Maria Schliesser über ihre Arbeit als Vermittlerin von ukrainischer und russischer Literatur und die Frage, ob man mit russischen Verlagen noch Geschäfte machen kann „Mit einem Boykott isolieren wir ausgerechnet unsere Verbündeten“

Seit gut zehn Jahren vermittelt Maria Schliesser Literatur aus der Ukraine und Russland nach Deutschland – und umgekehrt. Seit dem 24. Februar geht es in ihren Gesprächen vor allem um Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Gemeinsam mit der Internationalen Jugendbibliothek in München arbeitet sie außerdem daran, aus den geretteten ukrainischen Kinderbüchern Leihbibliotheken zusammenzustellen und diese ukrainischen Kindern zugänglich zu machen, ein Projekt, für das noch Sponsoren gesucht werden. All dies war Anlass für Fragen an die Literaturagentin.

BuchMarkt: Sie haben lange in Russland gelebt, dort 2011 Ihre Literaturagentur gegründet und sind vor sechs Jahren mit Ihrer Familie nach Deutschland zurückgezogen. Hätten Sie sich vorstellen können, wie weit Putin gehen und gelangen würde?

Maria Schliesser arbeitete nach dem Studium der Slawistik von 2004 bis 2007 in der Lizenzabteilung der Verlagsgruppe Random House. 2007 zog sie nach Moskau und gründete dort 2011 ihre eigene Literaturagentur, zuerst als Sub-Agentur für deutsche Kinder- und Jugendbuchverlage auf dem russischen, später auch auf dem ukrainischen Buchmarkt. Bald vermittelte sie auch russische und ukrainische Projekte an deutschsprachige Verlage, außerdem ist sie zunehmend im Erwachsenenbuchbereich tätig, inzwischen wieder von Berlin aus. Zwei von Maria Schliesser vermittelte Kindersachbücher wurden bereits für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: „In einem alten Haus in Moskau: Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte“ von Alexandra Litwina und Anna Desnitskaya (2018) und in diesem Jahr „Sehen“ der Ukrainer Romana Romanyshyn und Andrij Lessiw; beide bei Gerstenberg erschienen. Kontakt: schliesser.maria@gmail.com

Maria Schliesser: Nein, nie im Leben. Einen derart perfiden nächtlichen Überfall auf die gesamte Ukraine hielt ich bis zum Morgen des 24. Februar für ausgeschlossen. Auch nach der Annexion der Krim und dem von Russland in den sogenannten Volksrepubliken im Osten des Landes angezettelten Krieg. 

Ich ging davon aus, dass der russische Präsident über die Stimmung in der Ukraine nicht schlechter informiert ist als ich. Und ich habe in all den Jahren der Zusammenarbeit mit den ukrainischen KollegInnen sehr wohl eine starke ukrainische Identität erlebt, die die russischsprachigen UkrainerInnen definitiv mit einschloss. Viele der ukrainischen Verlage sind in Charkiw und Kiew ansässig, mit vielen KollegInnen habe ich Russisch gesprochen. Grundlage ihrer Verlagsarbeit war aber immer ein ukra-
inisches Selbstverständnis. Sie haben für den ukrainischen Markt publiziert, einen Markt, der viel liberaler und europäischer war und weniger Einschränkungen kannte als der russische. Den Eindruck, dass irgendjemand von Russland befreit werden möchte, hat wahrlich niemand vermittelt. 

Die zunehmenden Repressionen nach der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 waren für uns einer der Gründe, Moskau zu verlassen und zurück nach Deutschland zu gehen. Nicht, dass die Repressionen bereits Auswirkungen auf unser Leben gehabt hätten. Vielmehr war es ein stetig bedrohlicher werdendes Hintergrundrauschen. Die Einsicht, dass die ganze Politik Putins keine gute Richtung genommen hatte und eine Vorahnung, dass dabei nichts Gutes herauskommen würde. Dass es aber so schlimm kommen würde, haben wir uns nicht vorstellen können. 

Ihre Agentur ist seit langem im Bereich Kinder- und Jugendbuch tätig. Das heißt, Sie haben schon länger mit Einschränkungen zu tun, die wir uns nur schwer vorstellen können, z.B. durch den Erlass eines „Gesetzes zum Schutz der Jugend“.

