Tilman Solleder (60)

Tilman Solleder

Tilman Solleder wird heute 60 Jahre alt. Und nicht nur das: Seit 30 Jahren ist er für Diogenes unterwegs. Dies und seinen runden Geburtstag nahm der Züricher Verlag zum Anlass, Buchhänder/Innen aus Norddeutschland im Juni nach Hamburg einzuladen. Reinhart von Törne, Diogenes-Vertreter im Ruhestand, gratulierte seinem (Ex-)Kollegen mit folgender Rede:

Sehr geehrte Festversammlung,
liebe Diogenesen, lieber Jubilar!

„Uns ist in alten Maeren, wundersviel geseit
von Heleden Lobebaeren, von großer Arebeit,
von Freuten, hochgezieten, von weinen und von klagen
von kühner Recken striten, muget ihr nu wunder hören sagen“.

(„Uns sind in alten Mären – Wunder viel gesagt
von Helden, reich an Ehren, von Kühnheit unverzagt,
von Freude und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
von kühner Recken Streiten – mögt ihr nun Wunder hören sagen.“
Reclam 642 – Genzmer Übersetzung)

Von diesem wundersamen Zitat der ersten Strophe des Nibelungen Liedes möchte ich einige wenige Stichworte herausgreifen. Sie sind m.E. prädestiniert für die 30 Jahre der „Diogenes Verlagsvertretung Tilman Solleder“ in Norddeutschland.

Zuerst: „von Freuten, hochgezieten“! (von Freude und Festlichkeiten)

Wer die Einladung des Diogenes Verlags zu einer Festivität für einen Verlagsvertreter erhält, weiß, daß man ein Programm der ganz besonderen Art nach Schweizer Tradition zu erwarten hat. Als wir die Einladung vor Monaten vom Jubilar fernmündlich angekündigt bekamen, rief ich Ruedi Bettschart im Verlag an, um ihn zu fragen: „Was weißt Du mehr als ich über Tilman Solleder, was ich noch nicht weiß?“ Und weiter: „Meinst Du noch immer, er sei das beste Pferd im Stall?“ Er bejahte es und sagte: „Der ist und bleibt unser bester Vertreter!“

Dem Ausspruch des berühmten Verlegers Anton Kippenberg: „Den Besten unserer Zeit – genugtun!“ will ich folgen, um Dir, lieber Tilman, dem Besten, gerecht zu werden.

Der 4. Dezember 1979 war ein Glückstag für Dich und den Diogenes Verlag! An diesem Tage kamst Du zum ersten Mal zu einer Vertretersitzung in Zürich angereist. Kaum dort angekommen, folgtest Du einer Einladung ins „Eckstein“, einer Kneipe in der Altstadt. Wann man jenen Ort verließ, um in der „Tiefen Aue“ mit weiteren Bieren aus Budweis den Abend zu beenden, darüber schweigt der Chronist, sorgsam.

Der Lustbarkeit war für Deinen Anfang zum Kennenlernen Genüge getan, so sollte es am Folgemorgen gar trefflich im Aller-heiligsten von Christian Strich mit seinen Adlaten Fritz Eicken, Tobias Inderbitzin und Gerda Lheureux, sowie den Herren Bettschart und Radel weitergehen.

Als jene Herren und Damen das Office betraten, hattest Du als geübter Frühaufsteher längst an der überschaubaren Tafel Platz genommen. Bevor man mit den Regularien begann, die allesamt wohlwollend abgenickt wurden, hatte man Dich, lieber Tilman, als den Neuen Willkommen! geheißen.

