Die Agentur Altepost 2015 feiert Jubiläum. Wir sprachen mit Klaus Altepost über den neuen Claim, Ziele für das Jahr 2022 und seine Sicht zur Situation im Buchhandel „Gutes muss wieder seinen Preis bekommen. Jede:r, der engagiert und kompetent an einer Sache arbeitet, eine faire Bezahlung erhalten“

Klaus Altepost: „Künstler, Autoren, Grafiker müssen besser bezahlt werden. Und es sollte nicht mehr, sondern weniger Bücher geben – dafür aber bessere, die noch schöner gemacht sind und im Buchhandel auch teurer sein müssen als bisher!“

Die Agentur Altepost 2015 feiert Jubiläum – mit einem neuen Claim „Gutes hat seinen Preis“ . Darüber sprachen wir mit Klaus Altepost, der sich in 2022 noch stärker fokussieren und engagieren will:

BuchMarkt: Herr Altepost, was wollen Sie mit Ihrem neuen Claim „Gutes hat seinen Preis“ sagen?

Klaus Altepost: Kennen Sie das? Sie möchten sich eine schöne neue Hose kaufen und betreten dazu ein Bekleidungsgeschäft Ihrer Wahl. Suchend schauen Sie sich um, welche Hinweisschilder die Qualität, die Machart, den Stoff oder die Nachhaltigkeit des Produktes anzeigen – Fehlanzeige. Stattdessen sehen Sie nur Schilder einer einzigen Kategorie: „40 Prozent“, „20 Prozent“, „Halber Preis bei Doppelkauf“. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Wenn die Quantitätsfragen wichtiger sind als die Qualität, macht der Verkäufer mit mir kein Geschäft.

Kennen Sie das? Sie holen für eine kleine Renovierungsmaßnahme drei Angebote von Firmen ein. Die erste nennt Ihnen eine Website, auf der Sie den Listenpreis selbst einsehen und vergleichen können; die zweite schickt ein schriftliches Angebot mit dem Vorschlag, nach Auftragserteilung vor Ort sich die Dinge genauer anzusehen; die dritte ruft an, wann jemand persönlich vorbeikommen könnte, um vor Ort das Ganze miteinander zu besprechen und sich per Handschlag auf einen Preis zu einigen. Ich verrate Ihnen noch ein Geheimnis: Ich habe bis heute nichts Schriftliches, aber den Handschlag und das Vertrauen eines Geschäftspartners.

Kennen Sie das? Ein Bekannter ruft an: „Sie haben doch mal Jura studiert“ (oder auch Medizin oder Literatur oder …). Er habe da ein kleines Problem, ja eigentlich nur eine Frage. Nein, er möchte keine große Beratung geschweige denn einen Auftrag vergeben. Aber ob er doch mal kurz vorbeischauen könnte? Keine große Sache, sicher für mich eine Kleinigkeit, vielleicht ein Gespräch unter guten Bekannten von 2-3 Stunden, natürlich ohne Honorar, dafür wolle er doch kein Geld ausgeben. Ich verrate Ihnen ein letztes Geheimnis: Keine Managerin, kein Facharbeiter, keine Reinigungskraft lernt ihren Job über viele Jahre und schenkt Ihnen dann mal eben 2-3 Stunden ihrer Arbeitskraft. Zu Recht, denn:

Gutes hat seinen Preis.

Und was hat das mit Ihrem Kerngeschäft, mit der Kultur, mit Autoren und Büchern zu tun?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Arbeit muss in erster Linie Freude machen. Nur wenn ich das, was ich tue, gerne tue und mit Leidenschaft anpacke, bin ich gut darin; nur wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, bin ich wirklich gut in meinem Metier.

Aber diese Wertschätzung muss auch von außen gespiegelt werden?

