Wolfgang Rasch „war ein Zauberer“

Wolfgang Rasch

Er war ein Zauberer: Die Öffentlichkeit war seine Bühne, das Buch sein Medium. Wolfgang Rasch konnte landauf, landab seine Zuhörer/innen binnen kürzester Zeit in den Bann der Buchherstellung ziehen.
Buchherstellung? Bücher werden gedruckt, ja – aber das ist doch kein abendfüllendes Thema? Die Anwesenden im Saal, meist Laien in Sachen Buchproduktion, begeisterte Leser/innen und Liebhaber/innen schöner Ausgaben, hingen an seinen Lippen. Er zerriss Einbände, um das Innenleben der Buchbindung ans Licht zu holen, um das Aufschlagverhalten sichtbar zu machen. Er nahm Lagen auseinander und riss Papier ein, um die Laufrichtung zu erklären. Die Bandbreite war groß: Er zog kuriose Bücher in Form von Kaffeefiltern aus der Tasche, genauso wie für den Massenmarkt produzierte Taschenbücher, und erzählte mit großer Lust von guter Gestaltung, von den Tücken der Herstellung, von Qualität in der Ausstattung und von Veredelung. Er sprach über schöne Bücher.
Mit professionellen aber einfachen Worten machte er den Einäugigen unter den Lesern sichtbar, was die Jurys in intensiven Diskussionen ausgewählt hatten und stellte so ‹Die schönsten deutschen Bücher› vor. Mit seiner One-Man-Road-Show konnte Wolfgang Rasch ein trockenes Fachthema begeisternd kommunizieren. Als ich 2001 seine Nachfolge antrat, hinterließ er große Schuhe. Wohin auch immer ich in den Anfangsmonaten meiner neuen Tätigkeit reiste, um über die Ergebnisse des jährlichen Wettbewerbs zu berichten – sei es in Emden, Berlin oder Bautzen – erwartete mich eine Art ‹Fanclub›: auf Buchgestaltung und -herstellung neugierige Leser/innen.
Achtzehn Jahre war der gelernte Verlagsbuchhändler Geschäftsführer der Stiftung Buchkunst. Von 1983 bis 2001. Eine ungewöhnlich lange Ära, die der Stiftung gut getan hat. Wolfgang Rasch ging mit der Zeit und verwandelte mit seiner Leidenschaft für das gutgemachte Buch und seiner humorvollen Art der Wissensvermittlung den traditionsreichen Wettbewerb in eine junge, dynamische Institution.
Er feilte mit Fingerspitzengefühl am Prozedere der Juryarbeit, wohl wissend, was es bedeutet, wenn Jurorinnen und Juroren (die Profis der Verlagsherstellung) für ein paar Tage in Klausur kommen, die Augen schärfen, die Zungen nicht zügeln und über die ‹Schönsten› abstimmen sollen. Seine große Stärke war die Zusammensetzung der Jurys. Wolfgang Rasch hatte ein gutes Gespür, die Profis aus den verschiedenen Genres der Buchproduktion miteinander ins Gespräch zu bringen. Wer einmal als Juror/in dabei sein konnte, wird sich an die intensiven Gespräche erinnern, in denen wir unser Wissen und die Ansichten austauschen konnten. Respektvoll. An Debatten, bei denen die Gegenargumente Raum hatten, ohne destruktiv zu werden. An die Spannung und Konzentration, auch noch am vierten Jurytag. Dafür sorgte seine Moderation. Eine Diskussion laufen, sie aber nicht aus dem Ruder laufen zu lassen: Das setzt Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis voraus. Beides hatte er reichlich.
Mitte der 1980er Jahre war Wolfgang Rasch qua Amtes Geburtshelfer für den neu geschaffenen ‹Preis der Stiftung Buchkunst› und den ‹Förderpreis für junge Buchgestalter›, mit deren Preisgeldern neben Ruhm und Ehre nun auch monetäre Wertschätzung an all jene gehen konnte, die im glamourösen Literaturbetrieb in der Regel nicht wahrgenommen werden, ohne deren Know-how das Produkt aber nicht zustande käme: die Herstellungsabteilungen der Verlage, die Gestalter/innen und die Produktionsbetriebe.
1934 in Halle/Saale geboren, in seiner Körpergröße selbst nicht zu übersehen, sorgte Wolfgang Rasch dafür, dass das Bücherthema in den turbulenten Wendezeiten nicht übersehen wurde. Er setzte sich mit Wissen um die historischen Zusammenhänge und mit Respekt für die Buchstadt Leipzig ein und führte die beiden – über 38 Jahre parallel ausgerichteten, konkurrenten – deutschen Wettbewerbe (DDR/BRD) zu einem gesamtdeutschen zusammen. Mit vielen Reisen gen Osten baute der geübte Vermittler das Leipziger Büro auf – nicht aus der Ferne steuernd, sondern vor Ort, mit anpackend. ‹Frankfurt am Main & Leipzig› stand von da an auf der Beschriftung der beiden großzügigen Buchmessen-Stände – möglich geworden war dies durch den Zugewinn eines weiteren Stifters, der Stadt Leipzig.
Mit ihr wuchs der Stiftung Buchkunst ein Juwel der internationalen Buchgestaltungs-Landschaft zu: der Wettbewerb ‹Schönste Bücher aus aller Welt›, seit 1963 in Leipzig organisiert. Unversehens wurde die Stiftung zur Drehscheibe international geführter Diskussionen, und mittendrin ein immer aktiver Wolfgang Rasch. Keine zehn Jahre später waren gute Kontakte nach Asien geknüpft und der von so vielen geschätzte Geschäftsführer als ‹Mister Book› ein willkommener Referent in Tokyo.
Zu seinem rauschenden Abschied in den Ruhestand veröffentlichten Freunde und Begleiter des Taschenbuchfans die Hommage ‹Rasch-Hour› und zeichneten mit ihren sehr persönlichen Betrachtungen das facettenreiche Berufsleben des leidenschaftlichen Reisenden, Opernfreunds und Gourmets. Als ich 1986 meine erste Prämiierung entgegen nahm – damals auf den Buchhändlertagen in Hamburg – ahnte ich nicht, welch langer, schöner Weg uns verbinden würde: mein Berufsweg war – mal entfernter, mal näher – begleitet von Wolfgang Rasch. Mit meiner ersten Urkunde in der Tasche machte ich mich selbständig. Mich 15 Jahre später als seine Nachfolgerin vorzuschlagen, war seine Idee. Typisch für ihn: Entwicklungen zu beobachten, die Dinge zu ordnen und zu regeln. Wolfgang Rasch, ein Wegbegleiter und Wegbereiter, für viele von uns. Nun ist die Stimme, die gerne die Wahrheit sagte, verstummt. Gerne möchte ich mich der Widmung anschließen: ‹Wir vermissen Wolfgang Rasch. Seine Freunde›.

Uta Schneider, Offenbach am Main, 1.8.2012
ehem. Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst
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