Sehr geschickt vorbereitet, begann dann die Programmkonferenz: „Vom Schweinemut der Zeit“ (Na, von wem?), „Der Zementgarten“ ein Bestseller aus England von Ian McEwan, ein neuer „Ripley -Der Junge …“ von Frau Hochschmidt, Sempé’s „Musiker“, als erstes deutsches Kunstbuch bei Diogenes „Bilder“ von David Hockney, sowie eine Taschenbuchausgabe von Roland Topors „Memoiren eines alten Arschlochs“. So ausstaffiert, begannst Du als Exclusiv-Vertreter Deine erste Reise für Diogenes im Januar 1980. Kein Glatteis oder Blizzard konnte Dich kümmern, Du wolltest los! Natürlich warst Du kein Neuling und schon gar kein Anfänger; Du hattest berufliche Erfahrung im Buchhandel und als Verlagsvertreter gesammelt. Im D-Zug-Tempo – heute sagt man im ICE-Tempo, mit dem feinen Unterschied, daß ein D-Zug pünktlich war! – hattest Du eine Buchhandelslehre in Ravensburg, sowie verschiedene Anstellungen als Buchhändler-Gehülfe im Fink Verlag Stuttgart, in der Buchhandlung Justus Koch, ebenda, bei Bücher-Schulz in Neuss, und dann als Reisender für den Luchterhand Verlag, Neuwied, und den Verlag Moderne Industrie in Landsberg/Lech absolviert. Du warst ein bestens vorbereiteter Vielleser, ein Profi am Steuer eines Kraftwagens, kein Drücker, sondern ein besonnener Mensch, der mit Umsicht sein Ziel, der Beste zu werden, der Beste zu sein, damals wie heute anstrebt.
Kurz: Du bist von Beruf „Diogenese“!

Zum zweiten: „Von Heleden Lobebaeren“! (Von Helden reich an Ehren)

Bei diesen Worten komme ich auf ein Bild zu sprechen, das im Großraum Zürich in einigen Kopien verteilt aufzufinden ist. Die wohl bekannteste Kopie hängt im Diogenes Verlag im 3. Stockwerk, und kann, so ein Bedürfnis danach besteht, bei einer Verlags-besichtigung in Augenschein genommen werden. Man findet sie in einem Raum, wo sich die exclusiven Diogenes Vertreter zwei Mal jährlich wie Raubtiere benehmen und über die Köstlichkeiten der aufgetafelten Futtertröge wie Verhungernde herfallen. Das Bild zeigt eine Kohorte von Heldinnen und Helden in auffälliger Kleidung und Ausrüstung, nachdem sie ausgiebigst gefüttert worden waren. Hinter den knieenden Helden aus Wien, Frankfurt, Düsseldorf und Leipzig entdeckt man links im Bild, hinter zwei Amazonen aus Löbau und Siegen, unseren Jubilar aus Bönnigheim am Neckarfluß. Er überragt alle mit seiner Größe von einem Meter zweiundneunzig.
Er trägt einen Schnauzbart wie drei weitere Mannen, als einziger aber keinen Helm, sondern eine dreischenkelige Schellenkappe.

Das macht den Betrachter des Bildes stutzig. Was hat sich der Künstler dabei gedacht?
Es stammt von einem gewissen Heinz Ita aus Rapperswil. Warum der Maler unseren Tilman mit einer Schellenkappe dargestellt hat, ist uns nicht überliefert worden. Nur soviel, er habe aus Scham über seinen Mißgriff, unseren Jubilar ohne Behelmung gemalt zu haben, eine Bußfahrt zum Grabmal des Dichters Ulrich von Hutten angetreten. Seit dieser Boots-Reise – von Rapperswil nach der Ufnau im Zürichsee – ist er verschwunden.

Als das Bild letzthin dem berühmten Alchimisten Cölow vorgeführt wurde, bekreuzigte er sich davor an die drei Mal, und war derart entzückt, daß er es fürderhin als das Bild seiner „Krieger des Lichts“ titulierte. Insonderheit gefiel ihm der „Krieger“ mit der Schellenkappe, so heißt die Bezeichnung derselben in der Heraldik. Träger solcher Kappenhauben werden von jenem brasilianischen Guru in dessen märchenhaften Absonderungen als die besten Helden geschildert, weil unter der Kappe des Narren Geist und Witz des Weisen ihren Sitz haben.