Ja, in unserer Gesellschaft beobachte ich eine zunehmende Entwertung der praktischen, individuellen, sozialen und helfenden Arbeit für andere. Alles, was nicht unmittelbar dem Genuss, der Unterhaltung oder dem Konsum dient, wird geringgeschätzt und meist nicht angemessen bezahlt; sei es der Altenpfleger am Bett des chronisch Kranken, sei es die Musikerin beim Straßenfest, der Schauspieler an der städtischen Bühne, sei es der Grafiker der Buchgestaltung oder der Modedesigner, der aus altem Stoff neue Kleidung zaubert. Die Diskussion um den Mindestlohn spricht in einer Gesellschaft des Überflusses und Reichtums eine deutliche Sprache.

Ihnen geht es aber in erster Linie um Ihre Autoren?

Klar, auch die Autor:innen gehören dazu. Die arbeitenoft über Wochen und Monate für einen Hungerlohn an einem Manuskript. Ich setze mich dafür ein, dass Gutes wieder seinen Preis bekommt, dass jede:r, der engagiert und kompetent an einer Sache arbeitet, eine faire Bezahlung erhält. Und dass das gute Buch auch einen stolzen Preis haben darf, den der Kunde gerne bezahlt, denn er weiß:Gutes hat seinen Preis!

Am 1.11.2021 vollendet Ihre Agentur das 7. Jahr. Warum ist das für Sie ein Jubiläum?

Kennen Sie die „sieben fetten und sieben mageren Jahre“ aus der Bibel? Das ist kein Geheimnis mehr: Diese gibt es gar nicht. Jeder Zyklus hat gute und schlechte Phasen, Freude und Ärger, Zeiten des Arbeitens und Zeiten der Ruhe. Was aber für mich zutrifft, ist der Zyklus selbst: Das Leben gestaltet sich meiner Erfahrung nach tatsächlich in einem Rhythmus von 7-Jahres-Schritten.

Arbeit muss in erster Linie Freude machen. Nur wenn ich das, was ich tue, gerne tue und mit Leidenschaft anpacke, bin ich gut darin; nur wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, bin ich wirklich gut in meinem Metier.

Welche Schritte waren das bei Ihnen?

Bei mir waren das: 0-7 Jahre: Kindheit in der Familie und bei Freunden / 8-14 Jahre: Rotzlöffel auf der Straße und auf dem Fußballplatz / 15-21 Jahre: Pubertät in Schule und Zivildienst / 22-28 Jahre: Adoleszenz in Seminare, Männergruppen, Lebensgemeinschaften / 29-35 Jahre: Berufsanfang in Redaktionen und Fortbildungen / 36-42 Jahre: Alltagspraxis im Lektorat und Autorengruppen / 43-49 Jahre: Midlife in Programmleitungen und Stellenwechsel / 50-56 Jahre: Konsolidierung in Verlagsleitung und Personalverantwortung / 57-63: Neuanfang in Selbstständigkeit und Agenturtätigkeit.

Und jetzt?

Ab 2022 (in dem Jahr werde ich 63) werde ich die Agentur noch einmal neu aufstellen: Beim zweiten Siebenjahreszyklus der „Agentur Altepost 2015“ werden wir uns noch stärker fokussieren. Ich werde weniger Bücher begleiten (dafür hoffentlich noch erfolgreichere), weniger Autor:innen betreuen (dafür noch bessere, und vor allem solche, die für ihre Sache brennen) und mich auch anderweitig im Sinne des neuen Claims engagieren.

Haben Sie dabei bestimmte Ziele vor Augen? Bislang waren Sie ja mehr dafür bekannt, sich gegen den Trend zu engagieren?

Dabei soll es auch bleiben. Obwohl Trends sich ja auch ändern können. Meine Agentur wird sich dafür einsetzen, dass Künstler, Autoren, Grafiker besser bezahlt werden; in unserer Tätigkeit werden wir noch stärker herausarbeiten, dass es nicht mehr, sondern weniger Bücher geben soll – dafür aber bessere, die noch schöner gemacht sind und im Buchhandel auch teurer sein müssen als bisher! Darüber hinaus werden wir auch immer wieder auf das solidarische gesellschaftliche Engagement verweisen; denn Bücher und gute Ideen sollen die Welt ja nicht nur beschreiben, sondern auch zum Positiven hin verändern! Denn auch eine gute, altruistisch handelnde Gesellschaft hat ihren Preis: das Engagement, die Wertschätzung und faire Entlohnung aller Beteiligten!

