Das Sonntagsgespräch Peter Molden über die Trüffelsuche nach neuen Autoren und die Arbeit Literarischer Agenturen

Peter Molden

Nach mehr als zwanzig Jahren erfolgreicher Verlagsarbeit in der Bundesrepublik und in Österreich hat sich Peter Molden im Januar 2005 mit einer literarischen Agentur und Verlagsberatung in Köln selbstständig gemacht. Zuvor war er von Oktober 1998 bis Herbst 2004 Geschäftsführer der Lübbe-Buchverlage. Molden, Neffe des österreichischen Verlegers Fritz Molden, lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Köln und ist Vorstandsmitglied des Literaturhauses Köln.

GERHARD BECKMANN: Seit Jahren ziehen die Auseinandersetzungen zwischen Verlegern und dem Verband deutscher Übersetzer sich nun schon hin, und auch die Hoffnung, dass der Streit über eine „angemessene Honorierung“ für Übersetzer zu einem Ende kommen würde, scheint wieder einmal dahin. Einem jüngsten Ondit zufolge, scheint die Sache jetzt doch vom Obersten Gericht in letzter Instanz entschieden werden zu müssen. Wie wirkt sich das alles für deutsche Autoren aus?

PETER MOLDEN: Na ja, des einen Leid ist des anderen Freud. Je größer die kalkulatorischen Unsicherheiten für übersetzte Bücher sind, umso interessanter werden jene Werke, für die es diese Unwägbarkeiten eben nicht gibt. Nachdem an der Ladenpreisschraube nicht mehr gedreht werden kann und auch die ausländischen Autoren auf keinen Teil ihres Honorars verzichten wollen, müssen sich die Verlage verstärkt mit Alternativen beschäftigen. Dazu gehören naheliegenderweise auch die Bücher deutscher oder besser gesagt deutschsprachiger Autoren.

GERHARD BECKMANN: Lässt sich das durch den Übersetzstreit ausgelöste, vermehrte Interesse an deutschen Autoren bereits irgendwie deutlich machen? Schlägt es sich zum Beispiel vielleicht sogar schon in den Bestsellerlisten nieder?

PETER MOLDEN: Ich denke schon, wiewohl so ein Prozess ja auch nicht von heute auf morgen stattfindet. Auffallend ist aber in jedem Falle, dass die Jahresbestsellerlisten 2008 in allen vier Sparten (HC und TB, Belletristik und Sachbuch) jeweils von einem deutschen Autor oder einer deutschen Autorin angeführt werden.

GERHARD BECKMANN: Die Verlage stöhnen aber auch über eine wachsende Flut von unverlangt eingesandten Manuskripten deutscher Autoren, unter denen sie angeblich kaum etwas Interessantes finden. Manche sagen, dass sie unter fünfhundert, andere, dass sie unter tausend Manuskripten nur ein brauchbares Manuskript finden….

PETER MOLDEN: Da haben Sie absolut Recht. Aber die Suche lohnt sich immer noch, man muss dafür nur die Zeit, die Geduld und vor allem die Erfahrung im Umgang mit Texten haben, um gerade jenes Manuskript unter Tausenden zu finden, das Zukunft hat und Erfolg verspricht.

GERHARD BECKMANN: Auf jeden Fall stellt diese Art der Suche für Verlage einen immensen Aufwand dar. Das ist nicht nur in Deutschland so. In Großbritannien hat vor einigen Monaten darum selbst das bedeutende, besonders an Entdeckungen interessierte und Autoren freundliche und noch unabhängige Traditionshaus Faber erklärt, grundsätzlich keine unverlangt eingesandten Manuskripte mehr prüfen zu wollen? Ist es zumindest bei den größeren Verlagen unseres Sprachraums auch schon so weit gekommen?

PETER MOLDEN: Da müssten Sie eigentlich die großen Verlage fragen. Aber ich denke schon, dass die Tendenz da ist, die Sichtung unverlangt eingesandter Manuskripte vor allem den Jüngsten in der Lektoratshierachie zuzuweisen, für die die Trüffelsuche mangels entsprechender Erfahrung natürlich besonders schwierig ist.

