Alexander Elspas über den "Neustart" der Büchergilde Gutenberg „So eine Buchgemeinschaft trägt einen auch durch schwierige Zeiten, wie wir sie gerade erleben“ 

Am Wochenende ist die Büchergilde Gutenberg umgezogen, in das Haus des Buches in Frankfurt. Ist der Umzug nah ans Herz unseres Branchenverbandes so etwas wie ein Signal für einen Neustart? Das war Anlass für Fragen an deren Vorstand, wir haben ihn vorgestern mitten Umzug besucht:

Alexander Elspas in seinen neuen Räumen: „Für Buchhandlungen, die unser Programm anbieten, stellt unser Angebot ein Alleinstellungsmerkmal dar, da wir für den jeweiligen Ort die Exklusivität garantieren“

 

Was ist los? Auf einmal geht die Büchergilde in die Öffentlichkeit, ihr veranstaltet Salons (Du bist dazu morgen wieder in Augsburg), ihr kooperiert, stellt neue MitarbeiterInnen ein, zieht um in die Mitte des Branchennetzwerkes – was ist passiert?

Alexander Elspas: Wir sind in letzter Zeit wirklich so etwas wie unter dem Radar geflogen. Man muss unterscheiden in das, was wir tun, und das, was wir nach außen kommunizieren. Im zweiten Punkt haben wir, salopp gesagt, ein bisschen gepennt in der Vergangenheit.

Das kannst Du ruhig deutlich sagen, ich wüsste zum Beispiel nicht in einem Satz zu sagen, was die Büchergilde für Buchhandlungen eigentlich attraktiv macht.

Dann nochmal, selbst für Dich als Genosse: Für Buchhandlungen, die unser Programm anbieten, stellt unser Angebot ein Alleinstellungsmerkmal dar, da wir für den jeweiligen Ort die Exklusivität garantieren.

Und was haben diese Buchhandlungen davon?

Die Mitglieder unserer Buchgemeinschaft haben sich verpflichtet, pro Quartal ein Buch zu kaufen. Und das machen die meisten von ihnen viel lieber in einer Buchhandlung, als direkt bei uns zu bestellen. Das bedeutet, dass viele Kolleginnen und Kollegen durch die Aufnahme der Büchergilde in ihr Sortiment oft auch viele neue Kunden gewinnen. Und ganz nebenbei bekommen unsere Partnerbuchhandlungen viermal jährlich kostenlos das Büchergilde-Magazin als eine schön gestaltete Literaturzeitschrift.

Nun hatten während des letzten Jahres auch die meisten eurer Partnerbuchhandlungen geschlossen. Man mag eigentlich kaum noch darüber sprechen, aber: Wie seid ihr bisher durch die Krise gekommen?

Natürlich haben auch wir die Auswirkungen der Pandemie deutlich zu spüren bekommen, doch andere Branchen hat es da wesentlich härter getroffen. Hier möchte mit ein klein wenig  Stolz unsere Gemeinschaft ins Spiel bringen –  nicht wenige sind seit Jahrzehnten Mitglied der Büchergilde. Und als inzwischen einzige literarische Buchgemeinschaft haben wir heute knapp 60.000 Mitglieder, die nicht nur unsere schönen Bücher schätzen, sondern auch, was wir darüber hinaus machen: Dass wir Begegnungsräume schaffen, uns für die Leseförderung engagieren, alle zwei Jahre einen Gestalterpreis für junge Illustratorinnen und Illustratoren ausrufen und und und. So eine Buchgemeinschaft trägt einen auch durch schwierige Zeiten, wie wir sie gerade erleben, und motiviert zum Weitermachen.  

Du bist 2017 als Geschäftsführer bei der Büchergilde eingestiegen, was hat dich damals motiviert, Neuland zu betreten?

Als sich mein Vorgänger Mario Früh nach gefühlt hundert Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat und die Idee der Nachfolge an mich herangetragen wurde, hatte ich mich ehrlich gesagt lange nicht mehr aktiv mit der Büchergilde beschäftigt. Das habe ich nachgeholt und mir war relativ schnell klar, dass es sich hier um einen Rohdiamanten handelt, der einen neuen Schliff braucht, um seine alte Strahlkraft wieder zu  erlangen.

Ein solcher Prozess ist ja nie ganz abgeschlossen …

… aber genau darin liegt ja auch der Reiz. Für viele Menschen mag die Idee der Mitgliedschaft, sei es im Verein oder einer Partei, aus der Zeit gefallen wirken – ich halte dagegen und sage, dass wir starke Gemeinschaften dringender brauchen als je zuvor, um als Gesellschaft zu wachsen. Eine Community bibliophiler Menschen ist immerhin ein Anfang!