Das ist richtig. Dieses Gesetz wurde im September 2012 verabschiedet. Es soll die Kinder vor angeblich schädlichen Informationen schützen und die Kinder- und Jugendbuchverlage auf traditionelle Werte festschreiben. Da können Bücher, in denen Eltern sich scheiden lassen, schon problematisch sein. Homosexuelle Paare, die gemeinsam Kinder erziehen, gehen gar nicht. Aufgrund dieses Gesetzes war so manches gute Buch für den russischen Markt leider von vornherein unvermittelbar.

Da dieses Gesetz sehr schwammig formuliert ist, hängt trotzdem viel vom jeweiligen Verlag ab. Manche Verlage trauen sich mehr, sind geradezu mutig, andere sind in einer Art vorauseilenden Gehorsams sehr vorsichtig. 

Wir haben aber all die Jahre definitiv auch „schwierige“ Kinder- und Jugendbücher nach Russland verkauft. Bücher, die die Probleme der Kinder ernst nehmen und sich an Tabus herantrauen wie z.B. Rotkäppchen muss weinen von Beate Teresa Hanika. Zuletzt haben viele unserer russischen Partner sehr aktiv nach Aufklärungsbüchern für Heranwachsende gesucht, was vor ein paar Jahren noch undenkbar war. 

Dass das genannte Gesetz in Zukunft noch restriktiver als bisher ausgelegt werden wird, davon müssen wir leider ausgehen. 

Der Krieg hat unmittelbare Auswirkungen auf Ihre Arbeit. Stehen Sie noch in Kontakt mit ukrainischen VerlegerInnen?

Ja, klar. Ich bin mit vielen von ihnen weiterhin in Kontakt. In den ersten Kriegstagen habe ich mit Kolleginnen aus Charkiw, die sich in den Luftschutzbunkern vor den russischen Bomben versteckt hatten, hin und her geschrieben. Kolleginnen, mit denen ich immer Russisch gesprochen habe. Ich konnte es einfach nicht fassen, was für eine schreckliche, surreale Situation!

Inzwischen haben sich die allermeisten MitarbeiterInnen entweder in den Westen des Landes, nach Polen oder auch Deutschland in Sicherheit gebracht. Viele der ukrainischen Verlage versuchen jetzt, ihre Lagerbestände zu retten und die Bücher aus den Kriegsgebieten zu evakuieren. 

In Polen, aber auch in anderen Ländern, Deutschland inklusive, gibt es Bemühungen, insbesondere ukrainischen Kindern, die flüchten mussten, Bücher in ihrer Sprache zugänglich zu machen. Ist es noch möglich, gedruckte Bücher aus dem Land zu holen, oder ist es sinnvoller, sich um Druckdaten zu bemühen?

Ich finde beide Projekte toll. Sich um Druckdaten zu bemühen und selbst zu drucken, ist sicherlich unkomplizierter. Allerdings dauert es eine ganze Weile, bis die Bücher dann verfügbar sind. 

Die vorhandenen Lagerbestände aus der Ukraine zu holen, ist riskanter und logistisch aufwendiger, aber es gibt die Bücher eben schon. Zusammen mit Frau Dr. Christiane Raabe von der Münchner IJB arbeite ich an der Umsetzung eines solchen Hilfsprojekts. Frau Dr. Raabes Idee war es, aus den geretteten ukrainischen Kinderbüchern Leihbibliotheken zusammenzustellen und diese z.B. über die Münchner Stadtbibliotheken, über Grundschulbibliotheken oder auch in größeren Flüchtlingseinrichtungen den ukrainischen Kindern zugänglich zu machen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir für andere deutsche Großstädte Partner für die Umsetzung eines ähnlichen Projektes finden könnten. Wir suchen außerdem noch Sponsoren, die unsere Initiativen unterstützen. Wer mitmachen möchte, kann sich gerne an mich wenden. 

Wie reagieren Ihre deutschen KundInnen auf den Krieg gegen die Ukraine?

Mit einhelligem Entsetzen und Fassungslosigkeit, mit großer Sorge um das Wohl der ukrainischen KollegInnen, mit einer umfassenden Hilfsbereitschaft. Auch hat gerade in den ersten Wochen viele die Frage bewegt, wie und ob sich die russische Verlagswelt zu dem Krieg gegen die Ukraine positioniert und ob es vertretbar ist, weiterhin Geschäfte mit russischen Partnern zu machen.

Und wie lautet Ihre Meinung? Kann man mit russischen Verlagen noch Geschäfte machen? Es gibt prominente AutorInnen, die das bereits abgelehnt haben.

