Hirzel-Verleger Christian Rotta: „Der Vor-Ort-Buchhandel ist unser wichtigster Partner und Vertriebskanal“

Der Hirzel Verlag (der Verlag der Wörterbücher der Gebrüder Grimm) richtet sein Sachbuchprogramm neu aus. Mit seinem populären Sachbuchprogramm ist er ein Solitär innerhalb der DAV-Mediengruppe, die ansonsten aus Fach- und Wissenschaftsverlagen besteht. Mit seiner Neuausrichtung hat sich der Verlag auch mehr Präsenz im Handel vorgenommen. Das ist auch Anlass für unser heutiges Sonntags-Gespräch mit Hirzel-Verleger Christian Rotta

Christian Rotta: „Wir fokussieren unsere Titel nicht nur stärker auf gesellschaftliche Debatten, sondern haben auch das Erscheinungsbild unserer Bücher modernisiert. Im Buchhandel setzen wir auf eine höhere Präsenz und Sichtbarkeit, zumal wir jetzt mit dem Büro Indiebook (Christian Krause, Michel Theis, Regina Vogel) und  – in Nordrhein-Westfalen – Michael Schikowski auch über ein bundesweites Vertreternetz verfügen“

BuchMarkt: Herr Rotta, Ihre Mediengruppe besteht fast ausschließlich aus Fach- und Wissenschaftsverlagen in den Naturwissenschaften sowie Sozial- und Geisteswissenschaften. Warum wagen Sie mit dem neuen Sachbuchsegment bei Hirzel gerade jetzt den „Sprung nach vorne“ in den allgemeinen Publikumsbereich?

Christian Rotta: Ganz neu ist das Sachbuchsegment bei Hirzel ja nicht. Ich war seit den Achtzigerjahren Herausgeber der interdisziplinären Zeitschrift „Universitas“, einem Forum für Wissenschaft, Kunst und Literatur, das zunächst in der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft Stuttgart und später bei Hirzel erschien. Den Schwerpunkt-Themen der Zeitschrift stellten wir die Buchreihe „Edition Universitas“ zur Seite, aus der wiederum ein eigenständiges Sachbuchprogramm an der Nahtstelle von Naturwissenschaft und Sozial- bzw. Geisteswissenschaft entstand. Dieses zarte Pflänzchen entwickelte sich nach und nach – allerdings eher mäandernd als stringent, wobei wir zum Beispiel mit unseren Titeln zur Evolutionsbiologie oder zur „Ökologie der Zeit“ und insbesondere mit unserer ernährungskritischen Reihe „Hirzel Menu“ durchaus reüssieren konnten.

So recht war das bei mir nicht angekommen, und in der gesamten Bereite des Handels wohl auch nicht.

Da ging es Ihnen nicht anders als anderen – obwohl wir seinerzeit gleich mit unserem ersten Titel „Vorsicht Geschmack – Was ist drin in Lebensmitteln?“ durchaus erfolgreich waren und, wenn ich mich recht erinnere, auch in der Bestsellerliste Ihres geschätzten Magazins gelandet sind. Aber Sie haben recht: Wir waren im Handel zu wenig präsent und standen deshalb jetzt vor der Frage: Wollen wir unsere Sachbücher weiterhin nur als eine Art Orchideensegment, als eine feine, aber kleine Zierpflanze unseres sonstigen Verlagsprogramms pflegen oder wollen wir, wie Sie sagen, den „Sprung nach vorne“ wagen? Wir, das heißt unser Verlagsleiter Thomas Schaber, unser neuer Programmleiter Rüdiger Müller und ich, haben uns für Letzteres entschieden.

Der Zeitpunkt ist nicht gerade optimal, das Terrain umkämpft…

… aber wenn nicht jetzt, wann dann? Wir leben – nicht erst seit „Corona“ – in unübersichtlichen und fragilen Zeiten. Lange geglaubte Gewissheiten geraten ins Wanken und in dieser Gemengelage entstehen interessante, ja zum Teil auch intensive gesellschaftliche Debatten quer zu traditionellen Denkweisen und Lagern. Und hier setzen wir mit unserem  erweiterten und neuen Verlagsprogramm an. Jenseits flüchtiger Trends und Moden möchten wir Orientierung bieten – ohne dass sich unsere Autoren dabei gegenüber unseren Leserinnen und Lesern „pädagogisierend“ und bevormundend gerieren.

Wen sehen Sie denn als  Zielgruppe für Ihr neues Programm?