Aus heutiger Perspektive: Würdest du heute genauso entscheiden?

Das fragst du mich nach einem Jahr Pandemie und drei Monaten Umzugschaos! Spaß beiseite: Jederzeit. Diese alte Fregatte zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen hochseetüchtig zu machen, macht großen Spaß.

Den Deine Genossen sichtlich mit Dir teilen, Anfang März wurdest du als wieder als Vorstandsvorsitzender der Büchergilde Gutenberg Genossenschaft bestätigt. Das ist ein seltenes, wenn nicht sogar einzigartiges Geschäftsmodell in unserer Branche.

Auch wenn ich unsere Genossenschaft 2014 nicht aktiv mit aus der Taufe gehoben habe, spreche ich wohl für alle Beteiligten, wenn ich zugebe: Das war keine leichte Geburt.

Wieso?

„Die Zusammenarbeit mit Buchkünstlerinnen und Buchkünstlern ist ein Markenzeichen der Büchergilde – und wird es auch in Zukunft bleiben“

Kurz vor der Jahrtausendwende kam es zur Unternehmensübernahme durch das damalige Management der Büchergilde. Diese Gesellschafter haben in den Folgejahren gemeinsam überlegt, wie man die Buchgemeinschaft langfristig auf stabile Beine stellen und gleichzeitig dem Gründergeist der Buchdrucker-Gewerkschaft Rechnung tragen kann: So war die Idee der Verlagsgenossenschaft geboren. Ich hoffe, dieses Jahr unser 1500. Genossenschaftsmitglied zu begrüßen.

Mein Eindruck ist, dass die Büchergilde überwiegend mit dem Lizenzgeschäft in Verbindung gebracht wird – und jetzt merke ich, ihr bringt beachtenswerte Originalausgaben und Eigenproduktionen, zuletzt das von dir herausgegebene Große Büchergilde Gedichtbuch.  

Das ist wohl auch so eine Frage der Kommunikation, an der wir mit Hochdruck arbeiten. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise die Reihe Edition Zeitkritik komplett überarbeitet, hier erscheinen nun philosophisch angehauchte Essays überwiegend junger und noch unbekannter Autorinnen und Autoren. Bis sich eine solche Reihe etabliert, braucht es seine Zeit. Beim Publikum schon wesentlich bekannter sind natürlich unsere illustrierten Bücher: Die Zusammenarbeit mit Buchkünstlerinnen und Buchkünstlern ist ein Markenzeichen der Büchergilde – und wird es auch in Zukunft bleiben. 

2024 feiert ihr euer hundertjähriges Bestehen. Nun bist du noch kein Jahrzehnt dabei, aber wo denkst du, ist die Büchergilde sich sonst noch treu geblieben?

Unsere Leitlinie ist im Grunde die gleiche geblieben – wenn ich an dieser Stelle Ernst Prenczang, seinerzeit der erste Programmchef der Büchergilde, zitieren darf: „Was wir wollen, ihr wisst es: Bücher geben, die Freude machen. Bücher voll guten Geistes und schöner Gestalt.“

Und was muss sich verändern?

Ich gebe zu, dieser Spagat zwischen Tradition und Moderne ist nicht immer einfach. Aber wenn ich mir anschaue, was wir – gerade im letzten Jahr – im digitalen Bereich auf die Beine gestellt haben, bin ich guter Dinge. Zum Welttag des Buches am 23. April veranstalten und streamen wir eine Lesung mit Saša Stanišić mit mehr als 300 Zuschauerinnen und Zuschauern. Dass wir als Büchergilde sowas hinbekommen, hätte ich vor einem Jahr selbst nicht wirklich geglaubt.

Wir führen dieses Gespräch quasi im Herzen der Buchbranche, im Haus des Buches in Frankfurt, in das ihr ganz frisch umgezogen seid.  Wie seid ihr … 

… als einziger Buchverlag wohlgemerkt. …

… hier gelandet?

Nennen wir es eine Verkettung glücklicher Zufälle. Dieser Umzug kommt für uns genau zur richtigen Zeit, denn wir sitzen hier quasi Tür an Tür mit engagierten und hochprofessionellen Buchmenschen. Ich hoffe, nach Dir heute möglichst bald auch das eine oder andere Mitglied unserer Genossenschaft und der Buchgemeinschaft hier zu begrüßen. 

Dann lass uns diesen historischen Moment auch im Foto dokumentieren, ohne Maske:

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz (rechts im Bild).

 

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