07.03.2008: Reinhold G. Stecher (75)

Reinhold G. Stecher

Reinhold G. Stecher wird heute 75 Jahre alt. Der Münchener Verleger Johannes Thiele gratuliert ihm zum Geburtstag:

Lieber Herr Stecher,

in einer Zeit, in der die Verleger und Programmleiter wichtig-hurtig über den Globus hetzen, um Warentermingeschäfte zu tätigen, gibt mir Ihr wunderbar gelassenes und freudiges „Ich grüße Sie!“ am Telefon ein Gefühl von Heimat und Vertrauen. Es ist ein Anachronismus – aber welch ein liebenswerter!

Seitenweise könnte ich diesen Brief mit Geschichten und Anekdoten füllen, aber dann besteht die Gefahr, dass doch wieder ein Buch daraus wird (ich kann nichts anderes als Bücher). Doch heute möchte ich lieber etwas grundsätzlicher werden, denn ich glaube, dass gerade Sie nicht nur das sind, was man ein Urgestein nennen könnte (obwohl mir das angesichts Ihrer Vitalität viel zu historisch klingt), sondern ein Grandseigneur – jemand, der in der Welt (der Bücher) einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hat und der als ein Vorbild wirkt.

Vielleicht war es ja ein genialer Einfall von mir, Sie und Roman Hocke zusammengebracht zu haben – ich habe wohl gespürt, dass zwischen Ihnen so etwas wie Seelenverwandtschaft, a singular spirit bestehen könnte.

Die beiden AVAs sind heute wie zwei Seiten einer Medaille – ich sage bewusst Medaille und nicht Münze, denn ich habe es immer als eine Auszeichnung empfunden, nicht nur von einem geschäftstüchtigen Agenten vertreten zu werden, sondern mit unüberhörbarem Stolz sagen zu können: Ich bin ein Autor der AVA.

Die beiden AVAs bieten mir nicht nur die Wahrnehmung meiner Interessen, sondern Engagement in Ideenfindung und Stoffentwicklung, Vorsicht, Gespür, Zutrauen und ein gewisses je ne sais quoi. Natürlich braucht jeder Agent – auch wenn er klassischerweise aus dem Programm kommt – eine ausgesprochen ökonomische Ader. Letzten Endes sind dies ja alles auch Geschäftsbeziehungen, aber Geschäfte kann man auf verschiedene Art machen: nobel oder schäbig. Ich habe Sie mal einen, nein den Gentleman-Agenten genannt. Damit habe ich gemeint: Sie führen die Geschäfte auf die denkbar nobelste Weise.

Wir Autoren haben alle festgestellt, dass die Beziehung, wie sie früher zu Verlegern und Lektoren bestand, sich zunehmend auf die Agenten verlagert. Sie sind es nun, die sich für die „Autorenpflege“ zuständig fühlen. Das kann man lax handhaben oder ernsthaft. Niemand macht es mit größerer Ernsthaftigkeit als Sie. Sie bieten „Ihren“ Autoren etwas, das sie woanders kaum (mehr) bekommen: lebhaftes Interesse, verblüffende Ermutigung, intensiven Austausch, Hinterfragung und Kritik auch, alles zusammen eben: dass sie ernst genommen werden. Für Sie sind Autoren mehr als ein Wirtschaftsfaktor im Business der Ideen und Investitionen. Sie sind neben aller kommerziellen Vernunft, über die Sie reichlich verfügen, auch und vor allem Motor und Motivator für das Schöpferische. Denn Sie verfügen über eine ganz seltene Gabe: den Autor in seinem schöpferischen Dasein zu verstehen.

Dies ist so viel mehr als jede Art von Dienstleistung. Ihre elegante Erscheinung, Ihr stupendes Branchenwissen, Ihr immens freundlicher, bisweilen auch resoluter (ich möchte sagen: „fränkischer“) Umgangston, Ihr diplomatisches Geschick, Ihre Fähigkeit, Witterung für Atmosphärisches aufzunehmen, Ihre Gastfreundschaft und Großzügigkeit, Ihre Fairness und Ihre Treue – das alles habe ich als Verlagsleiter und Verleger, der wirklich alle deutschen Agenten kennt und einzuschätzen weiß, bei keinem anderen Vertreter Ihrer Zunft in dieser unwiderstehlichen Melange (wie wir Wiener sagen) erlebt. Das hat mir als Autor unendlich mehr bedeutet, als meine Unterschrift unter kompetent, ja sicher von Ihnen ausgehandelte Verträge setzen zu können und als dass mir Zahlen mit vielen Nullen aufs Konto geweht wurden (was natürlich wichtig war, aber eben nicht alles).

Die AVA bietet ihren Autoren ein Grundrauschen der Verlässlichkeit. Heute im Zeitalter des Internets nennt man das community-feeling. Ein erleichterndes Gefühl, nahezu stets willkommen zu sein. Dies ist, wenn man es so nennen will, Ihr Lebenswerk. Aber das klingt schon wieder so abgeschlossen. Dabei ist doch das Schönste, das wirklich Allerschönste, dass ich diesen Brief nicht im Rückblick oder in der Vergangenheitsform schreiben muss. Denn nichts ist vergangen von Ihren 75 Jahren und Ihren 50 Jahren in der Branche. Es ist alles Gegenwart und Zukunft.

