Martin Compart über den von ihm wiederentdeckten Krimiklassiker ES GIBT KEINE WIEDERKEHR von John Mair „John Mair schuf den ersten Anti-Helden des Spionageromans“

Ein toter Autor, der nur einen frühen existentialistischen Roman hinterlassen hat, taugt nicht für die Bedürfnisse von Großverlagen. Das  meint Martin Compart, der selbst lange Zeit für große Verlage gearbeitet hat. Er hat den von ihm wiederentdeckten Krimiklassiker ES GIBT KEINE WIEDERKEHR von John Mair deshalb im „Kleinverlag“ Elsinor herausgegeben – mit unerwarteter Resonanz. Das war Anlass für eine Zeitreise in die Frühgeschichte eines Krimigenres:

Früher konzipierte Martin Compart für Ullstein, Bastei-Lübbe oder Dumont Krimisegmente. Die These des damaligen „Krimipapstes“ (FOCUS): „Vergessenen Klassiker des Thrillers sind für Großverlage in der Kalkulation uninteressant“ 

Von John Mair und seinem Roman ES GIBT KEINE WIEDERKEHR habe ich noch nie gehört.

Martin Compart: Es ist ja auch Mairs einziger Roman, da er im selben Jahr bei der Pilotenausbildung ums Leben kam. Deswegen ist er wohl auch in Vergessenheit geraten. Aber als sein Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum. 

„Sein Titelheld ist clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Und es ist auch ein früher existentialistischer Roman“ (Durch Klick auf Cover mehr zum Buch)

Auch davon habe ich keine Ahnung.

Den prägendsten Einfluss übte damals der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

Entstanden damals neben diesen politisch konservativen Thrillern nicht auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller? 

Ja.Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires

Aber in den 1930er Jahren gab es dann auch eine Gegenbewegung hin zum realistischen Spionageroman oder Polit-Thriller.

Ausgehend wohl von Somerset Maughams Kurzgeschichten Zyklus ASHENDEN. Damals begannen auch Graham Greene und Eric Ambler im Genre zu arbeiten. 1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.

Und Sie sagen, Mair ging weiter, indem er den ersten Anti-Helden des Spionageromans schuf?

Desmond Thane ist ein Mörder. Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Aber Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Und es ist auch ein früher existentialistischer Roman.

Wie entdeckt man einen frühen existentialistischen Roman?

Ich schleppe es seit Jahrzehnten mit mir herum, hatte aber keine Möglichkeit zur Veröffentlichung. Große Verlage sind selten an Einzeltiteln eines verstorbenen Autors interessiert. Ein mittlerer Verlag wie Elsinor, der ja schon Einzeltitel von John Buchan und Nicholas Blake herausgegeben hat, kann anders kalkulieren. In Dr. Pago habe ich dann einen Verleger gefunden, der von dem Buch ebenso begeistert ist wie ich. Das wir nach zwei Monaten in die zweite Auflage gehen, bestätigt natürlich unser Engagement

Geht die Zusammenarbeit weiter?

Wir denken ernsthaft darüber nach. Die große und lange Tradition der Kriminalliteratur hält ja noch eine ganze Reihe von hochkarätigen Entdeckungen bereit.

Sie haben mir erzählt, dass George Orwell schon früh Mairs Roman lobend rezensiert habe … 

Ja, Orwell, ein ausgewiesener Kenner des Genres, hat sofort darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Buch um eine ganz neue Art von Thriller handelt. Trotzdem ist er leider In Vergessenheit geraten – was auch mit dem Tod des Autors zusammenhängt. Der große Krimi-Autor und Theoretiker Julian Symons hat das Buch dann 1957 wiederentdeckt und in seine Sunday Times-Liste der 100 besten Crime Novels aufgenommen. Er hat 1986 dann eine Neuauflage in der Oxford University Twentieth Century Classics-Reihe ediert. Durch ihn habe ich den Roman überhaupt kennengelernt.

 

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