Zum dritten „von kühner Recken striten“! (Von kühnerRecken Streiten)

Der Nachbar zur Rechten unseres Jubilars auf besagtem Bilde ist kümmerlich behelmt. Er ist alt, hat lang gedient und lang gekämpft. Fast vierzig Jahre war er der selbsternannte Bärenführer der dargestellten Kohorte. Sein Name: Andreas Paul Kissling. Viele ältere Gäste unter Ihnen, meine Damen und Herren, werden sich seiner sehr gern und gut erinnern. Er verlor im Alter von 15 Jahren beim Hantieren mit einer Handgranate in einem Trümmergrundstück am Leipziger Völkerschlachtdenkmal seine linke Hand. Immerhin wurde er Weltmeister im einhändigen Schnürsenkelbinden und anderen Kunststücken, die ich nicht weiter ausschmücken möchte. Als sehr beliebter und geachteter Außendienstmitarbeiter, der stets im Mittelpunkt aller Agenten stand, reiste er Jahr für Jahr vor allen Vertreter-Konferenzen einen Tag früher an, und verabredete den Verlauf und die Themen derselben im Alleingang mit den Leuten im Verlag. Am Abend kehrte er in die „Tiefe Aue“ oder ins „Eckstein“ zurück und verkündete: „Ich habe bereits alles für euch besprochen.“ –
Jetzt quittierte dieser verdienstvolle Fahrensmann seinen Minnedienst für Diogenes. Das nun mehrmals erwähnte Bild mit den kühnen Recken stammt von seiner Abschiedsfete im Zunfthaus „Zum Rüden“ in Zürich. Zum ersten und einzigen Mal läßt er den jüngeren Kolleg/Innen den Vortritt und bleibt mit unserem Jubilar im Hintergrund. Längst hatte er über die Nachfolgeschaft für die Bärenführung nachgedacht.

Und so kam es: Tilman, „Der im Volk Herrschende“ (lt. Hans Balow: Deutsches Namenlexikon) sollte es werden, das hatten die Beiden bereits im Gasthaus „Zum Bären“ von Bönnigheim, einen guten Neckarwein schlotzend, verabredet. Der Tag X war gekommen, somit auch der Beginn einer neuen Regentschaft für die Ritter vom Stamme der Diogenesen.

Keiner hat es Dir, lieber Tilman, je streitig gemacht!

Es gab zwar Bedenkenträger, sie gehörten allerdings der unmaßgeblich gewordenen Spaghetti-Fraktion an. Außerdem, Du bist der Nachfolger von Andreas Kissling, in Hamburg! Warst mindestens 20 Mal der Chauffeur für ihn auf der langen Wegstrecke von Haltern i/Westf. bis nach Zürich zu den Konfenzen und wieder zurück. Und: Niemand reist in den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck so lange – wie Du für Diogenes.

Freilich, es gab ein Intermezzo mit einem „Rosenkavalier von Pinneberg“, das war aber nur ein Zwischenspiel und liegt bereits über dreißig Jahre zurück. Niemand stellt sich Fremden so vor wie Du: „Gestatten, Diogenese“.

Keiner bereitet sich auf jede neue Arbeit für Diogenes so intensiv vor wie Du. Niemand, ja, niemand ahnt mehr von Deinen Sehnsüchten als Deine liebste Frau – Beate, die Glückliche und Geduldige, – und vielleicht auch Rudolf Christoph Bettschart in Zürich. Keiner war so regelmäßig wie Du sein Haushüter auf dem Siepi und später auf dem Caggiolo. Immerhin wurdest Du dort der Begründer
der Toskana-Fraktion. Niemand kocht und isst – wie man sieht – so gern und gut wie Du.
Du spielst mit großer Leidenschaft Golf. Du verstehst – wie der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust – was von Musik. Keinem anderen KFZ-Typ vertraust Du mehr als einem BMW.
Keiner bekam das gesamte Programm, das seit 1952 bis 1979 erschienen war, so komplett in einem Container per LKW nach Hause geliefert – wie Du.