Dankbar und herzlich grüßt Sie
Ihr
Johannes Thiele

Auch Roman Hocke lässt es sich nicht nehmen, seinem Kompagnon zum Geburtstag zu gratulieren:

Literarische Agenten, so heißt es in einer Berufsbeschreibung der Bundesagentur für Arbeit, „vermitteln zwischen Verlagen oder zwischen Verlag und Autoren und Autorinnen. Sie betreuen Autoren und Autorinnen und handeln Projekte und Verträge aus.“ So lapidar und bürokratisch korrekt kann man den Berufsstand definieren. Wer allerdings Reinhold G. Stecher kennt, der weiß, welcher Kosmos und welche Pionierleistung sich hinter dieser Definition verbirgt. Denn dass es den Berufsstand heute in Deutschland überhaupt gibt, verdankt sich nicht zuletzt der Existenz von Reinhold G. Stecher.

Es war im Januar 1979, als er seine AVA Autoren- und Verlagsagentur GdbR gründete. Daneben war er auch noch einige Jahre bei Rolf Heyne als alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer tätig. Stechers Klientenliste las sich bald wie das Who is Who der deutschen Bestsellerautoren: Heinz G. Konsalik, Utta Danella, Sandra Paretti, C.C. Bergius, Lilli Palmer, Leni Riefenstahl, Charlotte Link und viele andere mehr. Noch immer ist Reinhold G. Stecher als Literaturagent tätig. Er ist somit nicht nur einer der Ersten seiner Zunft gewesen, er ist heute auch ihr Dienstältester.

Reinhold G. Stecher hat sich das Vertrauen seiner Autoren über viele Jahre hinweg erworben. Er war bereits in führenden Verlagspositionen tätig gewesen, als er mit der Gründung der Agentur seine beeindruckende Karriere krönte. Um nur einige wichtige Stationen zu nennen: Er war von 1966 bis 1969 Cheflektor, Prokurist und zuletzt Geschäftsführer des Kindler und des Lichtenberg Verlages, danach Verlagsleiter des Wilhelm Heyne Verlages, dessen Umsatz er im Verlauf von fünf Jahren auf das Fünffache steigerte. Im Sommer 1977 wurde er Geschäftsführer und Verlagsleiter des C. Bertelsmann Verlages, des Blanvalet Verlages und des Bertelsmann Jugendbuch Verlages. Von 1979 bis 1983 stieg er nochmals bei Rolf Heyne ein.

Doch eigentlich begann Reinhold G. Stechers Karriere eher untypisch, folgt man zumindest dem Ratschlag der Bundesagentur für Arbeit, die literarischen Agenten zu einem Literaturstudium rät. Der gebürtige Ansbacher studierte in den frühen 50er Jahren Betriebswirtschaftslehre und reüssierte zunächst als Assistent des Sales Promotion Managers der National Registrier Kassen GmbH. Im Zuge dieser Tätigkeit zeichnete er auch als Werbetexter verantwortlich. Es war die Liebe zum geschriebenen Wort, die ihn schließlich veranlasste, in die Buchbranche zu wechseln. Ein untrügliches Gespür für Stoffe und Autoren, gepaart mit kaufmännischer Begabung und Pioniergeist ließen ihn dort zu einem der ganz Großen werden.

Fragt man seine Autoren oder Wegbegleiter nach einer knappen Definition des „Phänomens Stecher“, so lautet die Antwort nahezu einhellig: Reinhold G. Stecher, das ist der Gentleman unter den Agenten. Das ist Profession und Professionalität zugleich. Profession – weil er liebt, was er tut. Weil er ein einfühlsamer Betreuer und zuverlässiger Ratgeber seiner Autoren ist. Weil er für sie buchstäblich durchs Feuer geht. Professionell – weil er seinen Partnern gegenüber stets fair und loyal ist. Sein Wort gilt. Immer wieder betonen seine Autoren auch die familiäre Atmosphäre, die in der AVA herrscht. Reinhold G. Stecher, so ein deutscher Bestsellerautor, schaffe es durch seine ruhige, sanfte und unaufdringliche Präsenz, aus einer Ansammlung natürlicher Widersacher einen Schwarm gutgelaunter Gleichgesinnter zu machen. Beispielhaft geschieht dies auf dem AVA-Weißwurst-Frühstück, dem Sommerfest der Agentur, das Stecher auf seinem Anwesen in Breitbrunn am Ammersee seit vielen Jahren veranstaltet, seit 2002 gemeinsam mit seinem Partner Roman Hocke von der AVA international GmbH. Das Fest hat sich zu einem Szene-Treff der besonderen Art entwickelt. Autoren, Verleger, Lektoren, Film- und Medienleute treffen sich, um in ungezwungener Atmosphäre bei bayerischen Weißwürsten, Gemüsepflanzl und fränkischem Wein schöne Stunden miteinander zu verbringen – Stunden, in denen nicht selten neue Projekte geschmiedet werden. Den Stellenwert des Festes kann man auch der Enttäuschung derer entnehmen, die sich bisweilen darüber beklagen, dass sie „nach dem schönen Fest im letzten Jahr dieses Jahr nicht wieder eingeladen wurden.“ Aber was sie vielleicht nicht wissen: Das AVA-Fest findet nur alle zwei Jahre statt!

Wir wollen Reinhold G. Stecher zu seinem 75. Geburtstag gratulieren und uns nicht ganz uneigennützig wünschen, dass er seinen Autoren und Kollegen noch lange erhalten bleibt. Es gibt wenige Menschen, die wie er den „Biss“ im Geschäft und den privaten in die Weißwurst so harmonisch vereinen.

Roman Hocke

Kontakt: office@ava-bookagency.com

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