„Welch ein Buchhändler!" Leo Baumann

Leo Baumann, Inhaber der Berliner Buchhandlung Knesebeck Elf ist am Sonntag, 27. Dezember im Alter von 68 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Felicitas Feilhauer erinnert in einem Nachruf an den leidenschaftlichen Buchhändler:

Ihr hätte ein Platz in jedem Buch über die schönsten und ungewöhnlichsten Buchläden der Welt gebührt: der Buchhandlung Knesebeck Elf in der Knesebeckstraße in Berlin-Charlottenburg. Ihr Besitzer Leo Baumann war ein stiller Zeitgenosse mit dem ins Gespräch zu kommen nicht leicht war, so, als würde seine ganze Leidenschaft und Zuneigung in den Büchern stecken und für die Menschen nicht mehr viel übrigbleiben. Aber welche Leidenschaft! Wenn er ein Buch liebte, konnte er Hunderte davon verkaufen. Für Klassikerausgaben waren die Plätze ‚an der Kasse‘ reserviert, um so ausdrücklicher, als sie in anderen Buchhandlungen erst auf die Regelbretter verbannt wurden, die man nur mit einer Leiter erreichen konnte, dann durch MA-Ausgaben und Reclam-Hefte ersetzt wurden und schließlich ganz verschwanden. Sein Sortiment, in dem kein wichtiger Text der Weltliteratur und der Philosophie fehlen durfte, verteidigte er bis an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit und oft darüber hinaus.

Bücher hingegen, die nicht seinen literarischen Maßstäben entsprachen, verachtete er ziemlich offen und sie wurden auch dann nicht bestellt, wenn ein Kunde danach verlangte. Leo Baumanns Urteil konnte ziemlich harsch sein, und es traf durchaus vom Feuilleton hoch gelobte Autoren. Überraschend waren die Schaufenster. Im linken mussten sich Philosophen unterschiedlichster Denkrichtungen den Platz teilen, das zweite Fenster war ganzjährig großformatigen, sehr ungewöhnlichen Adventskalendern vorbehalten, die Käufer aus der ganzen Stadt anzogen.

Im an guten und besonderen Buchhandlungen wahrlich nicht armen Berlin war Knesebeck Elf noch einmal eine eigene Kategorie. Anfang der achtziger Jahre kam Leo Baumann in die Buchhandlung von Christian Lutz. In Franken in eine Bauernfamilie mit vielen Kindern hineingeboren, sahen seine Lehrer seine Interessen und Begabungen, und Leo Baumann wurde auf ein Kolleg geschickt und sollte Priester werden, verließ es aber bald und begann in Würzburg eine Buchhändlerlehre. Als dann Christian Lutz in Berlin einen Mitarbeiter suchte, bewarb er sich und blieb sogleich – bis er die Buchhandlung übernahm.

So gesellig der Berliner Buchhandel ist, mehr als der jeder anderen Stadt, Leo Baumann war nie ein Teil davon. Und in den letzten Jahren, wenn er in seinem blütenweißen Hemd und dem großen runden Kopf hinter der Kasse stand, die Haut immer blasser und transparenter, schien er mit seinen Büchern zu verschmelzen. Mit ihnen hielt er oft noch Zwiesprache, wenn man spät abends an der Buchhandlung vorbei ging. Rüdiger Safranski, einer seiner treuen Kunden, der zugleich einer seiner sehr geschätzten Autoren war, schreibt:

„Welch ein Buchhändler! Eine kleine Buchhandlung mit hohen Bücherstapeln, doch nicht von gängiger Ware, sondern von Erlesenem. Wie mutig! Es war Leidenschaft. Ich werde ihn sehr vermissen.“

Kommentare (12)
  1. Mit Schrecken aber mit noch größerer Traurigkeit haben wir erst heute vom Tod von Leo Baumann erfahren. Er war unser Buchhändler seit Jahren und viele Samstage waren wir bei ihm, um Bücher zu holen, von ihm beraten zu werden und dabei ein kleines Schwätzchen zu halten. Er war Franke wie ich (WW) und wir hatten uns deswegen viel zu erzählen. Er war ein frommer und gläubiger Mann. Frau Feilhauer hat ihn treffend beschrieben. Der Satz „Er wird uns fehlen“ ist zu trivial; ein Stück selten mehr anzutreffender Buch-handlungs-Kultur geht verloren. An unserer Trauer merken wir , wie wichtig er uns war. Er ist nicht zu ersetzen; wir müssen uns nun auf die Suche begeben. Ich will das eigentlich gar nicht. Jede Buchhandlung, die wir besuchen, wird uns zunächst erst einmal an Leo Baumann erinnern. Das ist auch gut so. Eigentlich müßten sich seine Kunden ihm zu Ehren nochmals irgendwo treffen, um sich auch gemeinschaftlich zu verabschieden. Wir würden gerne dabei sein. Christiane Pennecke und Wolfgang Weigand

