Das Sonntagsgespräch Klaus G. Saur über den Wandel des Publizierens und den „Traumberuf Verleger“

Prof. Dr. h.c. mult. Senator e.h. Klaus G. Saur ist der wohl meistgeehrte Verleger der Welt. Seinen auf den weltweiten Bibliotheksmarkt spezialisierten K. G. Saur Verlag hat er 1987 für eine Rekordsumme verkauft: Später wäre sie durch die Entwicklung des Internets nicht mehr zu erzielen gewesen.

Warum das so war – auch darin geht es in diesem Sonntagsgespräch. Aber auch darum, warum Verleger zu sein „ein Traumberuf“ ist. Denn am 12. Mai erscheint bei Hoffmann und Campe sein Buch „Traumberuf Verleger“. Christian von Zittwitz, langjähriger Weggefährte, sprach mit dem 69jährigen Verleger, der nach dem Verkauf seines Verlages an Reed-Elsevier bis 2003 weiter geschäftsführender Verlagsleiter in „seinem“ Verlag blieb und später als de Gruyter-Gesellschafter seinen alten Verlag sogar zurückkaufen konnte. Auch jetzt im Ruhestand ist Saur weiter als Autor tätig und hat eine Vielzahl an Ämtern inne, u. a. ist er dazu Ehrenmitglied des Vereins Deutscher Bibliothekare und Vorstandsmitglied der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.

Neue Erscheinungsformen bleiben
weniger haltbar

Was war Dein Motiv, Memoiren zu schreiben?

Klaus G. Saur: Ach, ich hatte Dir doch von meiner Erkrankung erzählt. Zwischen den zwei Operationen und der Bestrahlung hatte ich im Krankenhaus genügend Zeit zum Nachdenken.

Und dann geht Dir Deine Bedeutung durch den Kopf?

Nein, aber die Zeitspanne, die ich miterlebt hatte: Ich war immerhin 50 Jahre lang Verleger, ich habe fast 10.000 Titel in mehr als 20.000 Ausgaben, Auflagen und Bänden verlegt. Und ich war vor allem in einem Maße international tätig, wie außer mir nur noch Springer-Verleger Heinz Götze. Aber eigentlich wollte ich das nur für mich und meine Familie festhalten.

Und für wen hast Du jetzt geschrieben?

Natürlich habe ich weiter die Familie vor Augen und die Kolleginnen und Kollegen aus dem Buchhandel, aber eigentlich noch mehr die Bibliothekare. Ich erzähle das auch im Buch, dass ich eigentlich Bibliothekar werden wollte, dies aber aus nachgewiesener Dummheit nicht werden konnte.

Dafür hast Du Dich als Fachverleger für die Bibliothekare weltweit gerächt …

… Ja, ich habe sie dann all die Jahre mit unendlich vielen Büchern verfolgt.

Angekündigt waren von Hoffmann & Campe 400 Seiten, es sind jetzt nur 220.

Es waren auch nur 250 Seiten vereinbart, aber ich habe natürlich aus meinen Entwürfen immer wieder viel gestrichen, weil es eigentlich zu unbedeutend war oder unwichtig.

Ich hätte gern über Weggefährten wie Unverhau, Panskus und weitere Kollegen gelesen …

… was aber nur für einen ganz kleinen Kreis von Insidern – wie Dich – wirklich interessant gewesen wäre. Ich wollte erzählen, wie es möglich war, 50 Jahre in diesem Beruf tätig zu sein, zumal ich davon ausgehe, dass eine solche Kontinuität nicht mehr kommen wird, weil immer mehr permanenter Wandel notwendig ist.

Was meinst Du damit? Wandel ist doch nichts Neues?

Natürlich haben sich in all diesen Jahren die Techniken und die Möglichkeiten auch ständig geändert, aber nicht unbedingt zum Besseren.

Wohin fährt denn der Zug?

