Hat das wissenschaftliche Publizieren wirklich eine Zukunft? Peter Kritzinger: „Die Zukunft der Buchhandlungen liegt darin, dass sie die Themeninteressen ihrer potentiellen Kunden gezielt bedienen“

Vor ein paar Monaten  hatten wir an dieser Stelle einen Beitrag von Prof. Dr. h.c. mult. Klaus G. Saur zur Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens veröffentlicht und kamen darüber ins Gespräch mit Kohlhammer-Lektor Dr. Peter Kritzinger. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch:

Dr. Peter Kritzinger ist verantwortlicher Lektoratsleiter für Geschichte, Politik und Gesellschaft bei Kohlhammer

Herr Dr. Kritziger, wie ist denn Ihre Sicht, hat das wissenschaftliche Publizieren wirklich eine Zukunft?

Peter Kritzinger: Natürlich. Die Buchbranche vermittelt zwar manchmal den Eindruck, eine Welt für sich zu sein. Aber natürlich ist sie das nicht und genauso wie alle anderen Lebensbereiche ist sie den großen Entwicklungen und Trends ausgesetzt und beeinflusst diese auch selbst bis zu einem gewissen Grad.

Und wie beeinflussen diese Entwicklung Kohlhammer als einen der großen Wissenschaftsverlage in Deutschland? 

Sie bieten Chancen für AutorInnen, LeserInnen und auch für uns Wissenschaftsverlage. Die Buchproduktion muss stets in einem größeren Kontext betrachtet werden. Seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts gab es verschiedene v.a. technische Entwicklungen, die für die Buchbranche extrem wirkmächtig waren und diese massiv beeinflusst sowie verändert haben.

Was auch die Buchproduktion ganz allgemein verändert hat.

Ja, für wissenschaftliche Bücher spielt dabei der Digitaldruck eine zentrale Rolle. Allgemein gesprochen sind beim Digitaldruck weniger aufwendige und kostenintensive Vorbereitungen für die Produktion einer Buchauflage nötig, was insgesamt zu kleineren Auflagen führt.

War nicht das Internet mit seinen Folgen noch wirkmächtiger? 

Nochmal ja, das meine ich ja. Heute kann tatsächlich jede/r AutorIn ihr/sein Buch eigenständig über diverse Online-Plattformen vertreiben. Allerdings macht sich hier in vielen Fällen zunehmend das fehlende Qualitätsmanagement negativ bemerkbar. Man findet schlichtweg alles im Netz – und nichts. „Fake news“ und angebliche „Wissenschaftsjournale“ kontaminieren zunehmend auch die Wissenschaftslandschaft. Hier sehe ich für wissenschaftliche Verlage die Chance, sich sinnvoll als Qualitätsgaranten einzubringen. Dies gilt nicht nur für den Inhalt, sondern genauso für die Text- und Bildgestaltung.

Wie geht das denn wirtschaftlich mit dem Open-Access-Prinzip zusammen? Seit 2020 hat die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, bis 2025 über 75% der wissenschaftlichen Publikationen frei zugänglich zu machen.

Dieses Open-Access-Prinzip stellt tatsächlich auf den ersten Blick eine große Herausforderung für Wissenschaftsverlage dar, da der Vertrieb von Büchern scheinbar überflüssig zu werden scheint. Doch dieser Eindruck trügt, denn Qualitätsverlage bieten weit mehr als nur die Organisation des Vertriebs eines Buches an. Etwa sehen wir eine unserer Hauptaufgaben darin, die Qualität der Texte zu garantieren, indem wir diese lektorieren und setzen. Auf diese Weise möchten wir gewährleisten, dass Sprache, Inhalt und auch Optik ein stimmiges Ganzes ergeben. 

Das Verhalten der Wissenschaftler hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten aber massiv geändert. Wissenschaftliche Bücher werden insgesamt weniger gekauft und weniger in Buchhandlungen vor Ort.

