Rudolf Lorenzen (90)

Am 5. Februar wird der Schriftsteller Rudolf Lorenzen 90 Jahre alt. Sein Verleger Jörg Sundermeier, (Verbrecher Verlag), der seit Jahren eine Werkausgabe des Autors vortreibt, gratuliert.

Lieber Rudolf,

Rudolf Lorenzen
Foro: Alexander Janetzko

am Sonntag wirst du 90. Jahre alt – das ist wunderbar! Dabei hat es lange nicht danach ausgesehen. Bereits mehrfach hatte der Tod seine Hand nach Dir ausgestreckt. Erst im unfreiwillig absolvierten Kriegsdienst in der Wehrmacht, dann, als Du 1944 an der Ostfront desertiertest, dann im sowjetischen Untertagebau… Auch war es sicher nicht leicht, mit Robert Wolfgang Schnell, Günter Bruno Fuchs, Kurt Mühlenhaupt und anderen Trinkerlegenden der Westberliner Boheme bis tief in der Nacht am Biertisch ausharren zu müssen…

Aber Du wolltest dem Tod nicht folgen. Du folgst überhaupt nicht gern.

Und hast daher alles überlebt. Hast Romane geschrieben. Erzählungen. Essays. Hörspiele. Filmscripts. Reportagen. Chansons. Du hast Filme gedreht. Hast Broschüren gestaltet. Und hast als Einzelgänger weitergemacht, hast den Kotau vor dem Literaturbetrieb verweigert. Und hast, schon 1971, offen ausgesprochen, wie die Schreibenden über uns Verleger denken*: „Es scheint, als ziehe sich der Autoren Klage über ihre Verleger durch die ganze Literaturgeschichte. Der glückliche Cicero bleibt seltene Ausnahme, fand in seinem Verleger Atticus den klugen Freund, den freigebigen Mäzen. Die anderen Verleger jedoch sind anscheinend das Unkraut im Garten der Literatur, eigens von der Gesellschaft gezüchtet, dem Autor die Lebensbedingungen zu erschweren. (…) Nun sind keine tausend Exemplare verkauft. Nein, die Schuld trifft nie den Verleger, er selbst, der Schreibende, hat Schuld, vergaß die Marktforschung, recherchierte nicht bei der Konkurrenz. Nun sind neben ihm auf dem Markt der Segal und der Grass, die Knef und der Remarque. Die Regale des räumlich beschränkten Buchhandels sind voll mit den vermeintlichen Bestsellern, der Nur-Seller wird zum Ladenhüter, für ihn findet sich kein Platz. Den Verleger spricht man besser nicht an, hört dann doch nur die alte Geschichte vom selben Boot, in dem beide sitzen, hört am Ende: ‚Was regen Sie sich auf? Schließlich habe ich mehr verloren als Sie!’ Ist der Verleger alt und weise, findet er für den jungen Autor einen Trost, sagt: ‚Warten wir auf die Frühjahrs-Saison.’ Doch das ist nur eine Floskel, kein Buch einer Saison rettet sich in die nächste, und der Satz bedeutet eigentlich: Warten wir sechs Monate, dann haben Sie Ihren Schmerz und ich Ihre Person vergessen.“

Du hast selbstverständlich recht gehabt. So sind wir. Viele Verlegerinnen und Verleger haben Dir die offenen Worte übel genommen, haben es Dir nicht verziehen, dass Du nicht schreiben wolltest, wie ihre Vertriebsabteilungen es gern gehabt hätten.

Du hast es ihnen nicht nachgetragen. Du bist Dir sicher, was Deine Bücher und deine Texte wert sind. Und hast auch abseits vom Literaturbetrieb gut von Deiner Schriebkunst leben können.

Seit fünf Jahren nun darf ich Dein Verleger sein, mir ist es eine Ehre, ich bleibe Dir treu. Weil Du Dir stets treu geblieben bist!

Ich gratuliere herzlich, lieber Rudolf!

Dein
Jörg

* Die „Verlegerschelte“ komplett nachzulesen ist in Rudolf Lorenzens aktuell im Verbrecher Verlag erschienenen Buch „Hustenmarie“.

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.