Ich habe versucht, in den Kapiteln „Die Zukunft des Buches“ und „Die Zukunft des Verlages“ anzudeuten, welche Möglichkeiten ich eigentlich sehe. Ein Schlüsseljahr war 1987, als wir alle merkten, Information ist der Stoff der Zukunft. Je mehr Datenbanken ein Verlag hatte, desto wertvoller wurde er angesehen. Das zeigte sich in enormen Summen, die für Verlage gezahlt wurden…

Zu viel, wie sich schnell herausstellte…

Ja, man erkannte nicht, dass der Wert dieser Datenbanken im Laufe der Jahre durch die Internet-Entwicklung nicht steigen, sondern dramatisch sinken würde. Heute sind in einem extremen Maße Informationen kostenlos lieferbar, die früher für wirklich teures Geld verkauft werden konnten.

Darauf gehst Du auch in Deinem Buch ein.

Ja, z.B. Das „Publishers International Directory“ hatte in den 80er Jahren eine Auflage von 2.000 Exemplaren und wurde jedes Jahr gut verkauft. Heute beträgt die Auflage für die gedruckte Ausgabe noch etwa 200 Exemplare, für die elektronische Version etwa 100. Damals konnte mit diesem Buch ein Gewinn von über 25 % erzielt werden, heute sind es maximal 3 bis 5 % und es sind in den letzten Jahren diverse Nachschlagewerke eingestellt worden, weil die Deckungsauflage einfach unterschritten wurde.

Du hast Deinen Verlag aber noch für eine Rekordsumme verkaufen können.

Ja, das stimmt. Aber wie gesagt, der Blick 1987 war völlig anders, so habe ich 1987 einen Preis von 14 Millionen Dollar erzielt. 2006, als wir bei De Gruyter dann den Verlag Saur plus Niemeyer und Francke gekauft haben, mit dem doppelten Umsatz gegenüber 1987 und mit einer wesentlich höheren Renditemöglichkeit als 1987, war der Preis nur noch die Hälfte des Betrages von 1987.

Was hat sich im Rückblick noch geändert?

Wir reden über meine fünfzig Jahre… da gab es viele grundsätzliche Veränderungen. Die erste begann schon bei meinem Start 1958. In diesem Jahr wurde das Xerox-Kopierverfahren erfunden. Bis dahin kostete eine Agfa-Nasskopie 1 DM und war ungeheuer umständlich zu erstellen. Heute kostet eine Kopie 1 oder 2 Cent.

Was sich für die Verlage dramatisch ausgewirkt hat…

Ja, damals lohnte es sich nicht, aus einem Buch zehn Seiten zu kopieren, weil häufig der Preis des ganzen Buches schon niedriger war als das Kopieren. Nun ist es komplett umgekehrt. Dies hat insbesondere bei den Lehrbüchern zu einer dramatischen Auflagenreduktion geführt, hat aber den gesamten Buchmarkt insgesamt ganz erheblich beeinflusst.

Du schreibst auch über die Veränderungen in „Deinem“ Bibliotheksmarkt…

Der sich auch drastisch verengt hat. Während man in den 60er oder 70er Jahren eine Bibliotheksauflage von 400 mehr oder weniger automatisch verkaufen konnte, reduziert sich dies heute auf etwa 40 bis 50 Exemplare. Und durch die abnehmende Verbreitung der deutschen Sprache wird der Export deutscher Bücher immer schwieriger, während der Anteil der englischsprachigen Produktion immer mehr zunimmt – in den ersten Jahren lag der bei mir bei Null und stieg dann auf über 60 %.

… und Du schreibst über den Konzentrationsprozess bei den Verlagen.

In den 60er und 70er Jahren war die Verlagsbranche noch völlig in privaten Händen. Bis 1991 waren die Vorsitzenden des Verlegerausschusses oder auch die Vorstandsmitglieder des Börsenvereins so gut wie immer Unternehmer-Verleger. Mein Vorstand des Verlegerausschusses 1991 bis 1994 war der erste, der aus drei Angestellten bestand. Meine Kollegen waren Frau Dr. Kuhlmann von Enke-Verlag, Dr. Göbel, dtv und ich. Die Zahl der Verlegerpersönlichkeiten hat sich erheblich reduziert. Ich will niemand zu nahe treten um zu sagen, wen ich heute noch in diese Kategorie aufnehmen würde

Hast Du einen Rat für die nächste Generation?