Sich so zu entscheiden, bleibt den AutorInnen selbstverständlich belassen. Aber es ist und bleibt eine Geste. Was es darüber hinaus bewirken könnte, sehe ich nicht. Deswegen werden die Menschen in Russland nicht auf die Straße gehen. 

Ich fände es sinnvoller, das in Russland verdiente Geld zu spenden. Für eines der zahlreichen ukrainischen Hilfsprojekte oder an Projekte, die die Zivilgesellschaft in Russland fördern. Ich unterstütze z.B. das Projekt Meduza.io. Das ist das letzte unabhängige russische Nachrichten-Portal, das ohne Zensur über den Krieg berichten kann, weil die Redaktion in Riga ansässig ist. 

„Ich fände es sinnvoller, das in Russland verdiente Geld zu spenden. Für eines der zahlreichen ukrainischen Hilfsprojekte oder an Projekte, die die Zivilgesellschaft in Russland fördern.“

Wenn man Artikel von ukrainischen Menschen liest, lehnen diese jegliche Zusammenarbeit beispielsweise mit Künstlern oder Firmen aus Russland ab. Reicht das nicht als Argument, um das auch hierzulande zu tun?

Ich kann das emotional nachvollziehen, halte es aber für nicht zielführend. Ich finde es absolut geboten, sich die russischen Partner nun noch genauer anzusehen als früher. Ein pauschaler Boykott würde aber in erster Linie die Falschen treffen. Auch wenn ich selbstverständlich nicht für alle sprechen kann, kann ich mit Sicherheit sagen, dass die russische Verlagswelt eine der letzten Bastionen der Zivilgesellschaft in Putinland ist. Warum sollten wir ausgerechnet diese isolieren?  

Im Erwachsenenbuch erhalten wir beispielsweise jetzt vermehrt Anfragen zu deutschsprachiger Anti-Kriegs- und Nachkriegsliteratur. Wir haben aktuell Angebote für Sebastian Haffners Anmerkungen zu Hitler und Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen von 1945-1955 von Harald Jähner auf dem Tisch. Das russische Inte-resse an diesen Büchern ist auch eine Form des Protests gegen den Krieg. Wir sollten den russischen LeserInnen die deutsche Erfahrung nicht vorenthalten. Literatur ist ein wichtiges Mittel, um den Dialog mit der russischen Zivilgesellschaft aufrecht zu erhalten. Ich denke, wenn wir noch an eine Zukunft nach Putin glauben, dann müssen wir genau das tun.

Wenn Texte deutschsprachiger KinderbuchautorInnen, die freiheitliche Werte vermitteln, nicht mehr nach Russland verkauft werden, würde man damit dem Regime in die Hände spielen?

So bzw. so ähnlich hat es zumindest Boris Akunin, der weltbekannte russische Autor und Intellektuelle, formuliert. Die russische Bevölkerung vom Zugang zu einem westlichen Lebensstil und seinen Werten abzuschneiden, ist ja ganz im Sine des Regimes. 

Auch wenn ich den Impuls mancher deutscher Lizenzgeber, die Geschäfte mit russischen Verlagen jetzt unmoralisch finden, verstehen kann, sehe ich einen Boykott sehr kritisch. Denn es trifft in erster Linie die Falschen, wir isolieren damit ausgerechnet unsere Verbündeten. Wir exportieren ja Bücher, ein Kulturgut, keine Schokolade.

Ich finde schon, dass sich die deutschen Lizenzgeber die Frage stellen sollten, was sie damit zu erreichen gedenken: Glauben sie wirklich, dass Putins Regime auch nur einen Tag früher ins Wanken gerät, wenn russische Kinder keine deutschen Kinderbücher mehr zu lesen bekommen? Was werden die Kinder stattdessen lesen? Sollen sie doch lieber unsere wunderbaren AutorInnen lesen, deren Bücher sehr oft von einer anti-autoritären Pädagogik geprägt sind. Vielleicht gelingt es ja darüber,  in ihnen die Sehnsucht nach einer anderen, freien Gesellschaft zu fördern. 

