Gerald J. Trageiser (70)

Gerald J. Trageiser wird heute 70 Jahre alt. Es gratuliert ihm BuchMarkt-Chefreporter Gerhard Beckmann:

Es freut mich sehr, Gerald Trageiser zum Siebzigsten gratulieren zu dürfen. Denn vor genau acht Jahren, mit 62, hatte er bekannt gegeben, „auch ein wenig wegen meiner Gesundheit“ in Ruhestand zu gehen; und heute ist er, alles in allem, Gott sei Dank wohlauf. Das ist das eine. Zum andern: Manche mögen lächeln, wenn von Jubiläen Notiz genommen wird. Ein runder Geburtstag, mit dem keinerlei Business-Interessen verbunden ist, ist aber gerade in unserer Zeit einer rasenden „Gegenwartsschrumpfung“ (Hermann Lübbe) als Gelegenheit zur Vergegenwärtigung von Vergessenem bedeutsam. Das gilt insbesondere bei Menschen wie Gerald Trageiser, die eher im Stillen gewirkt haben. Unter den prominenten Verlegern der letzten Jahrzehnte kenne ich eigentlich niemand, der so wenig Aufhebens von der eigenen Person gemacht hat wie er.

Er hatte das Glück, das Verlagshandwerk bei einem Großmeister der Lektoratskunst, bei Hans-Josef Mundt im Verlag Kurt Desch zu lernen und hat dann siebzehn Jahre lang, bis 1988, die literarische Leitung der Deutschen Buchgemeinschaft innegehabt, wo er in vielem ein Innovationsmotor für die belletristischen Programme aller Clubs von Bertelsmann wurde (mit dem die DBG auf Grund einer 50prozentigen Teilhaberschaft assoziiert war). Dort hat er eine fast einzigartige Antenne für breite wie spezielle Publikumsinteressen entwickelt, einen hervorragenden Geschäftssinn, der freilich auch auf einer immensen und detaillierten persönlichen Bücherkenntnis basierte. Eine solch nie ermüdende Kraft der Neugier im Lesen ist mir selten begegnet. Und: Er war stets offen für neue Autoren und Themen, blieb jedoch immer auch geerdet, so dass er sich nie in Trends und Moden verlor. Das begeisterte Lesen hält an (ich weiß, zwei, drei Stunden sind die tägliche Ration – wenn die Augen weiter mitmachen, heute steht eine OP an), die kritische Umsicht ebenfalls: Ich höre, bei einer erneuten Lektüre der Werke Thomas Manns sei am Ende neben der Qualität einiger Erzählungen nur die Bewunderung für „Die Buddenbrooks“ geblieben. Heimito von Doderer und sein Roman „Die Strudelhofstiege“ gelten ihm inzwischen fast als Plus-Ultra der deutschen Literatur.

Die Branche hat Trageiser vor allem eins zu danken: Er hat die neben Suhrkamp und neben Hanser wichtigste literarische Neugründung der Nachkriegszeit wenn nicht überhaupt, so aus der Bedeutungslosigkeit gerettet: den Luchterhand-Verlag, den er von 1995 (anfangs zusammen mit Christoph Buchwald) bis 2004 leitete. Dass Luchterhand (längst mit Georg Reuchlein und Regina Kämmerer an der Spitze) heute ein Kernelement der Literaturszene unseres Landes ist, wäre ohne seine entschiedene Arbeit des Wiederaufbaus nicht möglich gewesen, die ja 2001 auch das Motiv für die Übernahme durch Random House bildete. Sie konnte auch deshalb so gut gelingen, weil Gerald Trageiser eben keinerlei Hang zur Selbstdarstellung hatte. Sein Motto: „Der Autor gehört auf die Bühne, nicht der Verleger.“ Auf solche Bühnen, das sollte man sich in dieser Zeit technologischer Umbrüche merken, werden Autoren auch in Zukunft angewiesen sein.

Kontakt: St. Wolfgang Platz 9 c, 81669 München, 089 4703419

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