Norbert Klugmann über seine Realsatire „Bitte parken Sie nicht in unserem Schaufenster“ „Ich weiß, dass alte Menschen eine Sturheit entwickeln können, an der die Sorge ihrer Kinder erfolglos abprallt!“

Mit seiner Realsatire „Bitte parken Sie nicht in unserem Schaufenster“ (Gmeiner Verlag) greift Norbert Klugmann eine skurrile Unfallserie auf, die in Deutschland für Aufsehen gesorgt hatte. Das war Anlass für unser heutiges Gespräch mit dem Autor von mittlerweile rund 75 Büchern.

Norbert Klugmann: „In den Bruchpiloten kann man die Wiedergeburt der historischen Studentenbewegung mit mehr PS erkennen. Aus SDS wird SUV, prägnanter kann man die jüngere deutsche Geschichte ja auch kaum beschreiben“

Worum geht es in Bitte parken Sie nicht in unserem Schaufenster?

Norbert Klugmann: Um die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Das klingt  nicht gerade verheißungsvoll als Thema …

… war aber ein gefundenes Fressen für mich als Autor, nicht nur für die Medien, denen diese skurrile Unfallserie vor mir aufgefallen war.

Das ist an mir vorbeigegangen. 

Über einen Zeitraum von mehreren Jahren verwechselten hier in Hamburg in der Waitzstraße betagte Autofahrer in der außergewöhnlich schönen Einkaufsstraße beim Ausparken immer wieder Gas und Bremse. Entweder rauschten sie dann in das Schaufenster von Einzelhandelsgeschäften oder einer Bank oder sie trafen die Hauswand. Jedes Mal nach einer Fahrstrecke von circa zehn Metern, jedes Mal mit alten Menschen am Steuer, die hinterher keine Erklärung dafür lieferten, wie es dazu kommen konnte.

Und was war daran das „gefundene Fressen“ für Sie?

Man muss einen Sinn für surreale Situationen besitzen, zumal sich auch nach dem Crash alles wiederholte: Die Politiker des Bezirks erzeugen erst pflichtschuldige Betroffenheit, danach Investitionen in sechsstelliger Höhe für Sicherungsmaßnahmen und am Ende komplette Erfolglosigkeit. Denn die Senioren finden auch künftig stets punktgenau die Lücke im System und zwischen den Pollern. Die geschädigten Geschäftsleute halten sich in ihren Äußerungen zähneknirschend zurück, denn fast jeder Unfallverursacher ist auch ein langjähriger Stammkunde. Und alle Medien kommentieren behaglich das taufrische Kapitel der endlosen Saga mit milder Bösartigkeit.

Sprechen Sie auch aus eigener Erfahrung als Autofahrer?

Ich habe keinen Führerschein, ich habe mein Leben als Beifahrer charakterstarker Fahrerinnen verbracht, die bei aller Unterschiedlichkeit im Detail erstaunlich wenig Wert auf Äußerungen zu ihrer Fahrtüchtigkeit legten. Aber für die Unfälle in der Waitzstraße braucht man auch hauptsächlich schreiberische Phantasie. Und ich weiß, dass alte Menschen eine Sturheit entwickeln können, an der die Sorge ihrer Kinder erfolglos abprallt.

Mit welchem Argument lässt sich das Buch wem am besten verkaufen?

Ich habe weder Sachbuch noch Dokumentation geschrieben, sondern einen unterhaltenden Roman. Meine Sympathie gehört den Crashpiloten, denn auf sie wartet die Höchststrafe.

Höchststrafe?

Der Familienrat tagt und man wird ihnen ans Herz legen, freiwillig den Führerschein zurückzugeben – bevor noch Schlimmeres passiert. Eine brisantere familiäre Situation lässt sich kaum vorstellen. Nun liegen die Nerven wirklich blank, nun wird es grundsätzlich, nun geht es hin und her zwischen Psychotricks, Geschrei und heiklen Stichworten wie „Erbe“ und „Zurechnungsfähigkeit“. Da freut sich der Autor. In diesen Momenten verwandelt sich die Suche nach den Unfallursachen in einen Generationenkrieg und in eine familiäre Tragödie. Mehr Tschechow als Sebastian Vettel.

Sie haben recht, das ist ein Them, das auf uns alle im Alter zukommt. Wie stehen Sie zu der Forderug von obligatorischen Tests zur Ermittlung der Fahrtüchtigkeit ab einem bestimmten Alter, die immer wieder erholen wird?

Ich halte das für eine skandalöse Einschränkung der künstlerischen Freiheit. Denn diese Unfallserie ist ein zutiefst menschliches Thema: Was ist noch Freiheit? Was ist bereits Gefährdung? 

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Auf diesen grundsätzlichen Konflikt haben Sie in Ihrem  Roman dramaturgisch noch eine Ebene draufgesattelt.

Ja, mit einem umtriebigen alten Professor der Hamburger Kunsthochschule installiere ich eine Figur, die in den Bruchpiloten die Wiedergeburt der historischen Studentenbewegung mit mehr PS erkennt. Aus SDS wird SUV, prägnanter kann man die jüngere deutsche Geschichte ja auch kaum beschreiben. 

Sie schaffen es dann sogar, in die gutbürgerlichen hanseatischen Elbvororte einen Hauch Wildwest-Romantik zu implantieren.

In die Unfallserie in der Waitzstraße platzte im Jahr 2019 im ebenfalls wohlhabenden Hamburger Nordosten ein spektakulärer Unfall, bei dem ein SUV durch das Erdgeschoss eines großen Kaufhauses bretterte – wieder ohne Personenschaden. Daraus entwickle ich das Duell zwischen westlichen und nordöstlichen Crashpiloten: ein Autorennen in einer Kieskuhle, um ein für alle Mal den wahren und einzigen und besten Teufelsfahrer herauszufinden. Das war die Phase, in der sich der Roman praktisch von alleine schrieb. Und mit lächelndem Gesicht. Dee NDR hat darüber dann auch einen köstlichen Beitrag gebracht.

Wo kann man den im Netz finden?

Damit Sie nicht lange suchen müssen: HIER

Ich freue mich drauf, noch kann auch ich über das Älterwerden lachen. Was ist Ihr nächstes literarisches Unternehmen?

Momentan warte ich auf den Tag, an dem sich der Verlag mit den bisher erzielten Verkaufszahlen zufrieden zeigen wird. Dann könnte es einen Nachfolgeband geben, der zweite Roman liegt bereits fix und fertig vor. Schauplatz diesmal: Das Alstertal im Hamburger Norden. Der Kriegsschauplatz ist hier nicht die Straße, sondern die Alster. Im Norden ist sie ein lauschiger kleiner Fluss, auf dem man wunderbar Bootsrennen austragen kann.

Und dann ist es aber gut?

Fast. Dann wartet der Abschluss der Trilogie, in dem die Senioren aus den finanziell bestens ausgestatteten Elbvororten im äußersten Osten der Hansestadt mit der ihnen bis dahin unbekannten großen Hochhaussiedlung Mümmelmannsberg das Paradies auf Erden kennenlernen werden: ein Quartier, in dem es vor freien Parkplätzen nur so wimmelt. Da müsste sich doch was machen lassen – ausparkmäßig und dramaturgisch.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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