Runde Geburtstage Reinhard Mohn wäre heute 100 geworden

Reinhard Mohn bei der Einweihung des Verlagsneubaus 1947. Es ist das erste bekannte Bild, das den Kriegsheimkehrer nach Übernahme der Verlagsleitung zeigt und wirkt bis heute symbolträchtig als Zeichen des Aufbruchs nach dem Ende des 2. Weltkriegs

 

Heute wäre Reinhard Mohn, dessen Visionen zum heutige Weltkonzern Bertelsmann geführt haben, 100 Jahre alt geworden. Im BuchMarkt-Juni Heft hatten wir dieses Bild aus dem Jahr 1947 veröffentlicht und dessen Geschichte erzählt: Es ist das erste bekannte Foto des Nachkriegsneugründers des väterlichen C. Bertelsmann Verlages und wirkt bis heute symbolträchtig als Zeichen des Aufbruchs nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

Als der Kriegsheimkehrer Reinhard Mohn beim Richtfest des neuen Verlagsgebäudes in Gütersloh sprach (da entstand dieses Foto) war jedenfalls nicht abzusehen, dass er mit seinen Mitarbeitern einmal aus den Trümmern des kleinen Traditionsverlages den heutigen Weltkonzern Bertelsmann formen würde.

Im Rückblick ranken sich darum Legenden: Etwa, dass es ohne Fritz Wixforth nicht zur Gründung des Lesering gekommen wäre, der über viele Jahre taktgebenden Einfluss auf die Verlagsbranche der jungen Bundesrepublik hatte. Der altgediente Vertriebschef des Verlages soll die Idee gehabt haben, die zur Keimzelle für das neue  Unternehmen wurde. Oder: Dass „nur durch das geniale  Steuer- und Finanzierungsmodell“ des späteren Heilpraktikers Manfred Köhnlechner ein Kollaps des zu schnell wachsenden Unternehmens verhindert worden sei. Oder: Dass  es nur durch die Gründung des Instituts für Buchmarktorschung durch Dr. Wolfgang Strauß (dem damaligen Pressesprecher des Unternehmens) gelungen sei, die anfängliche Verbitterung im Buchhandel über die Werbemethoden des Leserings und deren Werbetrupps vergessen zu lassen.

Ich war dabei, als er es in einer Runde von Buchhändlern deutlich sagte: „Ich bin kein Verleger, ich bin Unternehmer“. Als solcher hat er dann wie kaum ein anderer die Wirtschaftsgeschichte im Nachkriegsdeutschland geprägt – auch als Pionier beim Thema Sozialpartnerschaft in Unternehmen, der in der Beteiligung von Mitarbeitern einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg des Unternehmens (und sich schnell  damit bewiesen) sah.

Reinhard Mohn beim Interview: „Werden wir in zwanzig Jahren alle bei Ihnen arbeiten?“

Unvergessen für mich ist mein Interview (s. Foto) mit ihm kurz nach BuchMarkt-Gründung: Es ging damals um den Meurer Mohn Plan und die Idee zur Gründung einer  Ladenkette, gemeinsam mit dem Buchhandel. Ich hatte meine Fragen vorab einzureichen, wir waren beim Gespräch auch nicht allein: Hinter Mohn überwachte gefühlt der komplette Konzernvorstand das Gespräch und sein Pressesprecher Dr. Strauß wollte sich fast entleiben, als ich fragte „Herr Mohn, werden wir in zwanzig Jahren alle bei Ihnen arbeiten?“ –  denn diese Frage hatte nicht auf meiner Liste gestanden.

Heute, rund fünfzig Jahre später, ist die Frage beantwortet. Aber was Mohn damals gesagt hat, habe ich vor lauter Aufregung (es war das erst zweite Interview meines Berufslebens) damals gar nicht richtig gehört –  und ob wir seine Antwort  vom Tonband übernommen und veröffentlicht haben, weiß ich auch nicht mehr. Aber was ich noch weiß: Seine Gradlinigkeit und Offenheit haben mich beeindruckt.

Unvergessen ist mir aber seine damalige Bemerkung  „Ohne Doktor-Titel stelle ich künftig niemand ein. Ich will nur die Besten“. Bei einer der jährlichen Quellental-Tagungen mit Buchhändlern hatte er das schon einmal gesagt – und wir im Saal uns darauf etwas betreten angeschaut; unsere Bertelsmann Karriere war mangels Titel beendet, eh sie angefangen hatte. Heute wissen wir, Mohn war dann mit der Einschränkung auf  den Doktortitel nicht so konsequent, wie es uns damals klang.

Er fand auch  so die „Besten“ für das Unternehmen, und mit denen ging er sorgsam um. Den Brief, den er etwa an Gert Frederking nach dessen Ablösung als Verleger von Goldmann schrieb, hat mir Gert Jahre später gezeigt. Ihm hatten Mohns veröhnliche und anerkennenden Zeilen in der damals für beide Seiten schmerzlichen Situation geholfen, seine Würde zu behalten. Und dieser Brief hat möglich gemacht, dass es für Gert Frederking Jahre später eine Rückkehr als Club Verleger in den Konzern gab .

In meinen Anfangsjahren hat mir Selbstvertrauen gegeben, dass ich schnell gemerkt habe, dass Reinhard Mohn unser Interview nicht vergessen hat, auch wenn wir uns dann meist ja nur noch kurz beim jährlichen Bertelsmann Empfang auf der Buchmesse begrüßten oder bei den jährlichen Buchhandels-Tagen im Quellental. Bei diesen Tagungen wurden damals so manche Weichen gestellt, die die Branche beeinflusst haben und zu Themen wurden, die wir mit BuchMarkt begleiten konnten.

Ich bin deshalb dankbar, dass ich oft dabei sein konnte. Und dass ich Reinhard Mohn kennenlernen und über viele Jahre mit Weggefährten arbeiten durfte, die noch durch ihn geprägt worden waren: Sein Einfluss auf die Buchbranche war und ist bis heute dadurch auch ohne den Buchclub immer noch spürbar.

Christian von Zittwitz

Heute ab 17 Uhr erinnert die Bertelsmann AG mit einer Online-Veranstaltung an ihren Gründer, dabei spricht  Aufsichtsrats-Chef Christoph Mohn über das Lebenswerk seines Vaters, Grußworte kommen u.a. von Peter Altmaier und Joachim Gauck. In dem Buch Reinhard Mohn – Ein Jahrhundertunternehmer wird sein  Lebenswerk gewürdigt (mehr dazu hier), auf der Untermehmenswebseite gibt es Live-Impressionen aus Reinhard Mohns Arbeitsleben.  

 

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