    • Die Beerdigung von Leo ist morgen,
      Mittwoch, den 20. Januar auf dem Luisenfriedhof,
      Guericke Straße um 12.30 Uhr

      Mit Gruß von Doris Mauthe-Schonig

    • Wie traurig. Diese Fülle, diese vielen geliebten getürmten Bücher. Ein Zauberort und sein zurückhaltender, blasser Zauberer. Ich bin so oft und reich beschenkt worden durch Leo Baumann und sehr dankbar für unsere Begegnungen.

  2. Als das Licht nur noch matt am Abend leuchtete, eine kleine Unstimmigkeit im Straßenbild um halb 8, sorgte man sich. Urlaub? kleine Auszeit? Gabs noch nie.
    Gestern Abend dann die traurige Information an der Tür. Viele „kleine“ Geschäfte verschwinden aus der Stadt. Wegen Geschäftsaufgabe oder aus welchen Gründen auch immer. Man sagt im Vorbeigehen „ach, wie schade“.
    Hier ist es anders: Ein Buchhändler? Nein, der Buchhändler, mein Buchhändler.
    Man ist betroffen und verharrt. Sprachlos. Kann es sein ? Der, der doch immer hinter diesen riesigen Stapeln da war, der zielgerichtet das Bündel der bestellten Bücher hervorzog. Auf kleinstem Raum gab es soviel zu entdecken.
    Wir verabschiedeten uns: .. frohen Weihnachten und bis zum neuen Jahr, alle Gute…
    Jetzt kann man nur noch nachrufen: Lebewohl und Danke

  3. Lieber Leo Baumann,
    Welche wunderbaren Köstlichkeiten gab es in Ihrem modernen Antiquariat zu entdecken, das Sie immer mit einer besonderen Auswahl bestückten. Meine Buchwünsche, auch entlegene, haben Sie auf schnellstem Wege erfüllt und ich verdanke Ihren Ratschlägen schöne belletristische Entdeckungen. Seit Anfang der 1980er Jahre, als ich noch in Kreuzberg wohnte und am Steinplatz arbeitete, waren Sie mein Buchhändler. Fast 40 Jahre.
    Fare well, Ihre Anne Marie Freybourg

  4. Vor ca. 12 Jahren – wir kommen aus dem Allgäu jährlich sechs Mal für ca. 30 Tage nach Berlin – entdeckten wir durch Zufall „Knesebeck 11“ und blieben dort „hängen“. Danach führte uns unser erster Weg nach unserer Ankunft immer zuerst zu Herrn Baumann und wir haben dann insgesamt einen gesamten Tag während unseres jeweiligen Aufenthaltes bei und mit ihm verbracht. In mir hatte Herr Baumann eine Leserin gefunden und mit meinem Partner konnte er sich wundervoll unterhalten und die Beiden hatten so ihren Spaß miteinander.
    Stapelweise kamen dann nach unserer Rückkehr die bei Herrn Baumann gekauften Bücher bei uns zuhause an. In interessanten und unterhaltsamen Stunden hat er mir die wunderbarsten Bücher empfohlen. Ein neues Leseverhalten hat sich eingestellt und ohne die Beratung von Herrn Baumann habe ich mir seither nirgendwo mehr ein Buch gekauft.
    Da ich mich bei ihm Bücher einkaufend nie beherrschen konnte, habe ich jetzt noch einen kostbaren Vorrat an vielen noch zu lesenden Büchern.
    Auch bei der Auswahl der Adventskalender hatten wir stets denselben Geschmack und so schmücken viele Adventskalender in der Weihnachtszeit unser Haus und bleiben immer mit schönen Erinnerungen an Herrn Baumann verbunden.
    Wir werden ihn sehr vermissen und unsere zukünftigen Aufenthalte in Berlin haben einen großen Verlust erlitten.
    Unser Abschied im September mit dem Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen bleibt leider unerfüllt.
    Leben Sie wohl Herr Baumann, wir vergessen Sie nicht!

