George Wyland-Herzfelde

George Wyland-Herzfelde

George Wyland-Herzfelde, Sohn des legendarären Malik-Verlegers Wieland Herzfelde und selbst als Autor und Herausgeber tätig, ist gestern in Zürich gestorben.

Ich weiß noch, daß ich mich ein bißchen vor ihm fürchtete, als ich damals – in den 80er Jahren in der DDR – anfing, meine Geschichte des Malik-Verlags zu schreiben.

Die DDR-Gralshüter des Verlags waren nicht gut auf ihn zu sprechen: der wolle nur erben, hieß es. An ihn selbst, den Sohn des legendären Verlagsgründers Wieland Herzfelde kam ich über die Mauer natürlich nicht heran…

Nun ist George Wyland-Herzfelde (geboren 1925 in Berlin) in Zürich gestorben. Seine Onkels waren John Heartfield und George Grosz, mit Lenka Reinerová hat er im Exil in Prag Theater gespielt; Brecht, Bloch, Döblin, O.M. Graf, Lion Feuchtwanger gingen in der elterlichen Wohnung in New York ein und aus, als der Vater versuchte, einen deutschsprachigen Exilverlag (Aurora) in den USA aufzubauen. (Was dem Pumpgenie Wieland Herzfelde schließlich auch gelang, als einzigem in Amerika.)

George hatte als Kind in Berlin in wenig Malik-Luft geschnuppert, er transportierte mit 8 Jahren die Adreßlisten des Verlags ins Exil (was beinahe schiefgegangen wäre), wurde dann in den USA professioneller Eiskunstläufer (und als 2003 bei dtv seine Erinnerungen Glück gehabt erschienen, zeigte er, daß er diesen Sport noch immer beherrschte) und steuerte finanziell wesentliches zum armen Exilhaushalt der Familie in den USA bei. Später ging er in die Werbung, brachte sich als „Kommunistensohn“ vor McCarthy nach Kanada in Sicherheit und übersiedelte 1968 schließlich in die Schweiz, wo er als Werber arbeitete und bis 1999 in der Enwicklungshilfe engagiert war.

Im Osten war er hauptsächlich gelitten, wenn seinem greisen Vater wieder einmal eine Auszeichnung umgehängt wurde – er sei unnahbar, munkelte man hinter vorgehaltener Hand und überhaupt nicht interessiert an der ganzen Malik-Geschichte.

Mein Malik-Buch war schließlich kurz nach der „Wende“ erschienen, und die Zeiten waren so turbulent, daß ich – ehrlich gesagt – vergaß zu recherchieren, wo man den Weltreisenden George Wyland (seine Kinder lebten damals in den USA, England und Deutschland) vielleicht erreichen könnte.

Ein Anruf von Grosz-Sohn Peter eines abends brachte mich in die Realität zurück. Es ging um die Bildrechte, um die sich damals im Verlag keiner so recht gekümmert hatte (was nicht nur bei Grosz recht gefährlich ist), aber Peter winkte ab: „Geht schon in Ordnung… Das Buch ist so schön geworden.“ Dafür hatte Juergen Seuss als Ausstatter gesorgt. Ob George das auch so sehen würde? Die Frage stellte sich mir, als auch er eines abends anrief und sagte, er sei bei einer Freundin in Frankfurt, wenn ich Lust hätte, sollte ich doch zum Essen rumkommen…

Es war – ehrlich gesagt – ein fürchterlich steifer Abend, irgendwie schlichen wir um einander herum, ohne recht miteinander warm zu werden: Ich wußte nichts von ihm, er nichts von mir – und da wir hauptsächlich über Malik zu reden versuchten, änderte sich das auch nicht sonderlich. Also tranken wir sehr viel – und zum Abschied gelobten wir, Verbindung zu halten.

Dieses Verbindung-Halten wurde schneller wahr, als wir glaubten. Bei meinen Malik-Recherchen in der DDR-Akademie hatte ich ein „Tagebuch“ von Wieland Herzfelde aus dem Jahre 1926 entdeckt. Es umfaßt zwar nur einen Tag, hat es dafür aber ziemlich in sich: Herzfeldes bitterböse Abrechnung mit den Betonköpfen der Kommunistischen Partei jener Tage. Undenkbar, so etwas in der DDR zu veröffentlichen, wenn auch Herzfelde als kommunistischer Verleger eine Art Säulenheiliger in der DDR war. Ich fragte in den 80er Jahren trotzdem bei der Akademie nach, wurde aber beschieden: nein, dieses Tagebuch dürfe ich nicht veröffentlichen, die Akademie bereite eine eigene Veröffentlichung vor. Was eine glatte Lüge war.

Als ich Juergen Seuss von diesem Text erzählte, war der gleich bereit, dieses Tagebuch eines Laien in seinem BrennGlas Verlag zu publizieren. Wir forderten es an und hatten das Original eine Woche später in den Händen: Ein Schulheft, vom Zahn der Zeit ein wenig benagt, aber sonst vollständig und in Ordnung.

Geworden ist es eine bibliophile Ausgabe, wir haben das Tagebuch faksimiliert, wir haben George dazu gekriegt, ein ausführliches Vorwort zu schreiben und sein Archiv zu öffnen und unbekannte Briefe und Fotos herauszusuchen. Damit begann für ihn die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit, und plötzlich hängte er an seinen Nachnamen Wyland (die amerikanisierte Form des Vornamens seines Vaters) den Namen Herzfelde an.

Seither haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren. Wir haben ein bißchen mitgemacht, als der Weidle Verlag den Band Werter Genosse, die Maliks haben beschlossen (hochspannende Briefe von Hermynia Zur Mühlen, Upton Sinclair, Wieland Herzfelde) produzierte (und seither war natürlich auch Verleger Stefan Weidle eng mit George befreundet), und als 2003 Georges Erinnerungen Glück gehabt erschienen, bat mich der Verlag, ein paar Veranstaltungen zu moderieren. Ich weiß nicht mehr, wieviele es waren, aber wir sind ein bißchen durch die Gegend gereist.

Geärgert hat ihn nachhaltig und anhaltend, was mit dem von seinem Vater als Neuen Malik Verlag lizensierten Unternehmen passierte, wie es auf einmal nur wieder Malik hieß und Imprint wurde…

Leider haben wir es nicht geschafft, zusammen mit Lenka Reinerová eine Woche lang zusammen durch Prag zu kutschen und sämtliche Exilorte noch einmal zu besuchen – es sollte ein etwas anderer Reiseführer daraus werden. Verabredet waren wir schon locker dazu, aber dann kam wieder irgendwelcher Alltagskram dazwischen – nun ist es zu spät.

Lieber George, wir haben vor ein paar Tagen noch einmal lange telefoniert und voneinander Abschied genommen. Zu wissen, daß Du nicht mehr da bist, tut unendlich weh.

U. Faure

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