud die Fahrprüfung bestehen würde. Leider gelang ihr das im ersten Anlauf nicht – angeblich hatte ihr ihre Kopfbedeckung beim Rückwärtsparken einen Streich gespielt.
Als Sibylle auch beim zweiten Anlauf bei der Fahrprüfung durchfiel, begannen sich der Vertrieb und die Geschäftsleitung langsam Sorgen zu machen.
Aber Sibylle wollte nach Düsseldorf, sie wollte das Gebiet Nordrhein-Westfalen, sie wollte, wie in einer Zeichnung von Sempé, durch die schönen Landschaften und malerischen Städtchen des fröhlichen Rheinlands und des etwas verschlosseneren Sauerlands düsen, das Radio aufdrehen, die vielen wunderbaren, persönlich geführten Buchhandlungen besuchen und dort die Menschen antreffen, mit denen man sich nun einmal am besten über Bücher unterhalten konnte. Im dritten Anlauf bestand sie die Fahrprüfung und zog erleichtert in ihr neues Zuhause.
Einige Jahre später bat mich mein Vater, während der 
Vertreterkonferenz für ihn einzuspringen. Und so saß ich plötzlich mit all den tüchtigen Damen und Herren am großen Sitzungstisch. Natürlich kannte ich Sibylle Jud und ihre Kolleginnen und Kollegen mittlerweile auch von der Buchmesse und den manchmal heiteren und ausgelassenen Abenden, die mit Frankfurt einhergehen. Aber auf der Konferenz, da lernte man sich erst richtig kennen.
Schnell begann ich, Sibylle für ihre vernünftige und konstruktive Meinung zu schätzen. Für ihr Engagement und ihre Ehrlichkeit habe ich sie bewundert. Sie redete mit den Händen, haute auch mal auf den Tisch, kämpfte für ihre Ansichten und für ihre Ideen. Herr Rohwer sagte über sie: »Sie spricht schneller als die meisten Schweizer.« Nach ihren kurzen Ausbrüchen, als gehörte dies zu ihrem Ritual, lehnte sie sich jeweils zurück, seufzte tief und blickte an die Decke. Oft trafen sich unsere Blicke danach, und obwohl ich nicht selten beleidigt war, schmunzelten wir uns beide zu.
Sie hat sich in diesen Momenten so unglaublich für die Sache eingesetzt, dass ich sie manchmal am liebsten gefragt hätte, ob nicht sie die Verlegerin werden möchte.
Auch an der Buchmesse habe ich Sibylle gerne beobachtet. Sie war exzellent mit dem Buchhandel und der Verlagswelt vernetzt, und ihr Umgang mit Menschen war voller Empathie. Sie konnte mit leuchtenden Augen begeistern, diskutieren, aber auch zuhören.
Vor zwei Jahren, bei einem Espresso und einer Duplo, 
beobachtete ich auch jemand anderen am Stand. Ein großer, schlanker Mann mit einem markanten Gesicht, cooler Brille, Typ Schriftsteller, bestimmt ein Intellektueller, vielleicht auch
Feuilletonredakteur. Er wird hier doch nicht ein Manuskript abgeben wollen?, fragte ich mich.
Es war Sven Rabanus, Sibylle Juds Partner. Wir begrüßten uns, und er war mir auf Anhieb sympathisch. Als wir in diesen traurigen Wochen länger miteinander telefonierten und über Sibylle sprachen, wurde mir erst richtig bewusst, wie ich mich zwar immer wieder freue, unsere Vertreter mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten in Zürich wiederzusehen, wie gerne ich mit ihnen streite, diskutiere und lache, aber trotzdem immer dieses merkwürdige Gefühl bleibt, sie eigentlich gar nicht richtig zu kennen. Vielleicht, weil man sich nur zwei- oder dreimal im Jahr sieht und, ich denke das ist gegenseitig, wir dann erst »fremdeln« wie Kinder.
Und so waren auch Sibylle und ich immer etwas vorsichtig miteinander. Es gibt unendlich viele Beispiele von Schicksalen, aber wenn man versucht, das des anderen zu verstehen, kann eine Freundschaft auch ohne große Worte wachsen. So in etwa war es bei uns beiden.
Als ich mich während der letzten Konferenz bei einem Abendessen mit ihr unterhielt, war ich der Überzeugung, sie würde ihre Krankheit wie alles andere in ihrem Leben meistern. Sie erzählte von ihrem Sven, wie er sie unterstütze, wie dankbar sie ihm für so vieles sei und was es ihr bedeute. Sie erzählte von der Buchhandlung, die sie mit ihm zusammen übernommen hatte, sie erzählte von den vielen Freunden und Kunden, denen sie in all den Jahren auf ihren Reisen begegnet ist, die ihr ihre Hilfe angeboten hätten.
»Etwas Besseres hätte einem Verlag nicht passieren können«, schrieb Stefan Fritsch zu Sibylles 20-jährigem Diogenes 
Jubiläum.
»Sie war weit über ihre Kunden hinaus das Gesicht von 
Diogenes«, sagte Reinhard Vogel. Klaus Kaltenbach beschreibt sie als »besonders vertrauenswürdig, lebendig und großzügig« und Marlene Diehl meinte »Wir waren ein eingespieltes gutes Team und auch beste Freundinnen« – alle drei enge Freunde und Vertreterkollegen, die all diese Jahre mit Sibylle gearbeitet haben.
Und schließlich fasste es Uli Richter, unserer Vertriebsleiter, treffend zusammen: »Sie war everybody’s darling.«
Von ganzem Herzen möchte ich Sibylle Jud, auch im Namen meines Bruders Jakob Keel, der Geschäftsleitung und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Diogenes, für ihren großen Enthusiasmus und alles, was sie für unseren Verlag getan hat, danken. Unser tiefes Beileid gilt Sven Rabanus und Sibylles Familie. Sie war eine einmalige Persönlichkeit. Sie hat an die Liebe, die Kunst und das Buch geglaubt.
Möge sie, möge ihr Lebensgeist und ihr Mut uns auf all 
unseren Reisen begleiten.

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