Das Sonntagsgespräch Helge Malchow über die Folgen der Digitalisierung für die Buchbranche

Helge Malchow mit Sony Reader: „Wir müssen überlegen,
wie wir die Chancen der neuen Medien nutzen können,
ohne das Schicksal der Musikindustrie zu erleiden“

Auf einmal sieht es so aus, als könnte sich das lange totgesagte eBOOK durchsetzen und damit sogar eine Revolution einläuten. Das ist dann auch Titelthema im kommenden BuchMarkt–Augustheft (s. Abb.). Das geht Fragen wie dieser nach: Braucht die Buchbranche dann noch Großflächen-Läden, wenn es für die kommende iPod-Buch-Generation reicht, kleine Ladestationen für USB-Sticks oder Geräte wie den KINDLE oder SONY Reader zu planen? Zumindest in den Großverlagen wird jedenfalls bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, sich auf das neue Medium einzurichten.

Das war Anlass für unser SONNTAGSSGESPRÄCH mit KiWi-Verleger Helge Malchow. Die Fragen stellte Christian von Zittwitz:

Helge Malchow: Schade, daß Sie nicht sehen können, welchen Blick ich hier von meinem neuen Büro aus habe: Aus dem einen Fenster schaue ich auf den Dom, links aus dem Fenster auf den Hauptbahnhof und auf das Museum Ludwig. Und rechts sehe ich auf den WDR. Komisches Gefühl, ein bißchen wie ein Schiffskapitän.

Dessen Schiff gerade untergeht?
Dass wir uns nach 500 Jahren in einer Revolution befinden, was das Datenträgersystem Buch betrifft, das ist mittlerweile unbestreitbar. Der Einschnitt, den wir gerade durchleben, ist genauso dramatisch wie die Erfindung der Buchdruckerkunst.

Meinen Sie das ernst?
Ja, aber das ist auch eine Herausforderung, deren Dimensionen wir uns alle überhaupt noch gar nicht vorstellen können. Das mache ich aber nicht fest an den sogenannten eBooks, die jetzt auf den Markt kommen und die Anlass für Ihre Fragen sind, sondern ich meine die Digitalisierung generell, mit all ihren Facetten – die neuen Vertriebswege, die jetzt entstehen, die Downloadtechnologien beim Hörbuch, die Downloadtechnologien bei Texten, die verschiedenen Endgeräte, Lesegeräte, die Drucktechnologien, die weiter entwickelt werden. Oder den privaten Bereich, in dem man sich aus dem Netz selber seine Bücher zusammenstellen und drucken kann. Diese Veränderungen sind in all ihren Dimensionen – von der Produktion über die Rezension und über die Vermarktung von Büchern – überhaupt noch nicht abzusehen.

Macht Ihnen das nicht Angst?
Ehrlich gesagt halte ich das eher für eine interessante Herausforderung.

Auch, wenn man als Verleger jetzt auch noch Spezialist für neue Medien sein muss?
Na ja, da rudere ich eher zurück. Die Buchverlage müssen sich zwar von morgens bis abends intensiv mit den neuen Chancen und den neuen Problemen und Risiken beschäftigen, die durch die neuen Technologien entstehen, aber das gilt nicht unbedingt für den Verleger und die Lektoren. Die sollen weiterhin gute Bücher machen. Darauf kommt es auch in der neuen Welt an.

Das wirkt derzeit nicht so, wo wir alle über die Auswirkungen der neuen Technologien auf den Buchhandel reden…
Sie haben recht. Wenn man im Augenblick mit Verlegern redet, hat man das Gefühl: Das Telefon ist gerade erfunden worden und alle unterhalten sich nur noch darüber, wie ein Telefon von innen funktioniert. Aber das muss ich nur im Groben wissen. Ich muss vor allem dafür sorgen, dass durch das Telefon weiter interessante Meldungen übertragen werden.

Aber als Verleger sind Sie doch auch für das wirtschaftliche Ergebnis verantwortlich.
Zusammen mit dem kaufmännischen Geschäftsführer. Aber ich bin bei den strategischen Entscheidungen mit involviert.

Und was denken Sie bei diesem Thema? Ich halte es für gefährlich, dass wir nur noch über die Verbreitungstechnologien sprechen und nicht mehr darüber, was überhaupt verbreitet wird.
Da bin ich mit Ihnen einer Meinung. Schwierig ist nur, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung zu treffen, damit man nicht als Volltrottel da steht, wenn man zu lange zögert.

Sie meinen, wir dürfen nicht wie die Musikindustrie die Entwicklung verschlafen?
Seit mindestens zwei Jahren reden wir, wo immer wir unter Verlegern zusammensitzen, darüber, wie wir die Chancen der neuen Medien für unsere Zwecke nutzen können, ohne das Schicksal der Musikindustrie zu erleiden.

