Elke Wehr

Übersetzer leben und arbeiten im Stillen, fast im Verborgenen, soll man sie doch gar nicht wirklich vernehmen, sondern ihre Stimme, die sie dem Autor verleihen, für dessen eigene halten.

Es sollte aber nicht so weit gehen, dass auch der Tod einer der ganz großen Übersetzerinnen der letzten Jahrzehnte ganz stumm verhallt und ihrer kulturschaffenden Arbeit die angemessene Ehrung vorenthalten wird.

Denn in Berlin ist am 27. Juni Elke Wehr gestorben, fast unbemerkt und ohne Würdigungen, wenn ihr nicht wenigstens Paul Ingendaay, der Madrid-Korrespondent der FAZ und Autor, unter dem Titel „Die Sprachmächtige“ sehr persönliche und ehrende Worte nachgerufen hätte.

Paul Ingendaay ist es ebenso gewesen, der für die Ausgabe der FAZ von gestern den ausführlichen Nachruf von Javier Marías auf Elke Wehr übersetzt hat, der am Samstag zuvor in der großen spanischen Tageszeitung El País erschienen war, vielsagend überschrieben mit „Die Frau, die meine Bücher verbessert hat“. Marías muss wissen, was er damit meint, denn er ist nicht nur selbst ein hoch angesehener Übersetzer, sondern Elke Wehr hat seine Werke mit viel Erfolg für die Verlage Klett-Cotta und Piper ins Deutsche übertragen.

Elke Wehr hat ein umfangreiches und weitumfassendes Oeuvre hinterlassen, die Auflistung der von ihr übersetzten spanischen und lateinamerikanischen Autoren erscheint wie das Namensregister einer modernen Literaturgeschichte: Leopoldo Alas, Roberto Artl, Jorge Luis Borges, Alfredo Bryce Echenique, Rafael Chirbes, Clarín, Alonso Cueto, Álvaro Cunqueiro, Tulio Halperín Donghi, Javier Marías, Octavio Paz, Ricardo Piglia, Álvaro Pombo, Manuel Rivas (aus dem Galizischen), Jorge Semprún, Javier Tomeo, Fernando Vallejo, María Vargas Llosa und andere. Für Wagenbach hat sie sogar Luigi Malerba aus dem Italienischen übertragen.

Die beeindruckende Bandbreite, aber auch das physische Volumen des Werks, das Elke Wehr hinterlassen hat, verdeutlicht die Disziplin, Intensität, Vorstellungskraft, Sensibilität und Wortgewalt, die die Übersetzerin ihrer Arbeit gewidmet haben muss, die in ihrem ganzen Umfang wohl nur zu schätzen weiß, wer einige der übersetzten Autoren und ihrer Arbeiten im Original gelesen hat.

So zurückgezogen, wie sie wohl gearbeitet haben mag, war es mehr als angemessen, dass man sie in den Vordergrund schob, als ihr im Jahre 2006 auf der Frankfurter Buchmesse der hoch angesehene Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk verliehen wurde.

Elke Wehr ist nur 62 Jahre alt geworden. So bleiben uns viele ausdrucksstarke und stilvolle Übersetzungen, die sie uns ohne Zweifel noch geschenkt hätte, vorenthalten. Trost ist, dass ihre Übersetzungen noch lange zu lesen sein werden, so großen Bestand sie haben und damit auch nachwachsenden literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern veranschaulichen können, wie schwer ihre Arbeit ist, aber auch wie leicht sie daherkommen kann, wenn sie gut gemacht ist.

In den vergangenen Wochen wurde wieder viel über die unverzichtbare Rolle der Übersetzer diskutiert, ihre angemessene ökonomische Beteiligung an dem Erfolg eines Werkes, sie aus ihrem Schattendasein zu führen, in dem sie immer noch viel zu häufig leben. Vielleicht könnte ein erster Weg daraus sein, dass man auf den Klappentexten neben der Biografie auch ein kurzes Porträt des Übersetzers veröffentlichte, warum nicht auch mit einem Foto versehen?

Dann käme es nicht zu einem solchen Fauxpas, dass in den Zeitungen neben Nachrufe falsche Porträts eingeblendet werden, die nachlässige Rechercheure gedankenlos aus dem Internet herunterladen.

So geschehen jetzt bei dem Nekrolog in El País, dem ein kokettes Foto einer eher erfolglosen Nachwuchsschauspielerin gleichen Namens aus Löffingen an die Seite gestellt worden war. Nicht ohne Komik. Ich habe Elke Wehr leider nie persönlich kennen gelernt, aber ich bin vollkommen sicher, sie hätte über diese Verwechslung schallend lachen können, schließlich kenne ich doch ihre Übersetzungen.

Günter G. Rodewald

Der Nachruf von Javier Marías in El País ist hier nachzulesen (das irreführende Foto hat man dort inzwischen entfernt). Die FAZ-Artikel erfordern einen Login.

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