Susanne Schüssler über gute Laune und die Bedeutung von Erich Fried für ihren Wagenbach Verlag „Was hatten wir für einen Dusel“

Nach dem Ausbruch der Corona Pandemie hatte Susanne Schüssler bei uns als erste deutlich gesagt: „Was haben wir ein Glück, dass es den unabhängigen Buchhandel gibt“. Hat die Wagenbach-Verlegerin ein Jahr später immer noch gute Laune? Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch:

Susanne Schüssler: „Der 100. Geburtstag von Erich Fried stößt im Handel wie in der Presse auf ein Interesse, das wir in kühnsten Träumen nicht erwartet haben. Und glücklicherweise gibt es ununterbrochen Menschen, die sich frisch verlieben. Entsprechend hoch sind die Auflagen der Liebesgedichte, insgesamt weit über eine Million verkaufte Exemplare“

Susanne, hat das Glück angehalten?

Susanne Schüssler: Ja, das hat es. Immer wieder denke ich: so ein Dusel.

Und Du hast nicht das Gefühl, wir sind gerade noch einmal davon gekommen?

Nein, wir haben wirklich viel Glück gehabt! Als es losging mit der Pandemie, hab ich mir natürlich verschiedene Szenarien ausgemalt und entsprechende Umsatzprognosen aufgestellt. Dann ist es Monat für Monat besser gewesen als befürchtet. Nicht besser als die schlechteste Variante, sondern besser als die zuversichtlichste. Also entweder ich bin furchtbar pessimistisch – oder ein Glückspilz. Ich würde sagen: letzteres.

Passt da jetzt das Sprichwort, jeder ist seines Glückes Schmied? Oder haben es kleinere Verlagseinheiten leichter als die großen Tanker?

Da kann was dran sein. Zu Anfang habe ich überlegt, wenn die Läden so und so lang zu sind, dann musst Du das und das tun, wenn aber nicht … und was werden dann die anderen Verlage machen und wann werden all die tollen verschobenen Bücher erscheinen und sich gegenseitig den Platz streitig machen usw. Und dann haben wir gesehen, wie großartig der Sortimentsbuchhandel, vor allem der unabhängige, agiert hat, und wir haben gesagt: Wir machen einfach weiter mit unserem Programm wie geplant. Vorhersehen kann man sowieso nichts und notfalls sind wir klein und wendig genug, um schnell und ad hoc zu reagieren.

Hast Du denn gar nichts verändert?

Zugegeben: Es sind keine literarischen Reise-Einladungen im SALTO erschienen und nachgedruckt worden – und deutsche Autoren, mit denen viele Lesungen und Veranstaltungen vorgesehen waren, haben wir ein wenig geschoben.

Da sind wir uns sicher einig, nicht alles lässt sich in online-Formaten auffangen.

Zumal wir ein eher „analoger“ und in gewisser Hinsicht furchtbar altmodischer Verlag sind: Wir machen noch immer Bücher aus Leidenschaft&Überzeugung und nicht aufgrund von merkantilen Überlegungen. Noch immer finden wir es selbstverständlich, sie sorgfältig zu lektorieren. Wir legen Wert auf eine solide Ausstattung und setzen aufs gedruckte Buch: die Reihe SALTO muss bis heute ohne E-Books auskommen. Wir drucken tatsächlich weiterhin eine Vorschau, haben wunderbare Vertreterinnen und Vertreter und lieben Buchhandlungen mit einer Ladentür.

Aber auch Du hast neue Online Formate ausprobiert …

… ja, wir hatten sogar große Freude an den online-Veranstaltungen unserer Reihe DIGITALE BILDKULTUREN – eine kleine, erstaunlich erfolgreiche Serie, die sich mit ästhetischen Phänomenen im Netz beschäftigt. Da passten Verbreitungsweg und Inhalt zusammen. Und ich konnte meine Autoren, die ich nicht treffen durfte, wenigstens auf dem Bildschirm kennenlernen.

Und welche Bücher haben dann den Umsatz gebracht?