Wir wenden uns an Leserinnen und Leser, die den seriösen und pointierten Diskurs suchen und Lust auf streitbare Themen haben! Ich bemühe jetzt bewusst nicht den „typischen ZEIT-Leser“ als Adressaten – aber in diese Richtung geht es schon…

Das klingt ein wenig verschwommen. Geht’s noch etwas genauer? 

Ok, nächster Versuch. Was ich damit sagen möchte: Ich denke, dass es gerade jetzt mehr den je neugierige, wissbegierige Leserinnen und Leser gibt, die sich ihrer Positionen nicht mehr so sicher sind wie in früheren Zeiten – Leserinnen und Leser, die in bestem Sinne ihre Ansichten  zu hinterfragen bereit sind. Mit unseren Büchern möchten wir eingeschliffene Sichtweisen in Frage stellen und neue Perspektiven eröffnen. Hierfür bietet unser Programm, das auch in der Tradition der bei Hirzel erschienenen wissenschaftlich-philosophischen Bücher u.a. von Werner Heisenberg, Carl Friedrich v. Weizsäcker, Gerhard Vollmer steht,  anregende Anknüpfungspunkte. 

Worin bestehen für Sie denn die hauptsächlichen Herausforderungen für eine erfolgreiche Etablierung des Hirzel-Sachbuchprogramms?

Als Mediengruppe mussten und müssen wir uns bewusst machen und verinnerlichen, dass sich die Arbeit eines Verlags wie Hirzel, der sich dem populären Sachbuch zuwendet, grundsätzlich von der Arbeit unserer zielgruppenspezifischen Wissenschafts- bzw. Fachbuchverlags unterscheidet – und dies gilt von der Programmplanung und Akquise über die Autorenbetreuung bis hin zu Marketing und Vertrieb. Hier liegen zwischen einem Sachbuch-Verlag einerseits und Wissenschafts-/Fachverlagen andererseits Welten. Um diesen unterschiedlichen Logiken Rechnung zu tragen, mussten wir in unserer Verlagsgruppe an vielen Stellen Hirzel-spezifische Verlagsabläufe etablieren und den Verlag – auch räumlich und personell –  „verselbständigen“. Ich glaube, dass uns dies inzwischen ganz gut gelungen ist. 

Für unsere Leser im Handel wäre mir ein Beispiel aus dem neuen Hirzel-Programm  hilfreich.

Wie wär‘s mit  „Lecker-Land ist abgebrannt“?  Dieser Titel von  Manfred Kriener steht prototypisch für diesen Anspruch und hat es gleich nach dem Start auf einige Listenplätze gebracht – wohl, weil er sich, ohne missionarisch oder eifernd zu sein, mit verbreiteten Ernährungslügen befasst und scharfsinnig den rasanten Wandel unserer Esskultur beobachtet. Es will ausdrücklich kein Ratgeber sein, sondern ist an der Schnittstelle von Ernährung, Genuss, Politik und Wirtschaft angesiedelt. „Kriener schult Skepsis und Kompetenz der Leser, wendet sich gegen einen um sich greifenden Ernährungsfanatismus und plädiert für aufgeklärten Genuss“, heißt es in einer der zahlreichen, geradezu überschwänglichen Rezensionen zu unserer Neuerscheinung. Dass es das Buch inzwischen auch in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat, freut uns natürlich umso mehr. Ein absolut lesenswertes Buch!

Klingt so, als habe dabei der „Fall Tönnies“ eine Rolle gespielt…

… das kann gut sein, wobei das Thema „Ökologie und Ernährung“ ja auch unabhängig konkreter Skandale immer mehr in den allgemeinen Fokus tritt. Dies spiegelt sich auch in unserer Herbstneuerscheinung von Malte Rubach „Die Ökobilanz auf dem Teller – Wie wir mit unserem Essen das Klima schützen können“ wider. Mir war bis dato zum Beispiel nicht geläufig, dass eine Portion Spaghetti Bolognese etwa 1,5 Kilogramm CO2 verursacht. Malte Raubach erläutert die Zusammenhänge zwischen Klima und Ernährungswirtschaft und wartet dabei mit überraschenden Erkenntnissen auf. Auch unser Erfolgsautor Thomas A. Vilgis („Die Molekül-Küche“ in inzwischen 9. Auflage) verbindet in seinem neuen Buch „Einfach essen!“ die naturwissenschaftlichen, kulturellen und soziologischen Aspekte unserer Esskultur. Sein Buch ist ein Plädoyer „gegen den Ernährungswahn in unseren Köpfen“. Wie wir auch weiterhin in unserem Sachbuchprogramm naturwissenschaftliche Themen aufgreifen werden. Besonders gut gefällt mir persönlich unsere Neuerscheinung des Biologen und Ethnologen Peter-René Becker über den Werkzeuggebrauch im Tierreich mit dem Titel „Wie Tiere hämmern, bohren, streichen“. 

