Das Sonntagsgespräch Thomas Mahr: Mit Veranstaltungen den Kontakt zu Lesern und Verlagen pflegen

Seit 30 Jahren führt Thomas Mahr seine Buchhandlung in Langenau. Zum Jubiläum lud der Buchhändler neben Autoren auch Verleger und Verlagsmitarbeiter zu Veranstaltungen in die Buchhandlung.

Dabei ging es nicht nur um Bücher, sondern auch um die Rolle des traditionellen Buchhandels. Wir haben Thomas Mahr zu seinen Erfahrungen aus drei Jahrzehnten Buchhandel befragt.

Thomas Mahr

Sie führen jetzt 30 Jahre eine Buchhandlung in Langenau Wenn Sie zu den Anfängen zurückblicken, was hat sich geändert?

Thomas Mahr: Alles ist viel schneller und kurzlebiger geworden. Die „Halbwertszeit“ mancher Neuerscheinungen ist heute doch verschwindend gering. Die vielen Diskussionen, wie zum Beispiel die Wirtschaftlichkeit in unserer Branche, Debatten um ausschließlich ökonomische Themen, ließen die Inhalte und vor allem den kulturellen Wert des Buches in den Hintergrund treten. Dies machte es den Onlinehändlern leichter in die Domäne des Buchhandels einzudringen. In den 80ern waren wir Buchhändler noch stolzer, denn wir handeln ja nicht mit irgendeiner Ware, sondern mit Büchern, die ja bekanntlich immer noch die Welt bewegen können. Wieder ein wenig mehr Selbstbewusstsein täte uns Buchhändlern gut.

Wie meinen Sie das?

In unseren Gründungsjahren war von diesem Selbstbewusstsein noch einiges zu spüren. Doch dies verwandelte sich rasch in, nennen wir es Selbstgerechtigkeit und dem damit verbundenen Schlaf. Ich will jetzt nicht zur Kollegenschelte ansetzen, ich habe in Laufe der Zeit viele interessante und sehr kluge Buchhändler kennengelernt. Wenn ich Kritik äußern darf, dann meine ich schon eher unseren Verband und den Börsenverein.

Was würden sie dabei genau kritisieren?

Die riesigen technischen Umwälzungen in unserer Branche wurden regelrecht verschlafen. Warum taucht auf der Suchmaske beim Bücherstöbern auf dem Bildschirm nicht zunächst ein gemeinschaftlicher Katalog des Deutschen Buchhandels, sondern ein amerikanischer Konzern auf?
Und wie kann man eine Buchkampagne starten auf dem untersten Niveau der Boulevardpresse, wenn viele, und vor allem junge Menschen, bereits die neuübersetzten Klassiker für sich entdecken?

Stellen Sie einen Wandel hin zu den Klassikern spürbar fest?

Selbst in unserer Kleinstadt Langenau war dies im vergangen Jahr ein richtiger Trend. Ein Hoch auf die noch lesenden, individualistischen und manchmal auch schrulligen Buchhändler. Gerade das Vermitteln von Literatur ist die große Chance für den Sortimenter vor Ort. Und zumindest hier bei uns in Baden-Württemberg gibt es noch jede Menge solcher Buchhändler. Ich gebrauche jetzt das Wort von der Sehnsucht nach Orientierung in einer diffusen Welt. Ein Balzac, ein Kafka oder ein Dostojewski geben noch heute Antwort auf die großen Lebensfragen oder stellen in ihren Romanen diese Fragen.

Wie vermitteln Sie Ihren Leser die Weltliteratur?

Unser Jubiläumsjahr gab uns die Möglichkeit den Kontakt mit unseren Lesern ganz besonders zu pflegen. Mit mindestens einer Veranstaltung pro Monat, die wir mit Unterstützung der Verlage auf die Beine stellen konnten, haben wir neben Autorenlesungen auch Verleger und Verlagsmitarbeiter eingeladen. Und gerade dies war eine glückliche Entscheidung. Solch ein Abend ist nicht nur für die Zuhörer spannend, wie geht es so auf und zu in einem Verlag, sondern schweißt auch Buchhändler und Verleger enger zusammen. Einen Abend mit Wagenbach, dtv oder dem Folio Verlag kann ich nur wärmstens empfehlen. Aber auch als Buchhändler selbst kann man vielleicht in Kooperation mit einer Volkshochschule über die Dörfer als fliegender Händler reisen und bei der Vorstellung neuer Bücher am Abend auch den einen oder anderen Klassiker mit ins Gepäck nehmen.

Sie gehen quasi mit Ihren Büchern auf Reisen?

Wir haben das schon vor mehr als 10 Jahren angefangen in kleinen Bibliotheken im Umland, ähnlich dem großen Denis Scheck, an einem Abend mit Rotwein von neuen Büchern zu schwärmen und diese auch vorzustellen. Ausgangspunkt war aber die Buchhandlung selbst, in der wir jetzt seit langem zweimal im Jahr „Literarisches Quartett“ betreiben. Dabei wurde dann der Bücherabend zum „Exportschlager“. Vor kurzem haben wir etwas Neues ausprobiert.

Was denn?

Unter dem Titel „Eine schöne Leich“ haben wir Bücher aus den Regalen gezogen, die schon einige Jahre bei uns auf einen Leser warteten. Die Auswahl bestand aus Werken, die man eben nicht in die Ramschkiste gibt, sondern bei der Inventur traurig sanft streichelt und dann wieder hoffnungsfroh an seinen Platz zurückstellt. Was wir nicht für möglich gehalten hätten, ohne Murren ob des angestaubten Zustandes, wurden uns die vorgestellten „Leichen“ zum originalen Ladenpreis abgenommen. Da es sich dabei zumeist um vergriffene Titel handelte, bekam die ganze Veranstaltung etwas von einer Raritätenauktion.

Was wünscht man sich als Buchhändler nach 30 Jahren?

Schwere Frage. Der Wünsche wären da so viele. Vielleicht mehr eigene Zeit zum Lesen der Bücher, die sich schon jahrelang in der Warteschlange befinden. Schön wäre es, wenn der Wiener Tatortkommissar Harald Krassnitzer im Film einmal Schnitzler lesen würde, oder wenn sich das Kölner Team so ganz nebenbei über Heinrich Böll unterhalten würde. Und dann wünsche ich mir noch einen Buchhandelsnachwuchs, der jenseits von E-Books, Facebook und IPhone besinnungslos und süchtig Bücher liest.

Alle Veranstaltung der Buchhandlung Mahr 2014

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.