Das Autorengespräch Michaela Karl: „Und wenn alles vorbei ist, fahre ich ans Grab meiner Hauptfigur und bringe ihr mein Buch“

Immer freitags ab 14 Uhr hier ein Autorengespräch: Heute mit Michaela Karl über ihr neues Buch Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an. Unity Mitford. Eine Biographie bei Hoffmann und Campe.

BuchMarkt: Frau Karl, worum geht es in Ihrem Buch?

Michaela Karl: „Ich versuche so viel authentisches Material wie möglich zu bekommen“

Michaela Karl: In Kurzform? Downton Abbey meets Reichsparteitag…
Im Ernst, das Buch erzählt die Lebensgeschichte der Unity Mitford, einer jungen Frau aus der englischen Upperclass, die sich Anfang der 30er Jahre in den Kopf setzte, nach München zu ziehen, um Adolf Hitler kennenzulernen. Tatsächlich wurde die Freundschaft der beiden so innig, dass die internationale Presse bald über die künftige Mrs. Hitler spekulierte. Während Unitys exzentrische Familie dies durchaus interessant fand, zog „Hitlers blonde Göttin“ den Hass der „Führer-Entourage“ auf sich und wurde vom britischen Geheimdienst observiert. Dann kam der 3. September 1939, ein Schicksalstag für Europa – und auch für Unity Mitford.

Wen stellen Sie sich als Leser vor, und mit welchem Argument kann der Buchhändler Ihr Buch am besten verkaufen?

Ich habe lange gezögert, ob ich mich mit Unity Mitford, einer überzeugten Nationalsozialistin, überhaupt beschäftigen soll. Bisher habe ich nur über Menschen geschrieben, deren Werdegang und Ideale ich nachvollziehen konnte, die mir, egal, was sie taten, sympathisch waren. Dieses Buch war also durchaus eine Herausforderung für mich. Verblüffender Weise erweist sich nun gerade dieses Thema als eierlegende Wollmilchsau. Sie wollen ja, dass ich hier die Werbetrommel rühre, oder? (lacht) Ich glaube tatsächlich, dass Unity Mitfords Geschichte ganz unterschiedliche Leser ansprechen kann: Den männlichen Spiegel-Leser zum Beispiel, der meint, schon alles über die NS-Zeit zu wissen. Die nostalgische Downton-Abbey-Guckerin, die sich in der britischen Upperclass der 20er Jahre wie zu Hause fühlt. Die moderne emanzipierte Frau, die verblüfft sein dürfte über das freie Leben, das Unity und ihre Schwestern damals führten. Den Leser exzentrischer britischer Literatur, der zwischen Wiedersehen mit Bridesheadund Die souveräne Leserin, noch eine Lücke in seinem Regal findet, aber auch den Harry-Potter Fan: Unity Mitford ist nämlich das Vorbild für die böse Hexe Bellatrix Lestrange. Natürlich alle zeitgeschichtlich interessierten Leser, denen der Rechtsruck in Europa Angst macht und die es wichtig finden, aus der Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen. Und schließlich ist auch für den Krimileser was dabei: Agatha Christie hätte am Fall Unity Mitford ihre helle Freude gehabt.

Warum schreiben Sie Biografien?

Weil ich so meine beiden größten Interessen vereinen kann: Menschen und Geschichte. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass sich über Einzelschicksale Geschichte sehr gut erzählen lässt. Unity Mitfords Biographie bietet auch Einblicke in das Leben und Denken der britischen Upperclass und ihre schier unglaubliche Affinität zum Faschismus. Auf den Reichsparteitagen wimmelte es nur so von englischen Hitler-Fans. Auch die Befürworter der Chamberlain’schen Appeasement-Politik kommen zu Wort. Und ich denke, als Leser stellt man sich irgendwann unwillkürlich die Frage, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, Hitler zu stoppen. Wie viele Gelegenheiten es dazu gab, hat auch mich überrascht.

Wie entsteht so eine Biografie?

Durch Klick auf Cover zum Buch

Als Erstes reise ich meiner Figur hinterher, quasi um mich vorzustellen. Wir werden ja eine ganz schön lange Zeit miteinander verbringen. Mein Mann sagt immer, wir sind eine WG mit wechselnden Mitbewohnern. Im Laufe der Zeit versuche ich, all die Orte zu besuchen, an denen meine Figur war, in denselben Hotels zu übernachten, in denselben Restaurants zu essen, dieselben Straßen langzulaufen. Beim Schreiben läuft dann im Hintergrund Musik aus der Zeit. Ich versuche so viel authentisches Material wie möglich zu bekommen, also Tagebücher, Briefe, Interviews. Von ‚Oral History‘ bin ich gar kein Fan. Ich verlasse mich lieber aufs geschriebene Wort – also viel Archivarbeit. Das entspricht meinem erzählerischen Ansatz. Als Biografin sollte man nicht eitel sein, sich mit Bewertungen aus der allwissenden Perspektive der Nachgeborenen zurückhalten und die Protagonisten selbst sprechen lassen, durch Briefe, Tagebücher etc.
Und wenn dann alles vorbei ist, fahre ich ans Grab meiner Hauptfigur und bringe ihr mein Buch.

Empfinden Sie Ihr Vorgehen manchmal als übergriffig?

Natürlich ist es das. Vor allem Tagebücher sind ja meist nicht für fremde Augen bestimmt. Sie enthalten viel Intimes, erzählen von Ängsten und unangenehmen Dingen, und dann komme ich und lese darin. Ich empfinde da eine große Verantwortung, der ich hoffentlich bislang gerecht geworden bin. Ich versuche immer zu ergründen, warum so oder so gehandelt wurde.
Die Rechtfertigung für mein Vorgehen ist, dass ich Menschen, die nicht mehr selbst zu uns sprechen können, die Möglichkeit geben will, sich noch mal zu Wort zu melden. Mir liegt viel daran, die eine oder den anderen bei dieser Gelegenheit auch dem Vergessen zu entreißen oder einer falschen Darstellung. Das gilt auch für Unity Mitford, deren Verhalten in vielerlei Hinsicht unentschuldbar ist. Trotzdem finde ich es wichtig, dass ihr historische Gerechtigkeit widerfährt – und daran haperte es bisher ganz gewaltig.

Wie nahe kommen Sie Ihren Protagonisten?

Sehr nahe. Ich spreche sie ja alle mit Vornamen an. Sie leben mit mir, ich tauche in ihre Gefühlswelt und ihre Gedanken ein, und manche von ihnen kenne ich besser als meine Freunde. Während ich über sie schreibe, lebe ich mehr in ihrer Zeit als in meiner eigenen. Wenn ich allerdings auf der Straße denke, gleich kommt meine Figur um die Ecke, dann weiß ich, es ist Zeit, zum Ende zu kommen.

Durch Klick auf Foto mehr Infos über die Autorin. Durch Klick auf Cover zum Buch. In der letzten Woche befragten wir Friedrich Ani [mehr…].

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