Dincer Gücyeter über den Erfolg des "Handbuch des Erinnerns und Vergessens" „Ich sage ganz bescheiden: Kopf hoch, die Welt braucht uns“

Ein Kurzgeschichtenband des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson hat sich bei dem eigentlich auf Lyrik spezialisierten ELIF Verlag zum kleinen Bestseller entwickelt. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit dem Verleger Dincer Gücyeter: Braucht es erst einen Corona-Lockdown, um Kurzprosa zu entdecken? 

Dincer Gücyeter: „Auch wenn die Lage unverändert bleibt, sage ich ganz bescheiden: Kopf hoch, die Welt braucht uns“ © Paul Henri Campbell

 

BuchMarkt: Ihr Erfolg mit dem „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson scheint ein guter Grund, jeglichen Vorbehalt gegen das Genre Kurzprosa aufzugeben.

Dincer Gücyeter: Ja, das hat mich gefreut und auch erstaunt – schon im ersten Lockdown haben sichtlich viele Leser diese Vorbehalte über Bord geworfen,  der Band erlebte sogar schon mehrere Auflagen.

Was ist an dem Band so besonders, machte es die schöne Ausstattung?

Der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht: Alle dreizehn Geschichten dieses Buches sind wie Ausgrabungen, je tiefer man blickt, desto reicher wird die Fantasiewelt der Leserinnen und Leser bestückt. Ganz gleich, ob er liest, wie ein junger Bursche sich in der Warteschlange eines Lebensmittelladens auf dem Land in seine Zukunft vertieft oder ein anderer in der Struktur von Ingwerwurzeln ein Abbild der menschlichen Anatomie entdeckt. Und beinah immer geht es in den Geschichten – durchaus mit warmem Humor erzählt –, um die fragile Verlässlichkeit von Erinnerungen, um die Fragwürdigkeit vermeintlicher Wahrheit, um die schöne Schwierigkeit einer Grenzziehung zwischen Wirklichkeit und Traum.

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Wem könnte ein Buchhändler denn diese Geschichten mit welchem Argument am besten verkaufen?

Jedem Leser, jeder Leserin, der / die sich für gut erzählte, an Pointen und Erkenntnissen reicher Literatur interessiert. Ragnar Helgi Ólafsson zaubert aus kurzen Momenten des Lebens große Geschichten – voller Empathie und Sympathie für eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Charaktere. Deren auch an Universalwissen reichen Stories zu lesen, ist durchaus ein Gewinn und macht zugleich großen Spaß. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Übersetzerduo Jon Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer dieses Werk mit großem Einfühlungsvermögen übersetzt haben.

Wie sind Sie denn mit Ihrem kleinen Verlag in Nettetal auf diesen großartigen isländischen Autor gestoßen?

Wolfgang Schiffer drückte mir 2016 auf der Leipziger Buchmesse die Leseprobe des Gedichtbandes Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können von Ragnar Helgi Ólafsson in die Hand. Beim ersten Überfliegen der Texte war ich begeistert, ich las Texte, die man nachsingen möchte, etwas Neues, unbeschwert und ermutigend. Diesen Gedichtband hat ELIF 2017 dann veröffentlicht, inzwischen liegt er in der 3. Auflage vor. Und es war natürlich mehr als naheliegend, dass den Gedichten auch die Publikation der als Kurzgeschichten überzeugende Story-Sammlung folgen würde.

Sie haben mit Ólafsson und seinen Übersetzern, dem Duo Gíslason/Schiffer, wenigstens eine Auftakt-Veranstaltung machen können – dann kam Corona. Trotzdem ist das Buch mit dem eigentlich ungeliebten Genre der Kurzprosa für die Verhältnisse eines Kleinverlags ziemlich durch die Decke gegangen. Wie erklären Sie sich das?

Der Autor vermittelt in seinen Geschichten, dass es auch in unmöglichen Zeiten immer noch einen Ausweg gibt, geben muss! Und vielleicht sind diese schweren Zeiten die Momente, wo man beginnt, an einer neuen Stelle zu graben. Alle Vorgaben zu vergessen und neue Dimensionen zu betreten. Genau diese Art Manifest haben die Leserinnen und Leser im Handbuch … entdeckt.   Das ist natürlich nur meine Theorie, es kann auch etwas anderes sein. Die begeisterten Rezensionen darf man selbstverständlich auch nicht vergessen.

Aber Sie sind kein Spezialverlag für isländische Literatur?

