Das Sonntagsgespräch Marianne Sax und Dani Landolf über den „Auftritt Schweiz“ zur Leipziger Buchmesse

Die Schweiz und ihre Literatur wird in diesem Frühjahr deutliche Akzente zur Leipziger Buchmesse setzen. Seit über einem Jahr bereiten die Schweizer ihren Gastlandauftritt vor und setzen nicht nur auf Events zur Messezeit, sondern vor allem auf Nachhaltigkeit.

„Die Schweiz ist Teil des deutschen Kulturkreises, so, wie sie auch Teil des französischen und des italienischen Kulturkreises ist. Die deutschschweizerische Literatur ist Teil der deutschen Literatur. Das wollen wir mit dem Auftritt als Schwerpunktland an der Leipziger Buchmesse 2014 zeigen.“ So fassen Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes SBVV, und Dani Landolf, Geschäftsführer des SBVV, den ehrgeizigen Event „Auftritt Schweiz“ zur diesjährigen Leipziger Buchmesse bündig zusammen. Im Sonntagsgespräch erläutern sie detailliert, was den Messebesucher erwartet.

Die Leipziger Buchmesse wird in diesem Jahr ganz im Zeichen des Gastlandauftritts Schweiz stehen. Was genau erwartet den Messebesucher in Leipzig?

Dani Landolf
Marianne Sax

Marianne Sax: Die Besucherinnen und Besucher sollen merken, dass die Schweiz sowohl auf der Messe als auch in der Stadt zu Gast ist. Wir möchten sicht- und hörbar sein. Zum Beispiel im Bahnhof, in der Straßenbahn, in der Glashalle, im Museum der bildenden Künste und im Schauspielhaus. Von der Eröffnung im Gewandhaus über die Messetage in der Glashalle bis zu den Abenden im Schauspielhaus soll Schweizer Literatur und Kultur die Menschen erfreuen. Den Abschluss im Schauspielhaus bildet ein Gastspiel: „Die Physiker“ von Dürrenmatt wird vom Schauspielhaus Zürich aufgeführt.

Es soll auch Wohnzimmer- und Tandem-Lesungen geben, geplant ist ein Bibliotheksprogramm. Was genau hat man sich darunter vorzustellen?

Dani Landolf: Das sind drei unter diversen andern Projekten, die aus der Absicht heraus entstanden sind, mehr zu machen als einen gewöhnlichen Gastauftritt mit einem etwas größeren Stand und ein paar zusätzlichen Veranstaltungen. Wir möchten auf die Leipziger zugehen nicht nur während und auf der Messe, sondern auch vor- und nachher. Bei den Wohnzimmerlesungen gehen Schweizer Autorinnen und Autoren zu den Leuten nach Hause für eine Lesung im privaten Rahmen, zu dem die Gastgeber – unsere Literaturbotschafter – Freunde und Bekannte einladen. Bei den Tandem-Lesungen sind es fünf Paare, Schweizer Autorinnen und Autoren aller Landessprachen mit ihren Übersetzerinnen und Übersetzern, die verschiedene sächsische Gymnasien besuchen und dort den Schülern aus erster Hand zeigen, was Schreiben und Übersetzen in einem mehrsprachigen Land bedeutet. Und das Bibliotheksprogramm schließlich knüpft an eine mehrjährige Tradition an, bei der wir jeweils Bücher des Schweizer Messestandes, die nicht verkauft worden sind, an sächsische Regionalbibliotheken verschenken. Die knapp 40 Institutionen, die in den letzten 14 Jahren darin involviert waren, erhalten jetzt von uns je ein kuratiertes Bücherpaket mit 30 Titeln aus Schweizer Verlagen und mit Schweizer Autoren. Unterstützt werden wir dabei vom Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Warum eigentlich die Schweiz – das Land ist doch in Deutschland als „literarischer Kontinent“ nicht gerade unbekannt?

Dani Landolf: Das mag auf den ersten Blick so scheinen. Tatsache aber ist, dass Schweizer Verlage und Schweizer Autorinnen und Autoren immer wieder stark um die Aufmerksamkeit in Deutschland ringen müssen: Sie sind nicht so nah dran an den Medien, am Buchhandel, an der öffentlichen Wahrnehmung generell.

Marianne Sax: Die Buchmesse Leipzig bietet uns hier ein Schaufenster, das wir sehr gerne angenommen haben, als uns der Messe-Direktor Oliver Zille eingeladen hat. „Auftritt Schweiz“ steht in der Reihe diverser Maßnahmen, die wir als Verband in den letzten Jahren in dem für unsere Deutschschweizer Verlage wichtigsten Absatzmarkt organisiert haben. Zum Beispiel die Verlagspräsentationen in der Schweizer Botschaft in Berlin vor lokalen Buchhändlerinnen und Buchhändlern oder das Sommerfest 2012 im LCB.

Auf welche Schweizer Autoren kann man sich in Leipzig freuen?

