Patricia Reimann (60)

Patricia Reimann

Patricia Reimann wird heute 60 Jahre alt. Klaus Reichert gratuliert der Programmleiterin Literatur bei dtv zum runden Geburtstag:

Wer auf der Buchmesse am Stand des Deutschen Taschenbuch Verlags nach Patricia Reimann fragt, der bekommt zu hören, sie komme gleich (was sie nicht tut), sie sei bis eben dagewesen, aber habe zu einem Termin eilen müssen, man habe sie heute noch gar nicht gesehen oder sie werde heute bestimmt nicht mehr kommen. Morgen? Sehr fraglich, denn… Es ist also schieres Glück, wenn man dieser schönen, hochgewachsenen, eleganten Frau voller Geheimnis mit dem offenen, verhalten strahlenden Gesicht unter den leicht gewellten dunklen Haaren dann doch in die Arme läuft. Die herzliche Freude ist groß, wir setzen uns an einen der Tische am Stand, die Terminliste ist vergessen, wir erzählen und erzählen, die Zeit scheint stillzustehen, was hast du gemacht, erlebt, entdeckt, was planst du? Sag mir noch, was aus dem-und-dem geworden ist. Und die Kinder? Am Ende versprechen wir uns, dass es nicht wieder ein Jahr dauern soll, bis wir uns wiedersehen.

Ich kenne Patricia Reimann seit den 90er Jahren. Sie hatte in München Philosophie und Germanistik studiert, war bei Piper Lektorin für ausländische Literatur (vor allem die englische, amerikanische und israelische) und kam 1990 mit ihrem Mann, Wolfgang Balk, der Chef des S. Fischer Taschenbuch Verlags war, nach Frankfurt. Es war Sympathie auf den ersten Blick, aus der schnell eine Freundschaft wurde. In unserem Frankfurter Kreis war sie bald dabei – mit dem scharfzüngigen Kritiker Walter Boehlich (bis zum Schicksalsjahr 68 Cheflektor bei Suhrkamp), der vor schönen Frauen dahinschmolz, wenn sie außerdem klug und geistreich waren und ihm Paroli boten; mit dem Dichter Paulus Böhmer und seiner israelischen Frau Lydia, die aus dem Hebräischen übersetzte. Der große israelische Dichter Jehuda Amichai war ein paarmal dabei, von dem Patricia bei Piper Gedichtbände gemacht hatte. Wir – das heißt Patricia, Boehlich, Lydia, meine Tochter Anna und ich – haben uns sogar einmal bei der Jüdischen Volkshochschule eingeschrieben um jiddisch zu lernen. Als uns die vielen Rentner im Kurs lästig wurden, haben wir den Lernwillen kurzerhand in mein Institut verlegt, wo allerdings die Lernstunden immer kürzer, die Schnurren und Anekdoten, die Boehlich und Lydia zu erzählen hatten, immer länger wurden, so dass wir das Jiddische schließlich bleiben ließen und statt dessen Pessach feierten.

Patricia und ich hatten aber auch eine Arbeitsbeziehung. Sie war nicht nur für das literarische Programm der Fischer-Taschenbücher zuständig, sondern auch für meine große Virginia Woolf Ausgabe, die 1989 begonnen hatte. Es fügte sich, dass meine erste Woolf-Lektorin, Elisabeth Ruge, S. Fischer mit ihrem Mann verlassen hatte, um den Berlin Verlag zu gründen, so dass Patricia ihre Nachfolgerin wurde. Damals gab es noch keine Dateien; es gab, oft schlecht getippte, Typoskripte, auf die ich in meiner nicht leicht zu entziffernden Handschrift mit dickem Bleistift die Korrekturen eintrug. (Einmal schenkte sie mir ein halbes Dutzend gespitzter Bleistifte in der Hoffnung, dass meine Schrift dadurch lesbarer würde.) Es war eine wunderbare Zusammenarbeit – der lebhafte Streit um Wörter, um Satzrhythmen, das Aufspüren von Zitaten in der Vor-Google-Zeit -, denn ihrer Aufmerksamkeit entging nichts.

Leider verließ sie mit ihrem Mann und den drei quicklebendigen Buben Frankfurt wieder, ging nach München zurück und ist seit zehn Jahren Cheflektorin des literarischen Programms im dtv. Sie hat wichtige Anthologien herausgegeben, z.B. ‚Israel. Ein Lesebuch‘ mit einem grundlegenden Abriss zur Geschichte der neuhebräischen Literatur. Der Band bot das ganze Spektrum, die Vielfalt und den Reichtum dieser neu in die Landkarte der Literatur eingezeichneten Nation. Manche heute berühmte Autoren wurden hier erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Zauberhaft ist Patricia Reimanns Anthologie für die jüdischen Feiertage: ‚Nicht ganz koscher‘. Jenseits aller Schtetl-Nostalgie versammelte der Band Geschichten über die hohen Feste in einer säkularen Welt, voller Absurdität, List im Umschiffen der allzu strengen Regeln, Augenzwinkern, Witz und Aberwitz.

In der amerikanischen Literatur, die doch weidlich abgegrast zu sein schien, hat Patricia Reimann für dtv Autoren entdeckt, die fast vergessen waren, weil sie sich nicht in den Mainstream fügten. Zu nennen ist etwa Wallace Stegner mit seinem großen stillen Roman lebenslanger Liebe und Freundschaft (was für ein Sujet heute!): ‚Zeit der Geborgenheit‘. Zu nennen ist vor allem John Williams und sein Roman ‚Stoner‘, der 1965 erschien, ein Geheimtip blieb und erst vor wenigen Jahren als einer der großen Romane des vorigen Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Er handelt von einem Mann ärmlichster bäuerlicher Herkunft, der bei der Lektüre eines Shakespeare-Sonetts sein Damaskus-Erlebnis erfährt, Literaturdozent wird, aber ein Leben voller Zurücksetzungen, Katastrophen, Verletzungen, Niedertracht, Fühllosigkeit der ihm Nächsten klaglos und ohne eine Spur von Selbstmitleid durchsteht, getragen einzig von der Liebe zur Literatur. Das Buch wurde zu einem der größten Erfolge des Verlags. Ein weiterer Roman von John Williams, ‚Butcher’s Crossing‘, ist gerade erschienen. Er ist ein Gegenstück zu ‚Stoner‘: ein junger Mann aus gutem Bostoner Haus verläßt unter dem Einfluß der Philosophie Emersons die gesicherte Welt, um in der alles andere als romantischen Wildnis des Mittleren Westens nach einem neuen Leben ‚in der Natur’ zu suchen.

Liebe Patricia, finde uns noch manche solche Bücher und sei bedankt für die vielen, die du uns gegeben hast. Massl und Broche!

Wer auch gratulieren möchte: reimann.patricia@dtv.de

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