Keiner macht so wenig Aufhebens von seiner Herkunft wie Du. Dabei trägst Du einen uralten, sehr schönen Familiennamen, der im süddeutschen Augsburg große Bedeutung erlangte.
Niemand dachte im Stadtrat Deiner Geburtsstadt Bönnigheim daran, eine Straße oder Gasse auf Deinen Namen umzutaufen. Keiner war in Deiner Lehrfirma, der Dornschen Buchhandlung in Ravensburg, geschickter im Zigaretten-Drehen als Du mit Deinen schlanken Fingern. Keiner verließ die genannte Unternehmung mit besseren Noten als Du. Keinen anderen Ausspruch aus Deiner Anfangszeit werde ich je vergessen können als den: „Das muß uff der Tisch“. Er paßte
bisweilen wie kein anderer zur damaligen Streitkultur. Freilich, das waren andere Zeiten mit Herrn Radel oder Frau Naumann. Beide haben wir sie gnadenlos überlebt. Damals warst Du noch kein Träger der „Goldener Eule“ von Tomi Ungerer. Heute bist Du der einzige mit ihr Ausgezeichnete von den aktiven Vertretern.

Keine Autorin liebtest Du mehr als die schöne Liaty Pisani. Wie es bei den anderen Autorinnen und Autoren ausschaut, weiß ich nicht genau. Ich denke jedoch, daß Ingrid Noll und Donna Leon, John Irving, Joey Gobel, Antony McCarten und Martin Walker wissen, was sie an Dir haben: Den besten Weg-, Zug- und Automobil-Begleiter! Natürlich auch den am besten Englisch sprechenden Vertreter für Lesereisen, Signierstunden mit dem besten Verkaufsabsatz ihrer Titel bei Deinen Buchhändlerkunden in Norddeutschland. Das soll Dir erst Mal einer nachmachen!

Ebenso eine Cölow-Begleitung! Das bedeutet totalen Körper-Einsatz bei seinen Signierstunden und Lesungen. Du bist und bleibst für den Guru der beste Bodyguard. Und zwar ohne Knopf im Ohr! Du hast dafür Deine unverwechsel-bare Schellenkappe in der Hinterhand. Mit der kannst Du unter Umständen schneller Verstärkung anklingeln als mit irgend-welcher Elektronic im Ohr. Und damit schließt sich der Bogen zum Helden Tilman mit der Schellenkappe.

Um erst gar keine Eintönigkeit über die „Meinungen und Deinungen“ aufkommen zu lassen, sage ich hier und heute: Plötzliche Jubiläen, können zum Zusammenkommen vieler Büchermacher zwingen! Wir blicken zurück auf „30 Jahre Tilman Solleder Diogenes Verlagsvertretung“ und seine Geschichte.

Das Buch, so meine ich … oder wie Friedrich Dürrenmatt einmal formulierte: „30 Jahre sind eine lange Zeit …“ und Michel de Montaigne vor 450 Jahre oder früher sagte: „Ja, ja, das Buch …“ Kürzer, präziser ist das nie gesagt worden!

Und damit die Bewunderung einer Gesamtleistung als Summe von Können und Fleiß oder Treue aus Willen zur Leistung … wünsche ich Dir, lieber Tilman, alles Gute dieser Welt, und Dir, liebe Beate, ebenso!

Ich sage meinen Dank an Sie, verehrte Gäste, und an Euch im Verlag.
Danke fürs Zuhören!
Tschüss, miteinander! Ahoi!

Kontakt: ts@diogenes.ch

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage

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