Wie sehen Sie denn die aktuelle Situation im Buchhandel?

Der Buchhandel ist doch eine der letzten Refugien unserer Welt, wo sich gegenseitiger Respekt, Kunden- und Menschenfreundlichkeit angesichts der wunderbaren Inhalte dessen, über das dort verhandelt und verkauft wird, geradezu aufdrängen. Wo, wenn nicht hier, können wir der Welt da draußen zeigen, dass es auch anders geht? Nach vielen Besuchen und tollen Gesprächen mit engagierten Buchhändler:innen der letzten Wochen möchte ich deshalb gerne am Schluss 7 Empfehlungen zur gegenseitigen Wertschätzung an alle weitergeben:

    1. Die Wiederentdeckung der Höflichkeit: Viele Kunden schätzen es sehr, wenn ihnen (wie früher beim Frisör, beim guten Optiker oder beim Lieblingsitaliener) einfach mal die Tür aufgehalten – oder sogar, wenn sich ein längerer Besuch abzeichnet, der Mantel abgenommen und aufgehängt wird. Schon die Frage, schon die Andeutung dazu wird ein Lächeln herbeizaubern – es sind die kleinen Dinge, die überzeugen.
    2. Ist der Kunde erst einmal im Geschäft, möchte er vielleicht kaufen, vielleicht aber auch einfach mal ein wenig lesen. Warum also nicht eine kleine Leseecke einrichten, in der vom Buchhändler ausgewählte und besonders empfehlenswerte Bücher liegen? Oder auch mal ein Lese-Exemplar aus dem Verlag? Der Kunde fühlt sich geehrt.
    3. Ein weiterer Service, den besonders ältere und kranke Kunden während des Lockdowns kennen und schätzen gelernt haben, jetzt aber nicht mehr missen möchten: der persönliche Lieferdienst. Ein mit einem lieben Gruß nach Hause vorbeigebrachtes Buch wird oft in besonderer Erinnerung (an den freundlichen Buchhändler) bleiben!
    4. Auch der Kunde möchte seine Dankbarkeit und Wertschätzung zeigen, weiß aber oft nicht wie (Trinkgeld ist im Buchhandel ja eher ungewöhnlich): Geben wir ihm doch die Gelegenheit, in dem wir (z.B. neben der Leseecke) ein besonders hübsches Sparschwein aufstellen mit der Aufschrift: „Ein Dankeschön für meinen wunderbaren Buchhändler“.
    5. Oder machen wir ihn auf eine besondere Aktion aufmerksam: „Kauf 1 – bezahle 2“. Die Idee dahinter: Vielen tut es nicht weh, im Wissen darum, einem anderen eine persönliche Freude zu machen, ein zweites Buch zu bezahlen. Und der nächste Kunde, der es sich vielleicht selbst nicht leisten kann, freut sich über ein unverhofftes Geschenk.
    6. Apropos Geschenk: Nicht nur zu Weihnachten freuen sich die Menschen über eine kleine Aufmerksamkeit. Eine schöne Postkarte umsonst, ein netter Anstecker, vielleicht sogar mal ein kleines Buch – das tut finanziell nicht weh, zeigt aber große Wirkung. (Wer noch schöne Weihnachtskarten dafür benötigt, kann sich diese bei der Agentur kostenlos – gegen Portoerstattung – bestellen)
    7. Und schließlich: „Tue Gutes – und rede darüber!“ Ein Hinweis im Geschäft: „Ich unterstütze die Welthungerhilfe – die Stiftung für krebskranke Kinder – o.Ä.“ motiviert so manche Kunden, selbst über ähnliche Aktionen nachzudenken (oder auch gleich in den bereit gestellten Spendentopf ein wenig Kleingeld zu legen).

Die Fragen stellte Franziska Altepost

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