Dani Landolf: Das definitive Programm werden wir im Rahmen der „Leipzig liest“-Pressekonferenz am 13. Februar bekannt geben. Da werden zahlreiche bekannte Namen zu finden sein, so beispielsweise Lukas Bärfuss, Melinda Nadj Abonji oder Peter Bichsel, aber auch jüngere und evtl. weniger bekannte wie Silvia Tschui, Isabelle Flückiger, Andrea Fazioli oder Julien Maret. Und daneben werden im „Auftritt Schweiz“-Programm auch Persönlichkeiten aus andern Kulturbereichen auftreten wie der Architekt Peter Zumthor, das Künstlerduo Wachter&Jud, der Solarflug-Pionier und Abenteurer Bertrand Piccard oder der junge Theater-Regisseur Milo Rau, der mit seinen Moskauer und Zürcher Prozessen für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Sie sprachen von einem Geschenk an die Leipziger Literaturfreunde. Was genau ist darunter zu verstehen?

Marianne Sax: Ich kenne keinen Ort, wo das Publikum so offen und zahlreich zu Lesungen geht wie in Leipzig während der Buchmesse. Wir hatten in den letzten Jahren auch viel Zuspruch zu unseren Schweizer Veranstaltungen gespürt. Deshalb war für uns seit dem ersten Tag der Planung für den „Auftritt Schweiz“ klar: Wir möchten den Leipzigern für diese wunderbare Gastfreundschaft danken und ihnen etwas zurückgeben in Form von Geschenken, die wir mitbringen. Dazu gehören u.a. das Auftaktfest für die Leipzigerinnen und Leipziger im Schauspielhaus am Samstag vor der Messe, die 40 roten Lesebänke, die wir in der Stadt aufstellen werden, oder das schöne „Auftritt Schweiz“-Lesebuch, das wir allen Messebesuchern schenken werden, die an unserem Stand in der Halle 4 vorbeikommen.

Was erwartet den Leser bei diesem kostenlosen Lesebuch – und was hat es mit dem Gemeinschaftsstand auf sich?

Dani Landolf: Das „Auftritt Schweiz“-Lesebuch ist zunächst einmal ein wunderschön gestaltetest Buch, das sich jeder Buchliebhaber gerne ins Regal stellt. Inhaltlich ist es eine Mischung aus einer klassischen Anthologie mit wenig bekannten Texten zur Schweiz von bekannten Schweizer Autorinnen und Autoren, bunt gemischt mit einer Art Lexikon von Schweizer Kuriositäten, Rekorden oder Geschichte.

Der „Auftritt Schweiz“ soll kein einmaliges „Strohfeuer“ sein, sondern zielt auf Nachhaltigkeit, auch für die Schweiz selbst. Wie soll dieser Literaturaustausch vonstatten gehen?

Marianne Sax: Durch Kontakte und Begegnungen. Dazu gehört der Austausch von Studierenden und Dozenten der Literaturinstitute Biel und Leipzig mit den Buchhändlern oder mit den Literaturbotschaftern, die im letzten Jahr diverse Schweizer Literaturfestivals besucht und in der „Leipziger Volkszeitung“ darüber berichtet haben.

Sie haben den Buchhandel angesprochen. Wie wird dieser in Leipzig und in der Schweiz eingebunden?

Marianne Sax: Im Februar werden knapp 20 sächsische Buchhändlerinnen und Buchhändler Kollegen in der Schweiz besuchen. Sie werden bei uns im Laden mithelfen, ein Schaufenster mit sächsischer Literatur gestalten und daneben sicher auch am einen oder andern Tag die Schweiz erkunden. Der Gegenbesuch wird während der Messe stattfinden, so dass in vielen Buchhandlungen Sachsens die Kundinnen und Kunden mit einem „Grüezi“ begrüßt werden.

Dani Landolf: Und zudem hoffen wir, dass sich viele Buchhandlungen in Deutschland am Schaufenster-Wettbewerb beteiligen, den wir zusammen mit der Leipziger Buchmesse lanciert haben. Wer in den kommenden Wochen das schönste „Auftritt Schweiz“-Schaufenster gestaltet und uns davon ein Foto schickt, kann eine exklusive Reise in die Schweiz gewinnen (mehr Informationen dazu finden sich auf unserer Webseite: www.auftritt-schweiz.ch, dort kann man auch das Dekomaterial dazu bestellen).

Das Ganze klingt nach sehr viel Logistik. Wer zieht im Hintergrund die Fäden?

Dani Landolf: Ja, das ist wirklich eine große Kiste, die wir da stemmen, und die uns zeitweise an den Rand der Belastung bringt. Die kommenden Wochen aber stehen wir noch durch. Für die Planung und Organisation ist seit vorletztem Sommer in erster Linie die fünfköpfige Konzeptgruppe zuständig, zu der neben Marianne Sax und mir u.a. auch Thomas Böhm gehört, der den famosen Island-Gastauftritt in Frankfurt mitgestaltet hat – und aktuell fast das gesamte Team der SBVV-Geschäftsstelle.

Was sind die Hoffnungen der Schweizer Verlage, die seit Jahren unter dem Verhältnis hoher Franken – niedriger Euro leiden?

Marianne Sax: Dass der Euro wieder stärker wird und damit die Erträge aus dem für die allermeisten Schweizer Verlage wichtigsten Exportmarkt wieder besser werden. – Darauf wird „Auftritt Schweiz“ leider keinen Einfluss haben. Auf eine bessere Wahrnehmung der Schweizer Verlage und Autoren in Deutschland hingegen schon.

Die Fragen stellt Ulrich Faure.

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