Die die Entwicklung des Internets ignoriert hat.
Das war nicht nur Ignoranz. Die Musikindustrie ist ja nicht durch die Digitalisierung in Schwierigkeiten geraten, sondern weil dadurch die Inhalte illegal heruntergeladen worden sind. Man war sich offensichtlich nicht einig, wie man darauf reagieren sollte. Wir fragen uns deshalb: was kann man dagegen für Geschäftsmodelle entwickeln und wie kann man verhindern, dass geistiges Eigentum einem Zustand des permanenten Mundraubs verfällt.

Das Thema ist auf einmal im Gespräch und dabei beschäftigt es die Verlage schon so lange?
Ja, auf vielen Ebenen. Die Diskussion über Sicherheitssoftware bei Downloads von Hörbüchern läuft z.B. seit zwei Jahren.

Seit es das Amazon-Gerät Kindle gibt, hat das Thema aber eine neue Dimension bekommen…
… weil zum ersten Mal offensichtlich eine relevante Stückzahl von diesen Lesegeräten verkauft wird. Wir sehen deren Vorteil jetzt ja auch: An dem Tag, an dem wir umgezogen sind, haben die Lektoren bei Kiwi alle einen Sony Reader bekommen, komischer Zufall.

Und?
Es ist sehr praktisch. Wir lesen einen Großteil unserer Manuskripte jetzt auf diesem Sony-Reader; die meisten Manuskripte bekommen wir mittlerweile sowieso elektronisch zugesandt. Früher haben wir kiloweise Manuskripte ausgedruckt und dann in unseren dicken Taschen durch die Gegend geschleppt. Das war aus heutiger Sicht unklug, für unseren Rücken und für den Regenwald. Die neue Technologie ist perfekt für uns als Lektoren und für alle, die beruflich mit Texten zu tun haben.

Was wird das für Folgen haben?
Wenn es uns gelingt, Downloadsysteme zu etablieren, schätze ich, dass dieser Markt in ein paar Jahren etwa fünf bis zehn Prozent unseres Umsatzes ausmachen könnte. Wenn es uns gelingt, es so zu organisieren, dass jemand, der über Kindle einen Text, der urheberrechtlich geschützt ist, runterlädt, und dafür die vom Verlag festgesetzte Summe auf elektronischem Wege bezahlt, dann ist es doch in Ordnung und eine große Chance. Dann gewinnen wir vielleicht sogar neue Leser und halten nicht nur die alten fest. Was wir nur verhindern müssen, ist, und da ist die Bundesregierung auch eine Adresse, z.B. Frau Zypries, dass die Digitalisierung nicht bedeutet, dass jeder überall alles umsonst lesen kann. Da muss sich leider die FDP durchsetzen, weil da anscheinend das stärkste Bewusstsein für geistiges Eigentum vorhanden ist.

Angesicht dieser Entwicklung müssten Ihnen die Großflächen-Buchhandlungen leidtun…
Die tun mir nicht leid, aber ich vermute mal, dass auch dort kein unbegrenzter Wachstum stattfinden wird. Aber ich glaube nicht, dass das Buch als Objekt in seiner traditionellen Form verschwinden wird, die neuen Technologien werden ein Ergänzungsmedium sein.

Das die dadurch entstehenden Umsatzeinbrüche auffängt?
Unsere Erfahrung, die wir beim Hörbuch gemacht haben: Seit zehn Jahren gibt es einen relevanten Hörbuchmarkt, mittlerweile erscheinen Hörbücher parallel zum Buch. Die Zahl der verkauften Bücher ist dadurch nicht zurückgegangen, eher gestiegen, es ist ein zusätzlicher Markt entstanden. Ich habe die vorsichtige Hoffnung, dass es hier nicht ganz anders sein wird.

Dazu glaube ich, dass sich in der Belletristik und im erzählenden Sachbuch dieses elektronische Lesen nicht im selben Maß durchsetzen wird wie in der wissenschaftlichen Lektüre und wie bei Ratgebern. Dort sieht es allerdings anders aus, wir bekommen es gerade bei der Novellierung des Urheberrechtsgesetzes mit: Da macht ein Professor ein Seminar zu einem Thema, dann wird das Fachbuch über Intranet den Studenten zur Verfügung gestellt. Es gibt Technologien auf der einen Seite, aber keine vernünftigen Lösungen auf der abrechnungstechnischen Seite. Das führt jetzt schon dazu, dass die wissenschaftlichen Verlage Umsatzrückgänge haben.

Haben Sie auch eine frohe Botschaft für die kleineren Buchhändler?
Ich denke, grundsätzlich leben die Großbuchhandlungen ja wie auch der Internetbuchhandel von der Idee, alles anbieten zu können. Das wirft eigentlich ganz alte Fragen auf. Nämlich die: Wer sortiert eigentlich für uns? Wo ist eigentlich die Adresse, die mir sagt, für welche Bücher ich mich eigentlich interessieren könnte? Und eine dieser Adressen kann auch ein kleiner, intelligent geführter Buchladen sein.

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