Das Sonntagsgespräch Steffen Meier über Verlage als Gatekeeper in der digitalen Welt

Steffen Meier ist Leiter des Online-Bereichs im Verlag Eugen Ulmer. Er ist ein erstklassiger Kenner der Digitalisierung der Medienbranche und den sich veränderten Kommunikationskanälen zwischen den Marktteilnehmern.

Der passionierter Mobilist und SocialMedian (die Liste seiner Follower bei Twitter ist rekordverdächtig) hat übrigens heute Geburtstag, ein reiner Zufall aber, dass wir ihn gerade zum Gespräch bitten. Wir wollten ja nur von ihm wissen:

Steffen Meier:
Noch profitieren Verlage
von der Trägeit der Massen

Was bedeuten die Entwicklungen beim Buch hinsichtlich Digitalisierung, neuer Formate und neuer Vertriebswege für die Verlage? Was macht das „Prinzip Verlag“ zukünftig aus?

Steffen Meier: Verlage sind schlicht und neutral gesehen Gatekeeper: Will also ein Autor mit seinem Inhalt auf einen Markt, übernimmt der Verlag Produktion, Marketing und Distribution für ihn: Markteintritt gegen wechselseitige Leistung. So war es jedenfalls in der Vergangenheit. Wir müssen uns logisch die Frage stellen, wie sehen Organisations-, Produktions- und Vermarktungsformen zukünftig aus, wenn sich diese Abläufe verändern?

Welche Veränderungen kommen denn auf die Verlage zu?

Die Möglichkeit der Distribution beispielsweise, die bislang Alleinstellungsmerkmal der Verlage war, ist in Zeiten von Amazon, Google und E-Books mittlerweile für jeden selbständig erreichbar. Verlage sind zudem vom Hüter der Buchhändlerregale zum Bittsteller bei Buchdiscountern geworden. Ein Autor ist nicht mehr zwangsläufig auf einen Verlag angewiesen, um seine Bücher publizieren zu können. Er kann heute und zukünftig noch viel stärker ohne die Gatekeeper Verlag und Buchhandel direkt an den Endkunden herantreten und seinen Inhalt verkaufen.

Verlage funktionieren aber doch nicht nur als Verteiler… Immerhin verfügen sie über eine sowohl inhaltliche als auch herstellerische Kompetenz…

Abgesehen davon, dass diese Kompetenzen in schlichter Arroganz gern überschätzt werden und man als Leser oft genug das Gefühl bekommt, bestimmte Bücher hätten niemals ein Lektorat von innen gesehen, gibt es zahlreiche hochqualifizierte und günstige Dienstleister, die auch für den selbstpublizierenden Autor finanzierbar sind. Das gilt nicht nur für „Selfpublishing-Lichtgestalten“ wie Paulo Coelho und Co.

Funktioniert dieser Weg der Umgehung klassischer Instanzen nicht nur bei denjenigen Autoren, die sich auf herkömmlichem Wege bei Verlagen bereits einen Namen gemacht haben, siehe Rowling?

Eine Amanda Hocking zum Beispiel hat von ihren selbstveröffentlichten Vampirromanen Hunderttausende E-Books verkauft und geht nun den umgekehrten Weg, indem sie erst hinterher mit Verlagen Verträge über Druckausgaben geschlossen hat. Fairerweise muss man sagen, dass das nach wie vor die Ausnahme ist und Verlage momentan noch von der Trägheit der Massen profitieren, die mit dem Dreigestirn Druckerzeugnis, Verlag und Buchhandel groß geworden ist. Die „Generation Amazon/Google/Facebook“ dürfte das aber kaum noch interessieren…

Verleger-Urgestein Klaus G. Sauer sagte kürzlich in einem Interview, „…dass die Zukunft nicht in den Großauflagen, sondern in Klein-, Kleinst- und Einzelauflagen liegt. Das heißt, wir können die Deckungsauflagen erheblich nach unten bringen und haben damit neue Möglichkeiten.“ Entstehen durch die aktuellen Entwicklungen also auch profitablere Absatzmöglichkeiten?

Gerade das Argument der relevanten Auflagen bedeutet für viele Autoren ein klares Unterscheidungsmerkmal „Pro Verlag“. Klein- und Kleinstauflagen sind für Autoren wohl kaum interessant, die können sie auch bei Anbietern wie BoD, Lulu und Co. erreichen.

Und die durch die technischen Entwicklungen entstehenden Möglichkeiten, dank E-Books schneller auf aktuelle Ereignisse mit Buchveröffentlichungen reagieren zu können?

Ob bei solchen „Instant E-Books“ nicht auch die Qualität leidet, sei einmal dahingestellt. Die Buchverlage stoßen hier aber fast schon in die angestammten Domänen der Zeitschriften- und Zeitungsverlage vor. Wobei letztere ja selbst immer häufiger monothematische Sonderveröffentlichungen an den Leser bringen und sich somit beide Seiten auf einem neuen Gebiet gegenseitig Konkurrenz machen. Spätestens wenn dann die Buchverlage ihre Quickies per Anzeigen zu finanzieren suchen, ist jede Grenzziehung zwischen dem klassischen Buch- und Zeitschriftenverlag mehr als vage.

Auch beim Umgang mit den Inhalten selbst verändert sich einiges: Apps, die einem dem eigenen Zeitbudget entsprechende Lesehäppchen vorschlagen oder Bücher die man, ähnlich einem Fortsetzungsroman, in täglichen Abschnitten abonnieren kann. Entstehen dort neue Geschäftsfelder für Verlage?

Das sind vielleicht gute Ideen. Deutlich verbreiteter und relevanter ist das Thema des Social Reading, bei dem sich Leser auf Plattformen über Literatur austauschen und diese Bewerten. Teilweise werden diese Plattformen dann aufgrund von Bewertungen sogar selbst verlegerisch aktiv. Auch Verlage erkennen diesen Trend: Droemer-Knaur etwa mit seinem Label Neobooks, das nicht nur Auffangbecken für Manuskripte, sondern inzwischen auch eine Verkaufsplattform anbietet.

Was bedeutet das für die Verlage?

Digitalisierung, Selfpublishing und Social Reading sind zunächst einmal Schlagworte und kaum extrapolierbare Trends. Sie werden die Verlage mal mehr, mal weniger tangieren – die Landschaft vor uns wird aber unzweifelhaft fragmentierter. Fakt ist: Kommunikation, sozialer Austausch wird digital – und wenn die Verlage nicht aufpassen, läuft diese Kommunikation, auch über sie selbst und ihre Produkte, an ihnen vorbei.

Die Fragen stellte Jörn Meyer

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