"Er ist der beste Anwalt des Programms geworden" Herbert Ohrlinger (60)

Herbert Ohrlinger, der Verlagsleiter des Paul Zsolnay Verlags Wien, wird heute sechzig Jahre alt. Ihm gratuliert Michael Krüger – und erzählt damit gleichzeitig auch ein berührendes Stück Verlagsgeschichte: 

Herbert Ohrlinger © László Bárdossy

Lieber Herbert Ohrlinger – erinnern Sie sich noch daran, wie wir zum ersten Mal in das Archiv des Zsolnay-Verlages gestiegen sind, das in einem nahegelegenen Keller untergebracht war?

Den Schlüssel verwahrte Frau Haindl, die mit Frau Kaindl im einzigen geheizten Büro der ehrwürdigen Verlagsräume saß; die Füße hatten die beiden skurrilen Damen auf den alten Vertragsordnern abgelegt, in denen immerhin Verträge mit Graham Greene, John Le Carré, Stephen King und Friedrich Torberg, von H.G. Wells und Leo Perutz lagerten.

Den Verlag hatten einige der Vorbesitzer so auf den Hund kommen lassen, dass man sich nur schwer vorstellen konnte, wie man daraus einen modernen Verlag schneidern sollte. Aber das Archiv! Sie empfahlen mir, beim Eintritt laut in die Hände zu klatschen, um die Nagetiere zu vertreiben, die an den alten Korrespondenzen nagten. Einige der Korrespondenzen hatten die Nazis gestohlen (Schnitzler, Werfel), aber in der allgemeinen Ablage fand ich noch die herzzerreißenden Briefe von Shalom Asch, der dringend um fünfzig Mark postlagernd nach Nizza bat, und Sie fanden Briefe von Hofmannsthal, die er anlässlich einer Festschrift  für Richard Strauss an den Verlag geschrieben hatte.

Wem kann man einen solchen Verlag anvertrauen, der einerseits noch ganz in der prekären Wiener Vorkriegszeit angesiedelt war, dann aber, nach der Rückkehr Paul von Zsolnays aus der Emigration, ein moderner Verlag mit internationaler, vor allem englischer Ausrichtung geworden war, bis er plötzlich von der Bildfläche verschwand und nur noch von Haindl & Kaindl beatmet wurde?

Herbert Ohrlinger hieß der Mann! Ach, die wunderbaren Tage, an denen wir, die Hanser-Leute (Felicitas Feilhauer, Stephan Joß und ich) über das knarrende Parkett schlichen, auf dem schon Franz Werfel gestanden hatte, und  mit Herbert Ohrlinger über Konzepte diskutierten; die Nächte im Restaurant „Engländer”, um Autoren für den Verlag zu gewinnen. Mit Geduld und großer Kenntnis hat Ohrlinger sie alle versammelt, Konrad Paul Liessmann und Armin Thurnher, Karl-Markus Gauß, Franz Schuh, Martin Pollack, Barbara Coudenhove-Kalergi und Ulrich Weinzierl und viele, viele andere. Und als eines Tages durch einen jener seltsamen Zufälle, die unseren Beruf so spannend machen, die Romane von Henning Mankell bei Zsolnay erschienen, war der Verlag aus dem Schneider und die Gesellschafter des dtv bekamen bei dem Namen Zsolnay geradezu liebliche Mienen in ihren ansonsten knallharten Physiognomien.

Und mittendrin in all dem Trubel saß und sitzt Gott sei Dank immer noch Herbert Ohrlinger im Kreise von einer kleinen Schar Damen und Herren und ist der beste Anwalt des Programms geworden, in dem Hasen mit Bernsteinaugen und Kolibris gleichermaßen den Ton angeben getreu dem Motto: „Ändert sich nichts, ändert sich alles!”

Jetzt wird er sechzig, und ich hoffe, er hält noch zehn Jahre durch.

Herzlichen Glückwunsch

Ihr alter Freund Michael Krüger

Kontakt: herbert.ohrlinger@zsolnay.at

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