Sie muss einfach innovativ bleiben, das aber ungemein! Sie muss ständig neue Erscheinungsmöglichkeiten auftun, um neu publizieren zu können. Man muss dabei davon ausgehen, dass alle neuen Formen immer nur begrenzt haltbar sind und dass deren Lebenszeit sehr kurz ist.

Gilt das auch noch für das Buch?

Das Buch war und ist seit 500 Jahren das wunderbarste Medium und ist technisch im Grunde genommen trotzdem gleich geblieben. Der Mikrofilm, 1928 erfunden, ergänzt durch den

50 Jahre hat K.G. Saur
die Buchbranche
mitgestaltet

Mikrofiche 1936, hielt etwa 50 Jahre. Das Telefax, 1984 herausgekommen, hatte seine Blüte in knapp 20 Jahren. Die CD-ROM 1984 zum ersten Mal herausgekommen, hielt im Grunde genommen nur 10 Jahre. Das gleiche gilt für die DVD. Die verschiedenen Abspielgeräte für Online-Informationen haben eine sehr begrenzte Lebenszeit. Das heißt, man muss immer mehr in kurzfristige Produktionen investieren.

Du zeigst es aber auf: Es gibt immer wieder neue Möglichkeiten.

Ja, Books on Demand ist eine dieser relativen vielen Möglichkeiten, die jetzt einsetzbar sind. Es ist faszinierend zu sehen, dass die Druckindustrie, die bis vor 10 Jahren immer nur noch mehr Maschinen, die 10.000er und höhere Auflagen noch schneller, noch besser, noch billiger herstellen konnten, endlich begriffen hat, dass die Zukunft nicht in den Großauflagen, sondern in den Klein-, Kleinst- und Einzelauflagen liegt. Seit fünf Jahren können wir 200er Auflagen zu einem Preis pro Stück herstellen, der früher höchstens für 500er Auflagen galt. Das heißt, wir können die Deckungsauflagen erheblich nach unten bringen und haben damit neue Möglichkeiten.

Aber wie man damit die Gemeinkosten deckt…

Das ist ein weiteres Problem, das aber lösbar ist. Wir haben durch Amazon neue Vertriebswege, die auf der einen Seite positiv sind, auf der anderen Seite erheblich negativ durch die extremen Rabattforderungen. Auch die Durchschnittsrabatte sind in den letzten Jahren immer mehr angestiegen und werden weiter ansteigen. Einer meiner Ratschläge für die Zukunft ist deshalb: Man muss Bücher in der absolut höchsten Qualität herausbringen und zwar Qualität im Inhalt, auch im Lektorat und in der Herstellung. Nur wenn wir eine hohe Qualität anbieten, können wir wirklich noch verkaufen. Der Wallstein-Verlag in Göttingen beweist es. Mit vergleichsweise niedrigen Ladenpreisen, höchster Redaktions- und Herstellungsqualität und hervorragender Pressearbeit setzt er Bücher durch und wurde zum erfolgreichsten neuen Wissenschaftsverlag, den es heute gibt.

Dein Fazit?

Es gibt nach wie vor keinen schöneren Beruf als den des Verlegers. Vor allem nur hier ist die Möglichkeit gegeben, bei mittlerer Intelligenz aufgrund der hohen Qualifikation von Autoren und Herausgebern weltweit führend – zumindest auf Einzelgebieten – zu werden. Es ist faszinierend, dass ein Verlag wie De Gruyter mit rund sieben Millionen Euro Umsatz im Linguistikbereich der Weltmarktführer auf diesem Gebiet ist und zwar der Weltmarktführer mit der höchsten Qualität der Inhalte und dem absolut höchsten Anteil an englischsprachiger Literatur. In der Großindustrie braucht man mindestens sieben Milliarden Euro Umsatz, um irgendwo Weltmarktführer zu sein. In unserer bescheidenen Branche reichen die Millionen. Das gibt es nirgendwo anders.

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