Nein, wir haben – mit einem generellen Schwerpunkt auf Lyrik – neben einer stetig wachsenden Island-Reihe auch Übersetzungen aus dem Türkischen, Norwegischen, Niederländischen und aus manch anderen Sprachen im Programm. Und natürlich und vor allem deutschsprachige Lyrik. Besonders wichtig sind für mich hier die Debüts. Nichts im Leben ist schöner, als einen jungen Menschen zu dem ersten Schritt zu ermutigen. ELIF VERLAG ist mittlerweile eine Text-Werkstatt, ein Treffpunkt für verschiedene Generationen und Kulturen. Nur so kann Diversität entstehen.

Sie veröffentlichen in etwa 8 bis 10 Titel pro Jahr. Was sind denn dabei, abgesehen von den angesprochenen Titeln aus Island, die Highlights in Ihrem bisherigen Verlagsleben?

Die Lyrik-Debüts Gedanken Zerren von Özlem Özgül Dündar und Alles ausser Haiku von Hung-min Krämer sind bis heute immer noch unsere Longseller. Und 2018 haben wir uns gewagt, auch erste Gedichte für Kinder zu veröffentlichen, gestartet sind wir mit dem Band Die Muße der Mäuse von Uwe-Michael Gutzschhahn; das Interesse der Bibliotheken, Schulen und Eltern war überwältigend!

Und in diesem Corona-Jahr mit oft geschlossenem Buchhandel?

Es war und ist immer noch schwer. Ich sehe die Buchhandlungen besonders für uns, die unabhängigen Verlage als die wichtigsten Komplizen. Das einzig Gute in diesem Jahr war, die Treue der ELIF-Leserinnen und Leser zu sehen, die mit großem Einsatz die Neuveröffentlichungen verfolgt und über unseren Web-Shop bestellt haben. Doch die Tatsache, dass die Buchhandlungen in den meisten Bundesländern schließen mussten, hat in der gesamten Branche einem tiefen Einschnitt hinterlassen.

Haben Sie eine Art Geheimwaffe, um – nicht zu Letzt in der Konkurrenz zu den großen Verlagen – überleben zu können?

Eine Geheimwaffe ist vielleicht übertrieben. Wenn es eine Geheimwaffe gibt, dann kann es nur gute Literatur sein. Ich kommuniziere sehr gerne mit den Leserinnen und Lesern, bleibe in Kontakt, auch über die sozialen Netzwerke; wir tauschen uns aus. Und: Als Verlag soll man auch den Mut/ die Freiheit besitzen, die Leserinnen und Leser mal zu überraschen. Meiner Meinung nach arbeitet die Branche immer noch zu sehr nach geschlossenen Konzepten, in Schubladen, diese Einstellung lehne ich persönlich ab. Gute Literatur bleibt gute Literatur, egal in welcher Form.

Warum muss man ausgerechnet die Frühjahrsnovitäten von ELIF lesen?

Weil es wieder Überraschungen gibt wie z.B. das Lyrik-Debüt von Yu-Sheng Tsou; selbst in der Lyrikszene ist sein Name bisher nie aufgetaucht. Der Band Mehrfach abwesend der niederländischen Lyrikerin Ester Naomi Perquin und das kleingedruckte des Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir zeigen in poetisch-scharfen Bildern ein Abbild der neuen Welt-Gesellschaft. Dann gibt es das wunderbare Projekt POEDU, eine Lyrikwerkstatt, bei der sich 25 Dichterinnen und Dichter mit über 50 Kindern getroffen und Gedichte geschrieben haben, als Buch jetzt herausgegeben von Kathrin Schadt; die Vorbestellungen hierzu sind gerade sehr erfreulich. Und zu guter Letzt haben wir den Gedichtband Die Verwertung von René Hamann im Programm, alles in allem ist eine kraftvolle Mischung.

Was ist Ihre Botschaft für Handel und Leser für die Nach-Corona-Zeit, die ja vielleicht noch in diesem Jahr anbricht?

Ich bin für jede fruchtbare Idee, die von Kolleginnen und Kollegen vermittelt wird, sehr dankbar; auch hier versucht man mit aller Kraft, kreative Strategien zu entwerfen; das Resultat werden wir in kommender Zeit zusammen sehen. Doch auch wenn die Lage unverändert bleibt, sage ich ganz bescheiden: Kopf hoch, die Welt braucht uns! :)

Die Fragen stellte Ulrich Faure

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