GERHARD BECKMANN: Wie man hört, kommt aber auch bei uns Literarischen Agenten eine immer größere Bedeutung zu. Warum eigentlich?

PETER MOLDEN: Betrachtet man die letzten 20 Jahre, so haben sich die Strukturen in der Welt der Bücher radikal verändert. Im Handel und den Verlagen gab es enorme Konzentrationsprozesse, die sich ihrerseits natürlich gewaltig auf die Abläufe und Aufgabengewichtungen in den Verlagen ausgewirkt haben. Die Bedeutung von Bereichen wie Marketing, Lizenzen oder Controlling hat überproportional zu-, die der Lektorate aber doch eher abgenommen, vor allem auch was die Anzahl der Mitarbeiter anlangt. Auf diese Weise hat sich jedenfalls die Notwendigkeit ergeben, immer mehr Programm- und Lektoratstätigkeiten nach außen zu verlagern. Das betrifft freie Lektoren genauso wie eben auch Agenturen. Viele Lektoren wurden oder werden zu einer Art „Produktmanager“, die primär organisatorisch tätig sind, dafür sorgen müssen, dass die Abläufe stimmen, aber nur noch wenig Zeit für das einzelne Werk, für seine Entstehung und seinen Schöpfer erübrigen können. Damit will ich aber nicht sagen, dass früher alles besser war, es war ganz einfach anders!

GERHARD BECKMANN: Das wäre sozusagen eine Antwort mit Bezug auf die Situation in den Verlagen. Wie sieht es nun aus Sicht der Autoren aus?

PETER MOLDEN: Es gibt da die schöne Geschichte eines von mir sehr geschätzten Autors: Als er anfing zu schreiben und zum ersten Mal im Verlag war, da gab es den langen Korridor mit vielen Türen auf denen die unterschiedlichsten Abteilungsnamen draufstanden. Am größten und häufigsten gab’s das Türschild „Lektorat“, das waren schöne große Eingänge, da ist man gern hineingegangen. Heute findet er nur noch die Schilder „Controlling“ und „Marketing“ und das auch noch vielfach, und erst ganz, ganz hinten, wo die Beleuchtung schon weniger gut ist, gibt es eine kleine Tür mit der Aufschrift „Lektorat“. Das ist natürlich eine sehr überspitzte Darstellung, aber sie drückt doch ein wenig das Fühlen und Denken so mancher Autoren aus, die ja oft sehr allein vor ihrem PC sitzen und den Verlag mit seinen vielen Konferenzen und Sitzungen als etwas Anonymes erleben.

Da steigt das Bedürfnis nach jemandem, der mehr Zeit hat zuzuhören, zu diskutieren und den Schreibprozess zu begleiten. Natürlich spielen auch wirtschaftliche Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle. Je öfter Autoren ausschließlich von ihrer Arbeit leben wollen oder müssen, umso stärker muss auch auf ihre wirtschaftlichen Interessen geachtet werden. Zwar sitzen Autoren und Verlage in einem gemeinsamen Boot und man kann nur Erfolg mit einem Buch oder – langfristig gesehen – mit einem Autor als Marke haben, wenn man im Takt rudert. Aber der Kuchen, den man erwirtschaftet, der kann durchaus unterschiedlich zwischen Autor und Verlag geteilt werden. Da kann eine Agentur einem Autor entsprechend helfen und ihn unterstützen, damit sein Stück nicht zu klein wird. Und – um beim Kuchenbeispiel zu bleiben – man muss ja zu allererst entscheiden, wie viel Teig man überhaupt dem Verlag überlässt, um einen gemeinsamen Kuchen zu backen. Auch da kommt den Agenturen immer mehr Bedeutung zu, für die Verwertung des einmal geschaffenen Inhalts auch andere als die Verlagswege zu gehen. Man muss ja den Verlagen nicht alle Nebenrechte überlassen.

GERHARD BECKMANN: Von manchen, zugegebenermaßen größeren Verlagen ist zu hören, man suche verzweifelt nach guten und interessanten Autoren, könne jedoch viel zu wenige finden.

