Dr. Rainer Jund über sein Buch „Von der Impffront“ „Mein Buch ist ein Augenzeugenbericht von der vordersten Frontlinie“

Rainer Jund: „In meinem Buch hatte ich die Möglichkeit, mich diesem eminent wichtigen Thema von beiden Facetten aus zu nähern. Zum einen gibt es den ernsthaften chronologischen Bericht eines aktiv teilnehmenden Zeitzeugen, eines aktiv impfenden Arztes.Und es gibt die literarischen Überhöhungen, die es erlauben, den Erlebnissen neben Authentizität auch so etwas wie eine tiefere Wahrhaftigkeit zu verleihen.“(c) privat

Dr. Rainer Jund ist HNO-Facharzt, impft seit März fast täglich gegen SarsCov2 und schafft es dennoch, auch als Schriftsteller tätig zu sein. Mit „Tage in Weiß“ hatte er  zuvor einen Roman vorgelegt. Nun legt er mit einem Sachbuch nach: „Von der Impffront“ (FinanzBuch Verlag) erzählt aus dem Leben eines Arztes und seines Teams in Zeiten der Pandemie. Ist es wirklich ein Sachbuch? Das war Anlass für Fragen:

BuchMarkt: Herr Jund, heute schon geimpft?

Dr. Rainer Jund: Jeden Tag, an dem wir Zugang zu Impfstoffen erhalten und sich Menschen impfen lassen möchten, stehen wir zur Verfügung. Es gibt keinen Grund für eine Pause.

Der Titel Ihres neuen Buchs lautet Von der Impffront! Wo eine Front ist, ist auch ein Krieg. Befinden wir uns im Krieg?

Eine Front ist eine Linie, an der Auseinandersetzungen ausgetragen werden. Und davon gibt es momentan viele. Die heftigsten Aggressoren sehe ich innerhalb der von uns Menschen geschaffenen Wirklichkeit. Ständig prallen Meinungen, von denen wir uns einbilden, sie würden eine Wahrheit abbilden, mit lautem Getöse aufeinander. Erst danach befinden wir uns im Kampf gegen einen Virus, der sehr gefährlich ist. Solche Krankheitserreger hat es bei dichter werdenden Populationen schon immer gegeben. Es wäre ein Krieg, den wir im herkömmlichen Sinn nicht gewinnen könnten, weil beide Teilnehmer nur in einem viel größeren Zusammenhang überhaupt existieren können, der Natur.

Wir erleben ja vieles zum ersten Mal. Menschen, die heute leben, haben in ihrem Leben noch keine Pandemie erlebt, noch nie hat sich eine Krankheit so schnell über den ganzen Globus ausgebreitet – und noch nie hat die Wissenschaft so schnell wirksame Medikamente dagegen entwickelt, die Impfstoffe. Aber es haben sich auch noch nie Ärzte Millionen von Virologen in ihren Praxen gegenüber gesehen. Wie ist das für Sie, dass praktisch alle Ihre Patienten Experten sind?

Es ist herausfordernd. Ich kann gut nachvollziehen, dass wir alle nach Informationen suchen. Denn genau das fehlt uns am meisten: nachvollziehbare, verlässliche Information, auf die man vertrauen kann. Für mich stellt das die entscheidende Verbindung zwischen den Menschen her. Und es ist die einzige Möglichkeit, eine Zukunft zu errechnen, wenn wir nicht nur bei der Hoffnung verharren wollen. Ohne solche Informationen können wir kein Vertrauen erhalten, und die ist der Kitt in einer Gesellschaft. Genau das erleben wir aber auch an der Impffront: die Menschen haben zu komplexen, noch nicht verstandenen Zusammenhängen schnell eine eigene Meinung. Die verteidigen sie auch vehement. Der Respekt vor Expertise, vor Ausbildung und Erfahrung nimmt ab. Eine differenzierte Debatte wird schwerer. Auch die Sprache verändert sich. Es dominieren Zweifel und Behauptung. Da hilft manchmal nur noch Humor.

