Das Sonntagsgespräch Hermann-Josef Emons: Regionalkrimis – was nahe liegt, geht Lesern auch eher nahe

Hermann-Josef Emons ist Gründer, Eigentümer und Leiter des Verlages Emons in Köln.

HeJo Emons

BECKMANN: Wenn ich recht unterrichtet bin, verdanken wir einen der ersten richtigen Regionalkrimis der Tatsache, dass Sie Kölner aus Leidenschaft sind.

EMONS: Kölner zu sein ist eine Last und eine Lust. Eine Last, weil viele denken, der hat nur Blödsinn im Kopf, eine Lust, weil es in Köln, der nördlichsten Stadt Italiens, angenehm zu leben ist. Tatsächlich habe ich mir bei der Verlagsgründung gesagt: Wir machen alles, was die großen Verlage machen, aber eben auf diese Stadt Köln bezogen. Das zweite Buch war dann 1984 der erste Köln-Krimi, der erste Regionalkrimi, der sich dazu bekannte.

BECKMANN: Und wie war das Echo?

EMONS: In Köln war das Echo wirklich sehr gut. Die Startauflage von 5000 Exemplaren war innerhalb weniger Wochen vergriffen, die FAZ nannte den Autor den „Chandler vom Rhein“.

BECKMANN: Sie brachten dann weitere in Köln spielende Krimis heraus. Da ist es doch gewiss bei eher kleinen Auflagen geblieben, oder? Denn im Unterschied zu Bewohnern anderer Städte mit meist gedämpfterem Lokalstolz mag ja der Kölner „selbstbesoffen“ in seiner Heimatliebe – aber der Markt ist doch eigentlich klein…

EMONS: Das waren immer schöne Auflagen, die Geld verdient haben. Man kann den Kölner Markt gar nicht überschätzen.

BECKMANN: Welcher Ihrer Köln-Krimis hat sich am meisten verkauft? War es ei n Ein-Buch-Erfolg des Autors – oder gar der Beginn einer Schriftstellerkarriere?

EMONS: „Tod und Teufel“, ein Köln-Krimi Classic von Frank Schätzing ist unser meisterverkaufter Titel, und über die Karriere des Autors weiß ja wohl jeder Bescheid.

BECKMANN: Haben Sie aus Ihren verlegerischen Erfahrungen mit Köln-Krimis eine Lehre ziehen können – etwa eine allgemeine Erkenntnis, warum solche Belletristik bei den deutschen Lesern so gut ankam?

EMONS: Nun ja, wir haben dieses Konzept auf viele Städte und Regionen angewendet und haben inzwischen 31 Gebiete, in denen wir Regionalkrimis machen. Allein in diesem Jahr bringen wir 75 Neuerscheinungen heraus. Der Leser hat offensichtlich gern Romane, die in seinem Umfeld angesiedelt sind. Was nahe liegt, geht einem auch eher nahe.

BECKMANN: Sie haben ein breit anwendbares Spezialrezept für deutsche Krimis gefunden…

EMONS: Das Konzept ist, Regionalliteratur auf einem guten Niveau zu machen. Wir geben uns verdammt viel Mühe mit den Texten, denn wir haben viele Erstlingsautoren, Autoren, die wir intensiv betreuen. Zum Beispiel hat Friedrich Ani bei uns seinen ersten Krimi geschrieben.

BECKMANN: Nun ist ja der Kriminalroman seit langem sehr stark und genau auf bestimmte Orte und Gegenden fixiert. So spielen bei Conan Doyle für Sherlock Holmes die Baker Street und London eine markante Rolle. Dashiell Hammett und Raymond Chandler brachten Kalifornien und Los Angeles auf den literarischen Radarschirm. Simenon hat ein beispiellos präzises Bild von Paris und den Parisern gezeichnet. Leonardo Scciascia hat der Welt mit der Mafia Sizilien vorgeführt. Ian Rankin portraitiert das moderne Edinburgh. Etc etc. Es ist aber noch nie wer auf die Idee gekommen, ihre Romane als Regionalkrimis zu bezeichnen. Auch ist mir aus anderen Ländern kein entsprechender Begriff bekannt. Worin besteht also das Charakteristische des deutschen Regionalkrimis?

EMONS: Natürlich gibt es den Regionalkrimi auch in anderen Ländern. Carofiglio und Camiglieri in Italien sind ausgesprochene Regionalkrimis. Es geht doch bei einem guten Regionalkrimi darum, die Atmosphäre einer Stadt, die spezifischen Bedingungen, ob politische oder gesellschaftliche einzufangen. Das ist bei Chandlers Los Angeles so, bei Carofiglios Bari, bei Anis München oder bei Nygaards Nordfriesland.

BECKMANN: Wohlmeinende Kritiker sprechen hier gelegentlich von einem Subgenre des Kriminalromans. Kritiker mit bösem Blick dagegen halten den Begriff „Regionalkrimi“ für eine geniale Marketing- und Vertriebsidee.

EMONS: Dass das eine geniale Vertriebsidee ist, ist ja grundsätzlich nichts Schlimmes. Ärgerlich ist lediglich, dass die Kritiker mit dem bösen Blick sich in den meisten Fällen noch nicht einmal die Mühe machen, die Bücher aufzuschlagen, sondern sie einfach als Regionalkrimis aussondern, obwohl da wahre Schätze für sie zu entdecken sind. Verlage wie Piper, die sich jahrelang zu fein für Regionalliteratur waren, setzen, nachdem sie einen erfolgreichen Titel in diesem Genre haben, ja nun auch mit einer Vehemenz, die bis zum Ansprechen von Autoren anderer Verlage geht, auf diese Thematik.

BECKMANN: Sie selbst sehen den Regionalkrimi inzwischen als eine „neue deutsche Heimatliteratur“ – da hätte der Krimi dann eine gute alte Tradition, die in Misskredit geraten ist, wieder zu Ehren verholfen. In ähnlicher Weise ist es exzellenten Kriminalschriftstellern ja gelungen, den abgetakelten realistischen Gesellschaftsroman neu zu beleben. Ist mit der EU und dem Globalismus in Deutschland „Heimat“ nun wieder „in“ – auch literarisch?

EMONS: Wir haben im Film eine ähnliche Tendenz. Heimat ohne Tümelei kann doch unglaublich spannend sein. Ein bayerisches Dorf, wie etwa Tannöd, kann da viel mehr über die Menschen und unsere Gesellschaft aussagen und ist zudem inzwischen exotischer als jede thailändische Insel.

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