PETER MOLDEN: Das ist nicht neu, alle sind permanent auf der Suche nach dem großen, unentdeckten Talent, dafür muss man sich aber auch Zeit nehmen können. Und dann auch in den Programmen die Möglichkeit haben, etwas zu riskieren, was noch keiner ausprobiert hat. Dafür haben die großen Verlage, die ja in langen Verwertungsketten denken müssen, viel weniger Möglichkeiten als die kleinen, flexiblere Verlage.

GERHARD BECKMANN: Es gibt allerdings auch Klagen aus den Lektoraten über etliche deutsche Literaturagenten. Da heißt es etwa, sinngemäß: „Diese Damen und Herren schicken uns eine Menge von Manuskripten, Teilmanuskripten und Entwürfen zu Romanen und Sachbüchern, die sind so grottenschlecht, dass wir uns die Haare raufen“.
Nun ist es ja so, dass auf deutsche Autorinnen und Autoren spezialisierte Agenten ein relativ neues Phänomen sind. Ihre Zahl hat sich während der vergangenen zwei Jahrzehnte rasant vermehrt – mittlerweile beträgt sie angeblich weit über hundert. Wird da in manchen Agenturen vielleicht noch unprofessionell gearbeitet?

PETER MOLDEN: Aus meinem Verlegerleben kann ich da auch nur von sehr unterschiedlichen Erfahrungen berichten, und jeder Fall ist anders, jede Agentur hat andere inhaltliche Schwerpunkte (Sachbuch, Belletristik, Ratgeber etc.), aus denen sich dann auch unterschiedliche Voraussetzungen ergeben können für das Material, mit dem man ein neues Projekt oder einen neuen Autor anbietet. Dann muss man auch immer den gerade für diesen Fall richtigen Lektor (oder die Lektorin) finden, der (die) für Thema, Stil oder Zielgruppe zu begeistern ist. Richtig ist aber sicher auch, dass man als Agentur bestrebt sein sollte, Projekte so weit ausgereift zu haben, dass sich ein Verlag ein überzeugendes Bild machen kann. Da habe auch ich in den vier Jahren meiner Agenturarbeit einiges dazugelernt und bin den Autoren gegenüber sicher noch „strenger“ geworden.

GERHARD BECKMANN: Was die deutschen Verlage zur Prüfung an ausländischer Literatur erreicht, ist ja zumeist dort bereits publikationsreif gemacht worden – von Lektoren oder auch, manchmal in jahrelanger Vorarbeit, von Agenten, bevor sie Manuskripte ihrer Klienten an Verlage senden; bei denen sind die Lektorate schließlich heute nicht minder ausgedünnt als hierzulande. Heißt das nicht, dass auch deutsche Literaturagenten oft zumindest eine Art von Vorlektorat ausüben müssten, bevor sie das Manuskript eines Autors anbieten?

PETER MOLDEN: Da haben Sie absolut Recht, und das meine ich auch mit „strenger geworden“. Und meine Frau unterstützt mich da sehr in der Vorarbeit mit Autoren und Autorinnen. So ist uns zum Beispiel Anfang letzten Jahres unaufgefordert ein Manuskript zu einem historischen Roman zugegangen, wo wir das Gefühl hatten, die junge Autorin kann schreiben, kann die Leserin packen, aber es fehlt doch noch so einiges, da muss man mal rangehen. Wir haben uns dann intensiv mit dem Manuskript beschäftigt, sind bei der Autorin auf offene Ohren gestoßen, haben uns zwei- oder dreimal zu langen Gesprächen getroffen, und schlussendlich hatten wir ein Manuskript, das ich dann auf der Frankfurter Buchmesse ankündigen konnte. Dann ging alles sehr, sehr schnell, wir hatten innerhalb weniger Tage viele schöne Angebote.

Aber das Vorlektorat ist ja nur die eine, erste Seite der Aufgabe einer Agentur, die andere ist ebenso wichtig: und das ist, einen guten Vertrag zu vermitteln, der ausgewogen die Rechte und Pflichten beider Seiten regelt. Nur so kann sich eine langfristige, erfolgreiche Zusammenarbeit ergeben, mit der beide Seiten, Autor und Verlag zufrieden sind.

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