In Von der Impffront stellen Sie die Probleme, vor denen die Ärzte heute stehen, ziemlich offen dar. Unter anderem beschreiben Sie einen „Impf-Burnout“. Machen Sie sich damit nicht angreifbar?

Wir alle sind angreifbar. Wir sind Menschen und somit zerbrechlich. Die widersprüchlichen Informationen und die Anforderungen durch System und Patienten bringen viele Teams an den Rand der Verzweiflung. Vor allem die Ansprüche der Menschen sind kräftezehrend. Wenn die Belastung ständig ansteigt, die Anforderungen an den persönlichen Einsatz höher werden und dazu viele Unsicherheiten auftreten, dann schwindet für die Einsatzkräfte der positive, stimulierende Aspekt. Stress kann durchaus einen fördernden, kräftigenden Reiz auf Menschen ausüben, aber er muss erklärbar sein. Durch ein Ziel. Die moralische Erschöpfung, die auftritt, wenn der Wert unserer Tätigkeit in Frage gestellt wird, ist die am stärksten destruktiv wirkende Kraft. Das ist sie in der Klinik, auf den Intensivstationen, und das ist sie in der Praxis. An der Impffront. Und sicher auch an vielen unterschiedlichen Stellen, an denen Menschen etwas bewirken wollen und das Resultat a priori in Frage gestellt wird.

Sind die Ärzte also die verkannten Helden unserer Zeit?

Nicht alle. Einige aber schon. Genauso wie einige Wissenschaftler und unermüdliche Kommunikatoren zu diesem Thema – auch wenn sie sich damit unbeliebt machen. Genauso wie Pflegekräfte. Genauso wie der Betrieb, der mit Kurzarbeit und Home-office seine Mitarbeiter erhält. Genauso wie die Lehrerin, die sich was Besonderes einfallen lässt, um das virtuelle Lernen besser zu machen. Oder wie der Mensch, der nach seinem Nachbarn sieht. Wie alle Menschen, die für andere und für die Zukunft etwas bewirken wollen. Die mithelfen. Helfen ist die grundlegende soziale Entität. Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft. Alles Tun auf dieser Welt hat einen sozialen Einfluss. Jeder kann ein Held sein. Das ist einer der großen Lerneffekte aus einer Krise.

Sie betonen den Wert der Sprache auch bei diesem Thema. Auch den Wert von Vertrauen. Was bedeuten diese Begriffe für die Medizin und dieses Thema?

Sprache ist alles. Sie ist alles, was wir haben, um miteinander zu kooperieren und als fühlende Wesen zusammen zu funktionieren. Eine empathische, der Aufnahmefähigkeit des Empfängers angepasste Sprache wäre gerade bei der Vermittlung bedrohlicher Sachverhalte von Nöten. Wenn wir durch die Aussage eines anderen beleidigt werden, vergessen wir das nie. Aber unsere aktuelle Kommunikationskultur ist push-getrieben. Dass die Medien sich ihrer Verantwortung entziehen können und als Diskussionsplattform versagen dürfen, ist schlichtweg ein unbehandelter Tumor in unserer Kultur. Er wird wachsen und weiterhin Vertrauen zerstören. Trotz mehr Mediennutzung werden wir sozial isolierter. Reich an Kontakten, arm an Beziehungen. In der Medizin nimmt das Vertrauen eine ganz besondere Stellung ein. Es ist der Glaube an die Redlichkeit des anderen, unbedingt helfen zu wollen. Primär nicht, weil er dadurch mehr verdient, sondern weil er unter dem Einsatz aller Kunst dem Leben helfen will. Sprache hilft uns, dieses Vertrauen aufzubauen und zu stärken – und Sprache hilft uns, dass beide Seiten einander verstehen. Ohne Verständnis kein Vertrauen.

