Das Sonntagsgespräch Prof. Christian Ide: Studenten messen Chesterton ein passendes Kleid in der „Anderen Bibliothek“ an

Wer auf schöne Bücher aus, macht mit der Anderen Bibliothek – Band 1 wurde am 18. Januar 1985 von Franz Greno und Hans Magnus Enzensberger – nie etwas falsch. Seit über 30 Jahren schreibt diese Reihe Buchkunstgeschichte (und Literaturgeschichte natürlich auch…).

Jetzt ist ein ganz besonderer Band erschienen: nämlich ein gestalterisches Studentenprojekt, das – so meint Interviewer Ulrich Faure – auch für Nichtabonnenten der Reihe ein Muß ist.

BuchMarkt: Die renommierte Andere Bibliothek für eine gestalterisches Studentenprojekt zu öffnen – was haben Sie dem Verleger einflößen müssen, bis er bereit war?

Christian Die
Foto: © www.glaescher.de

Christian Ide: Ich war schon seit längerem mit der Herstellungsleiterin, Katrin Jacobsen, im Gespräch, ob wir nicht mal ein Projekt zusammen machen wollen. Und irgendwann habe ich einfach die Andere Bibliothek vorgeschlagen. Der Verleger Christian Döring war von dieser Idee eines studentischen Wettbewerbs sofort begeistert. Eine tatsächliche Realisierung eines solchen studentischen Entwurfs konnte er sich damals aber nicht wirklich vorstellen.

Nun ist diese Buchreihe ja im Prinzip der Ferrari unter den schöngemachten Gebrauchsbüchern, stehen da nicht renommierte Gestalter Schlange, um auch mal einen Titel gestalten zu dürfen?

Ich glaube, es ist wirklich so, daß es für jeden Gestalter eine große Ehre ist, einmal einen Band für die AB entwerfen zu dürfen. Und ich finde die Idee, daß seit einigen Jahren jeder Band eine etwas andere „Handschrift“ trägt, sehr reizvoll. Meine Studierenden waren auch entsprechend beeindruckt – und gleichzeitig etwas „eingeschüchtert“ ob dieser Herausforderung.

Wie ist es zu dem Projekt gekommen? Gab es einen Wettbewerb?

Ja, es gab natürlich einen Wettbewerb … 11 Teams von jeweils zwei Studierenden und zwei „Einzelkämpfer“ haben sich im Wintersemester 2014/2015 der Aufgabe gestellt, für die „Vier Verehrungswürdigen Verbrecher“ von Chesterton ein passendes „Kleid“ zu entwickeln. Christian Döring und Katrin Jacobsen sind im November zu einem extrem hilfreichen, sehr ausführlichen und schönen Briefing nach Leipzig gekommen. Im März haben wir auf der Leipziger Buchmesse die Entwürfe präsentiert und die besten Entwürfe prämiert. Wir hatten natürlich auch großes Glück, daß der Chesterton so viel „zeitlichen Vorlauf“ hatte. Sonst wäre ein solches Projekt im Rahmen des Unterrichts gar nicht möglich.

Wessen Handschrift trägt nun das bewußte Buch

Die Gestaltung von Einband und Schlaufe stammt von Pepe Nitz, die Innentypographie von Sophie Kliemann und Franziska Mahr. Natürlich haben wir für die endgültige Umsetzung beide Entwürfe noch ein wenig aneinander angepaßt – da waren dann alle drei beteiligt.

Haben denn alle Studenten den Text auch gelesen? Weil: Gestaltung heißt ja, Inhalt in eine Form zu bringen – und bei vielen Herstellern heute kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß sie die Bücher gelesen haben, die sie gestalten…

Ich würde zwar nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, daß alle Studierenden den gesamten Text von vorne bis hinten durchgelesen haben, aber meine Vorgabe war: Mindestens ein Drittel vollständig, den Rest zumindest diagonal. Ohne lesen geht’s auch heute nicht …

Sie sind ja in Sache Andere Bibliothek kein sozusagen unbedrucktes Blatt. Hat es Sie nicht in den Fingern gejuckt, das Buch allein zu machen?

Klar hat es das! Aber so hat es mir noch viel mehr Spaß gemacht! Wir waren alle begeistert, mit wie viel Elan, Leidenschaft, Begeisterung die Studenten sich an die Arbeit gemacht haben! Und die Ergebnisse waren besser, als wir alle erwartet haben – wir hatten große Schwierigkeiten, den einen Gewinner zu küren und haben gleich fünf Entwürfe ausgezeichnet. Christian Döring hat dann übrigens noch auf der Leipziger Buchmesse zugesagt, einen dieser Entwürfe umzusetzen.

Viele Köche verderben den Brei… Wie darf man sich kollektives Typographieren praktisch vorstellen?

Inspirierend! Jeder trägt ein kleines Bißchen zum Erfolg bei – und die Diskussion darüber hilft ungemein! Ich fand schon immer – auch 2007/2008 bei der Zusammenarbeit mit Lisa Neuhalfen, mit der ich ja immerhin 18 Bände der AB gestalten durfte – diesen Austausch unglaublich hilfreich. Und ich hoffe, das habe ich auch allen meinen Studierenden mitgeben können.

Haben die Stundenten irgendwas in die Debatte geworfen, was Sie als alten Hasen überrascht hat?

Ja natürlich – jeder Entwurf hat etwas Überraschendes! Ich fand vor allem die unglaubliche Vielfalt bereichernd. Die Entwürfe unterscheiden sich teilweise doch sehr deutlich – und sind aber jeder auf seine ganz individuelle Art und Weise „stimmig“. Man denkt ja manchmal von der eigenen Arbeit: „So und nicht anders muss es sein!“ Und das gewöhnt man sich in der Lehre ganz schnell ab. Außerdem haben die Studierenden ganz andere Schriften ausgewählt, die ich teilweise nicht einmal kannte. Das hat mich auch sehr beeindruckt …

Hätten Sie irgendwas anders gemacht?

Natürlich! Alles! Nein, Scherz beiseite, ich finde die Umsetzung so wie sie ist richtig gut gelungen!

Ich auch. Eine Ermutigung für die Andere Bibliothek, solche studentischen Projekte fortzusetzen?

Ich fände das großartig! Einmal im Jahr – warum eigentlich nicht?

Zum Schluß nach Aufwand und Ergebnis gefragt: Wie lange hat es von der ersten Idee bis zum letzten Speichern der fertigen Datei gedauert?

12 Monate – oder auch ein ganzes Jahr ;-)

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