  5. … ich war ihm immer treu, 35 Jahre lang.
    Wann immer mir ein Buch empfohlen wurde, ich bestellte es bei Leo Baumann. Auch CDs. Auf seine Empfehlungen verließ ich mich, und ich wurde nie enttäuscht.
    Diese Gradlinigkeit, diese Hingabe und seine leidenschaftliche Sanftmut werde ich sehr vermissen. Unersetzlich, dieser wunderbare Büchermann Leo Baumann!

  6. Mein Herz blutet, meine Eltern, älter als Herr Baumann haben hier alle Ihrer unendlichen Bücher gekauft. Etliche Bücher habe ich hier vor >30 Jahrn mit dem Fahrrad abgeholt. Ein heller Stern erlöscht – es kommen aber zu wenige nach. Es wird Dunkel.
    Savignyplatz, Knesebeckstraße, Grolmanstraße, Schlüterstraße, Kantstraße, Bleibtreustraße. Ganz große Geschichte und Kino war hier. Berlin stirbt – mal sehen was kommt.

    • Lieber Herr Baumann,
      mein Sohn ist schneller auf dem PC, seine Trauer zu zeigen. Es rührt mich, wie soll ich Ihnen danken für all Ihre Geduld und Mühe uns fortlaufend dann in Köpenick unsere, Ihre Bücher zu senden. Wir kannten uns schon seit gut 45 Jahren, auch noch den Vorgänger von Herrn Lutz. Nie haben wir ein Buch in einem anderen Laden besorgt.
      Von Tiergarten in die Knesebeckstraße 11, war es nicht weit und im Frühjahr mit Stiefmütterhen im Korb und Schokozauberkügelchen von unserem Herrn Peller, den es auch nicht mehr gibt, war ich oft bei Ihnen. Wir haben viel miteinander gesprochen und Sie haben mir die schönsten Bücher empfohlen.
      Als wir nach Köpenick zogen, war ich diejenige, die telefonisch die Werke bestellte und mit Ihnen wertvolle Gespräche führte, traurige, oft kurze, dann heitere, wenn ich über meine Vogelwelt erzählte, konnten Sie so herzlich lachen, wie ein großer Junge, auch dann, als Sie schon schwer krank waren. Dieses Lachen wird mein Herz nicht vergessen und mein Ohr immer hören.
      Sie erzählten mir von der Anhänglichkeit früherer Studenten von der TU Berlin oder auch von Schauspielern aus dem nahegelegenen Schillertheater, noch unter Bolislav Barlog.

      Sie, Herr Baumann, lebten nur für Ihre Bücher und den ungewöhnlichen wunderschönen Laden. Die Regale bis an die Decke voll mit Büchern. Und Sie wussten, wo welches Werk stand. Im Sommer stand oft ein großer blühender Blumenstrauß auf dem ersten Tischchen, etwas erhöht.

      Vom SchlossBellevue zum Savignyplatz mit der S-Bahn war es nur ein Sprung, und ich brachte Zeit mit und setzte mich oft nach hinten auf die kleine rote Chouch, hinter mir „das Fenster zum Hof“, mit Efeu zugewachsen, neben mir ein Stapel Bücher und vor mir, etwas weiter das einnehmende alte Foto von Gustav Gründgens in seiner unvergleichlichen Haltung. Ich befand mich ineiner anderen Welt. Hier war Ruhe und so viel zu bestaunen, diese kostbare Auswahl, welche Verlage, prächtige Kunstbücher.
      Dann bekam ich die blaue Knesebeck 11 Büchertasche, gefüllt mit Büchern; der Rest kam per Post.
      Weiße Schrift auf Königsblau und so auch das verblichene Schild über dem Ladeneingang.
      Lieber HerrBaumann, ich/wir haben erst so spät über das Internet erfahren müssen, dass wir Sie nicht mehr in Ihrem Laden sehen werden.
      Das tut weh
      Ihre Waldith H.

  7. Ich habe erst heute vom Tod von Herrn Baumann Kenntnis bekommen, da ich ihn aufsuchen wollte und mich über die Blumen und Kerzen etwas wunderte, aber eigentlich dachte ich, er will jemandem gedenken.
    Furchtbar. Ich lese im Schnitt wöchentlich ein Buch, habe aber nie so einen Buchhändler wie ihn kennengelernt. Sein Laden ein kleines Paradies, er selbst ein begnadeter, kenntnisreicher, liebenswerter und einzigartiger Mensch. Er fehlt schon jetzt!

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