Sie sind nicht nur Arzt, sondern auch Schriftsteller. Sind Sie mit der Kommunikation des Impf-Themas seitens der Politik einverstanden?

Man muss sich schon sehr wundern, dass die Institutionen über professionelle Berater und Sprecher verfügen und am Ende des Tages kommt dann so etwas heraus. Völlig unverhohlen und sensationsgetrieben betreiben viele Sprecher Scheinkorrelationen, ohne auf den fehlenden Zusammenhang hinzuweisen. Die Kommunikation war von Anfang an erstaunlich holprig. Oder, um in den Worten unseres Gesundheitsministers zu sprechen, „es ruckelt.“ Ist das ein Euphemismus? Man hätte augenblicklich, ehrlich und motivierend sprechen müssen. Leider war der größte Treiber die Angst. Zahlen, die ansteigen und etwas bedeuten, was selbst die nicht verstanden haben, die sie erhoben haben. Und das Handeln muss der Kommunikation entsprechen: Wenn in einem Fussballstadion Vierzigtausend Menschen ohne Schutz sitzen und brüllen und unsere Kinder müssen am selben Tag vom Morgen bis zum Nachmittag mit ihrer Maske im Unterricht sitzen – wer soll das verstehen?

Und was könnten wir besser machen?

 Endlich die Quote vergessen, mit der wir Botschaften verkaufen. Motiviert über das Gute und Starke, unemotional über das Schlechte debattieren. Ein Grundwissen über die Interpretation von Daten ausbilden. Das Fach „Wie wir funktionieren – angewandte Medizin“ in jeder weiterführenden Schule etablieren.

Am Anfang stand die Idee, ein aktuelles Sachbuch zum Thema zu verfassen. Sie verwischen die Grenzen zwischen einem sachlichen Text, Reflexionen und literarischer Interpretation des Themas. Das ist etwas Neues. Warum machen Sie das in Ihrem Buch in dieser Art und Weise?

Es hat mich schon immer gereizt, den historisch gewachsenen Abstand zwischen sachlichem und erzählerischem Ton zu verschmälern. Meine eigene Historie verlief in beiden Welten, in der des wissenschaftlichen Textes aber auch in der Literatur. In diesem Buch hatte ich die Möglichkeit, mich diesem eminent wichtigen Thema von beiden Facetten aus zu nähern. Zum einen gibt es den ernsthaften chronologischen Bericht eines aktiv teilnehmenden Zeitzeugen, eines aktiv impfenden Arztes. Doch dabei erlebt er so viele spannende Gespräche und Konflikte, die viel über unseren Umgang mit Unsicherheiten aussagen. Über unsere Hoffnungen, die über die täglichen Probleme weit hinausreichen. Und deshalb gibt es zum anderen die literarischen Überhöhungen, die es erlauben, den Erlebnissen neben Authentizität auch so etwas wie eine tiefere Wahrhaftigkeit zu verleihen. Die Gespräche sind zum großen Teil nahezu im Originalton zitiert und wirken dadurch, dass sie hier nun isoliert betrachtet werden können, wie prätentiöse kleine Schlüsselszenen.

Von der Impffront ist eines der aktuellsten Bücher zu einem der aktuellsten Themen. Ist das in vier Wochen schon veraltet oder lernen wir daraus etwas Allgemeingültiges?

Die Pandemie ist ein massives weltumspannendes geschichtliches Ereignis, über das noch viele Bücher veröffentlicht werden. Diese werden versuchen, zu analysieren und Zahlen gegenüber zu stellen. „Impffront“ ist ein unmittelbarer Bericht von der vordersten Linie, ein Augenzeugenbericht. Ein gefühlvoller, aber ein Augenzeuge solcher Ereignisse kann nicht trocken rapportieren. Wie wir hier und jetzt gekämpft und gefühlt haben, ist auch in fünfzig Jahren noch lehrreich zu erfahren.

 

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