Mal wieder Bücher aus Italien. Die junge Autorin Giulia Caminito haben wir mit „Ein Tag wird kommen“ vorgestellt, einem Roman, der eine Familiengeschichte erzählt vor dem Hintergrund des aufkommenden Faschismus. Geschichte von unten, gut erzählt, das interessiert uns. Obwohl erstmals auf Deutsch, ohne Frankfurter Messe und mit nur einer Veranstaltung konnten wir vier Auflagen drucken. Im Herbst 22 erscheint das nächste Buch von Caminito bei uns – bitte Daumen drücken, es ist unter den Finalisten des Premio Strega…

Du hast ein SALTO Bändchen gar nicht erwähnt, das ich gern verschenke …

… was ich aber gerade erwähnen wollte, Du meinst sicher das sehr gescheite und ebenso unterhaltsame Buch „Spaghetti al pomodoro“ von Massimo Montanari. Lange wollte ich etwas von dem wichtigsten Ernährungshistoriker Europas machen. Dieses Buch war perfekt: Wir lernen hier nicht nur etwas über die aberwitzige  Geschichte eines Gerichts, sondern auch über die sozialen und ethnischen Verflechtungen und Verwerfungen. Und warum Identitätspolitik immer irgendwo ein Pferdefüßchen hat.

Eure Italienkompetenz ist sicher hilfreich …

Ja, daran haben wir ja auch Jahrzehnte gearbeitet, das hilft jetzt, so wichtige Bücher durchzusetzen.

Und wie sieht es in diesem Jahr aus?

Schon wieder Glück. Der 100. Geburtstag von Erich Fried stößt im Handel wie in der Presse auf ein Interesse, das wir in kühnsten Träumen nicht erwartet haben. Es stimmt schon: Jede zweite Abdruckanfrage bezieht sich auf ein Gedicht von Fried, und bei der Mehrzahl geht es um Liebesgedichte, lächerlich oft um „Was es ist“.

Erich Fried selbst hat einmal bedauert, dieses Gedicht geschrieben zu haben.

Glücklicherweise gibt es aber ununterbrochen Menschen, die sich frisch verlieben. Entsprechend hoch sind die Auflagen der Liebesgedichte, insgesamt weit über eine Million verkaufte Exemplare. Es ist also korrekt, dass Fried nach Brecht der meistverkaufte deutsche Dichter seit 1945 ist.

Zu seinem 100 Geburtstag zeigt Ihr mit großem Aufwand aber auch, dass Fried für mehr steht als für Gedichte über Liebesfreud und -leid.

Die jungen Leserinnen und Leser kaufen die Bändchen „Widerstand“, „Klartext“, „Freiheit“ (DaCapo). Gerade heute interessieren sich die Menschen wieder für die Lebensgeschichte des Wiener Juden, der nach London emigriert ist und zu einer zentralen politischen und moralischen Instanz der Apo wurde. Wir verkaufen die schön gebundene Sonderausgabe der Autobiographie „Mitunter sogar Lachen“, den neuen Interview-Band, die vierbändige Gesamtausgabe …

... naja, und immer wieder die Liebesgedichte.

Ja, DAS Gedicht haben wir sogar auf eine schöne und ökologisch einwandfreie Stofftasche gedruckt… die Buchhandlungen schicken Fotos von witzigen Fenstern, die Presse schreibt, eine neue Fernseh-Doku wurde gedreht, es gibt Ausstellungen und digitale Großveranstaltungen in Berlin (8.5.) und Wien (9./10.5.).

Und ist die Stimmung im Verlag auch so gut?

Wir sind zu wahren Hygiene-Profis geworden und trotz großer Präsenzarbeit im Verlag bisher unbeschadet durchgekommen. Das gemeinsame Mittagessen ist auf einmal in der Woche reduziert: Pizza im begrünten Hof (außer bei Schneegestöber und Regen). Jetzt ist über die Hälfte wenigstens einmal geimpft. Auf einem der unzähligen verbreiteten Corona-Bildchen war zu lesen: Damals nach der Pest soll es ein Jahr lang Partys gegeben haben – weiß jemand, ob da schon was geplant ist? Ich kann beruhigen: Wir planen schon.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

 

 

 

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