Die Gründe, weshalb weniger wissenschaftliche Bücher gekauft werden, sind vielfältiger Natur. Durch die zunehmende Ausdifferenzierung der Wissenschaft werden Themen so komplex und speziell, dass selbst Akademiker den Ausführungen nur mit Mühe folgen können. Diese extreme Ausdifferenzierung ist keine gute Voraussetzung für ein Buch, das sich im Buchhandel behaupten muss. Und dies ist m. E. auch der wichtigste Grund, weshalb Buchhandlungen vielfach kaum noch ein breites wissenschaftliches Programm führen.

Welche Buchhandlung kann schon die Breite eines einzigen Bereiches führen?

Die Buchhändler reagieren ja letztlich auf die Nachfrage des Marktes – und hier gibt es ja ganz allgemein einen Rückgang zu beobachten. Auch wir spüren diese Entwicklung, wenngleich Kohlhammer schon seit Jahren und entgegen dieses allgemeinen Trends eine sehr positive Entwicklungskurve aufweist. Daher habe ich für meinen Verlagsbereich die Programmplanung gezielt auf diese Veränderung hin umgestellt. 

Und das heißt? 

Ich glaube, die Zukunft der Buchhandlungen liegt darin, dass sie die Themeninteressen ihrer potentiellen Kunden gezielt bedienen. Diese These hat ja auch die Beraterin Gaby Marx vor einigen Wochen bei Ihnen einleuchtenden vertreten, dass dem Sachbuch die Zukunft im Buchhandel gehöre.

Welche Interessen erspüren Sie denn? 

Was den Fach- und Sachbuchbereich anbelangt, beobachten wir ein zunehmendes Interesse für aktuelle Themen aber auch für spannende historische Fragen. Und diese Interessen der Leser mit fundierten Darstellungen zu bedienen, ist unser Anspruch. 

Und was heißt das, was machen Sie jetzt anders?

Hierfür haben wir bspw. die Reihe „Perspektiven auf Gesellschaft und Politik“ ins Leben gerufen, wo aktuelle Themen, Fragen und Probleme von Experten aus unterschiedlichen Fächern aus ihrer jeweiligen Perspektive beschrieben werden. Der Leser erhält auf diese Weise kurze, aber dennoch fundierte und gut lesbare Texte, die die Komplexität der jeweiligen Fragestellung nichtsdestotrotz erkennen lassen. Man lernt als Laie, dass es auf komplexe Fragen selten die Eine für immer richtige Antwort gibt. Für unser politisches System ist diese Erkenntnis von grundlegender Bedeutung.

Und was wäre so eine „spannende historische Frage“, die sie angesprochen haben?

„Wir versuchen die Menschen bei Ihren Interessen abzuholen“ (Durch Klick auf Cover mehr zum Buch)

Auch bei den Bereichen Geschichte und Gesellschaft versuchen wir die Menschen bei ihren Interessen abzuholen. Themen zur eigenen Vergangenheit – etwa Dynastie- und Familiengeschichten, Biographien, Epochendarstellungen usw. – sind nach wie vor sehr nachgefragt. Jüngst ist etwa bei uns ein Buch über die Adelsfamilie der Vieregge/Vierecks erschienen. Der Autor Sebastian Joost hat mit seiner Darstellung offenbar den Zahn der Zeit getroffen. Er zeichnet in dem Buch die Geschichte und Geschicke der Familie über sieben Jahrhunderte(!) nach und bindet am Ende die lebenden Generationen in seine Darstellung ein. 

Wie geht es jetzt weiter?

Unser vorrangiges Ziel ist es, Wissen aus dem akademischen „Elfenbeinturm“ unter die Leute zu bringen. Daher werden wir auch weiterhin alle Manuskripte unserer Fach- und Sachbücher aufwendig lektorieren, denn die wissenschaftliche Sprache ist für Fachfremde häufig nur schwer verständlich. Wissenschaftler wiederum schreiben in aller Regel für ihre eigene peer group, nutzen daher Fachbegriffe und eine komplexe Sprache. Wir bemühen uns, zusammen mit den Autorinnen und Autoren die Texte dem Leseverständnis einer breiten Leserschaft ohne inhaltliche Verluste anzupassen. Und dann freut es mich immer wieder sehr, wenn ich unsere Bücher in den Regalen der Buchhandlungen sehe.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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