„Glauben Lizenzgeber wirklich, dass Putins Regime auch nur einen Tag früher ins Wanken gerät, wenn russische Kinder keine deutschen Kinderbücher mehr zu lesen bekommen? Was werden die Kinder stattdessen lesen?“

Außerdem ist es ja auch nicht so, dass es im Lizenzgeschäft mit Russland um volkswirtschaftlich in irgendeiner Weise relevante Geldbeträge gehen würde. Wenn ich’s mir aussuchen könnte, würde ich lieber auf russisches Öl und Gas verzichten, dafür im großen Stile deutsches Kinder- und Jugendbuch und auch Erwachsenenbuch nach Russland exportieren. Damit könnte man am ehesten die gewünschte gesellschaftliche Entwicklung in Russland bewirken, denke ich.

Was hören Sie denn von Ihren russischen KundInnen? Wie stehen sie zum Krieg gegen die Ukraine?

Die KollegInnen, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe, stehen mindestens so sehr unter Schock wie wir. Sie gehören zu der Bevölkerungsschicht, die willens und in der Lage ist, sich unabhängig zu informieren. Gerade in den ersten Tagen nach dem russischen Überfall, als es noch nicht verboten war, sich zu äußern, haben uns zahlreiche Anti-Kriegs-Botschaften, Protestbriefe in den sozialen Medien, Rundbriefe und persönliche Stellungnahmen erreicht. Sie fühlen sich ohnmächtig, als Geiseln des verabscheuten Putin-Regimes, ihrer Zukunft beraubt.

Wir wissen ja nicht, wie hoch der Anteil der Kriegsgegner in der russischen Bevölkerung wirklich ist, denn den russischen Umfragen konnte man noch nie trauen. Und den Umfragen, die in Kriegszeiten entstehen, darf man erst recht nicht trauen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es in Russland eine große Überschneidung zwischen den Kriegsgegnern und der Welt der Verlage, zumindest unserer international vernetzten Verlagspartner, gibt. Von vielen meiner KollegInnen, die ich inzwischen auch privat gut kenne, weiß ich das schlicht und ergreifend. 

„Wir wissen ja nicht, wie hoch der Anteil der Kriegsgegner in der russischen Bevölkerung wirklich ist, denn den russischen Umfragen konnte man noch nie trauen. Und den Umfragen, die in Kriegszeiten entstehen, darf man erst recht nicht trauen.“

Wie frei können diese russischen Verlage noch agieren, Programme gestalten und sich miteinander austauschen?

Bis jetzt habe ich von keinerlei Einmischung über das zu Anfang genannte Gesetz hinaus gehört. Aber wir sind ja noch mitten im Prozess, die Frage, was da noch kommen wird, steht im Raum. Sicher ist, dass das neueste Gesetz über die sogenannten „Falschnachrichten“ über die russischen Streitkräfte Auswirkungen auf den Literaturbetrieb haben wird. Oder vielmehr eine Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Ereignissen ganz und gar unmöglich machen wird, zumindest innerhalb Russlands. Aber es gibt ja auch noch eine riesige, täglich anwachsende russische Diaspora.

Was den Austausch der russischen VerlegerInnen untereinander angeht, so hat mir vor ein paar Tagen ein russischer Verleger Folgendes erzählt: Die Branche vermutet, dass bei der Absage der für Ende April geplanten Frühjahrs-Buchmesse in Moskau die Angst der Organisatoren davor, die Messe könnte als eine Anti-Kriegs-Plattform genutzt werden, eine Rolle gespielt hat. Als offizieller Grund vorgeschoben wurde die Papier- und Druckereikrise und, ja, die angebliche Tatsache, dass so viele ausländische Verlage ihre Rechte zurückgerufen hätten. Was überhaupt nicht stimmt. 

Aber es sind durchaus – noch – nicht alle im Laufe des Jahres geplanten Bücherfestivals abgesagt. 

Das Geschäftsmodell Ihrer Agentur besteht in der Vermittlung von Literatur aus der Ukraine und Russland nach Deutschland und umgekehrt. Haben Sie einen Plan B?

Nein, leider nicht. Sicher ist, dass ich mein bisheriges Modell werde modifizieren müssen. Ich freue mich natürlich sehr über das gewachsene Interesse an ukrainischen AutorInnen und IllustratorInnen. Und ich denke auch, dass die Aufarbeitung der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Russland über kurz oder lang viel, sehr viel Stoff bieten wird. Die Schwerpunkte in meiner Agentur werden sich verschieben, aber ich werde sicher weiterhin als Vermittlerin zwischen den Kulturen und ihren Literaturen tätig bleiben.

Die Fragen stellte Susanna Wengeler

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