Was dürfen wir von Hirzel im Herbst noch erwarten? 

Einer unserer Spitzentitel im Herbst, Blue Mind – Wie Wasser uns glücklich macht“ –  belegt die bemerkenswerten Auswirkungen von Wasser auf unsere Gesundheit und zeigt, wie unsere Beziehung zum Wasser das menschliche Gehirn formt. Wallace J. Nichols Buch, in den USA ein Bestseller, verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit persönlichen Geschichten rund um das Faszinosum Wasser. Ein in bestem Sinne erzählendes Sachbuch! Oder Adam Kucharskis „Das Gesetz der Ansteckung“ – das etwas andere Buch zur „Corona-Krise“. Ein auch sprachlich brillantes Buch, in dem gezeigt wird, dass und wie sich nicht nur Pandemien virusartig ausbreiten, sondern auch Finanzkrisen und Fake News. Aber wir begeben uns auch unmittelbar ins politische „Kampfgetümmel“: „Stoppt den Hass!“ ist eine Streitschrift gegen den Antisemitismus und die neue Judenfeindlichkeit in Deutschland, die sich auf bedrohliche Weise immer mehr auch in der Mitte unserer Gesellschaft breit macht. Ein Titel mit beschämender Aktualität! Mit der Rückkehr der „braunen Naturschützer“ befasst sich „Ökologie und Heimat“. Heimat- und Naturverbundenheit, das traditionell nicht selten mit völkisch-nationalistischem Denken verknüpft ist, haben in der Neuen Rechten europaweit Konjunktur. U.a. Bodo Ramelow, Jo Leinen und Wolfgang Ehmke fragen: Kann Heimat vor diesem Hintergrund noch links oder grün gedacht werden? Viele aktuelle Bezüge hat auch unsere Neuerscheinung „Pillen, Helfer, Globuli – Das Geschäft mit der Alternativmedizin“. Beate Frenkel, Redakteurin bei „Frontal 21“, steigt darin in die Tiefen einer nicht erst seit „Corona“ kruden Szene selbsternannter Heiler, Impf- und „Pharma-Kritiker“. Viele der dort angebotenen Produkte sind wirkungslos und harmlos, manche jedoch auch gefährlich oder sogar tödlich. Ein Buch, das aufdeckt und aufschreckt!

Und neben den thematischen Erweiterungen: Was tut sich bei Hirzel sonst noch?

Wir fokussieren unsere Titel nicht nur stärker auf gesellschaftliche Debatten (ohne freilich unsere „traditionellen“ Hirzel-Themen aus den Augen zu verlieren), sondern haben auch das Erscheinungsbild unserer Bücher modernisiert. Im Buchhandel setzen wir auf eine höhere Präsenz und Sichtbarkeit, zumal wir jetzt mit dem Büro Indiebook (Christian Krause, Michel Theis, Regina Vogel) und  – in Nordrhein-Westfalen – Michael Schikowski auch über ein bundesweites Vertreternetz verfügen. Und dass Voraussetzung des Erfolgs unseres neuen Programms engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler sind, liegt auf der Hand. Der Vor-Ort-Buchhandel ist unser wichtigster Partner und Vertriebskanal! Wir planen ungefähr 20 bis 25 Neuerscheinungen pro Jahr.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

 

  

Kommentare (1)
  1. Lässt der BuchMarkt die Eigenverlage (PERSONAL ARBEIT)
    im Stich?
    Mein Sachbuch „Navigation Zukunft“ ist bereits 2018 erschienen und bekommt erst jetzt – Coronazeit – die Aufmerksamkeit besonders bei den Sachbuch-Lesern. Die Bibliotheken bundes- weiter Hochschulen und die Best Practise-Begeisterten haben noch nicht so viel von Rezensionen nach der Buchlektüre gehört. Leider sind bei den großen Buchhandlungen und Verlagshäusern die Spiegel-Bestseller dominant, verständlich. Nun haben und werden auch die beiden Buchmessen 2020 dazu beitragen, dass
    es den interessierten Messebesucher vor Ort nicht geben wird.
    Das was gerade in dieser Zeit zählt, sind die sachlich verständ- lichen Lösungen zu wirtschaftlichen Notwendigkeiten, wie sie
    im Buch vermittelt werden. Auch dem Strandkorbleser nicht nur auf Sylt (Buchhandlung Voss) steht es unternehmerisch frei auch auf meiner Webseite http://www.unternehmer-navi.eu Sinn zur Ressource wasserwirtschaftlicher Verantwortung zu finden.

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