Immer Freitags hier ein "Autorengespräch", heute mit ... … Tobias Elsäßer über sein neues Buch „Eden Park – Der neunte Würfel“

Tobias Elsäßer, geboren 1973, arbeitet als freier Journalist, Autor und Musiker.  Darüber hinaus leitet er Schreibwerkstätten und Songwriter-Workshops und schreibt Drehbücher.  Für seine Kinder-und Jugendromane hat er bereits zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Er selbst sagt über sich: „Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen sind meine Quelle der Inspiration. Ich bin leidenschaftlicher Anekdotensammler und Tagträumer. Kreativ zu sein bedeutet für mich, gut zuhören zu können, genau hinzuschauen und jede Menge Fragen zu stellen. So entstehen Bilder und Szenen in meinem Kopf, die ich später zu Songs oder Geschichten verarbeite. Je nachdem, was gerade näher liegt“ In seinen Jugendbüchern Ab ins Paradies (2007), Vielleicht Amerika (2008), Abspringen (2009), Für Niemand (011), Wie ich einmal fast berühmt wurde inszeniert er die Verbindung von Musik, Literatur und Sprache.

Am 22. Februar erschien „Eden Park – Der neunte Würfel“, in dem Tobias Elsäßer eine Zukunftsvision der modernsten Stadt der Welt schafft –  Anlass für Fragen an den Autor über das Buch …  und auch darüber, wie einer, der in der Grundschule mit einer 5 in Deutsch sitzenblieb, jetzt erfolgreicher Vollblut-Autor wurde:

BuchMarkt: In Ihrem neuen Kinderbuch geht es um Vincent, einen Jungen mit Bildschirmallergie, d.h. er fällt in Ohnmacht, wenn er zu lange auf Bildschirme starrt. Wie kamen Sie darauf?

Tobias Elsäßer: Wir sind im Alltag umgeben von Monitoren und Displays. Beinahe  automatisiert checken wir alle paar Minuten unsere Handys, ob es was Neues gibt.  An den Schulen, die ich besuche, herrscht eine regelrechte Panik, den Anschluss an die digitale Welt zu verpassen. So schnell wie möglich soll es WLAN für alle und Tablet-Computer geben. Dass viele Kinder aber  jetzt schon massive Probleme haben, einen Purzelbaum zu schlagen, auf Bäume zu klettern und fehlerfrei einen Text zu lesen und zu verstehen, scheint erstmal nicht so wichtig zu sein. Sie sollen weiterhin still auf Stühlen sitzen  und am besten zum verlängerten Arm von Maschinen werden, geführt von unausgereiften didaktischen Konzepten. Vincent  lebt in der modernsten Stadt der Welt. Ich habe überlegt, was das Schlimmste sein könnte, dass ihm zustoßen kann. Und das war ganz eindeutig eine Bildschirmallergie. Denn damit ist er ein Außenseiter. Und solche Figuren finde ich sehr spannend.

Würden Sie sich oder anderen eine (zeitweise) Bildschirmallergie wünschen?

Auf jeden Fall. Wobei ich gelesen habe, dass unter der Top 3 der Neujahrswünsche die zeitweise Abstinenz vom Handy, sozialen Netzwerken und Binge-Watching steht,  und der Wunsch nach mehr Zeit mit Freunden und in der Natur. Das heißt, dass sich viele Menschen darüber im Klaren sind, dass ihnen die digital optimierte Welt nicht gut tut. Leider fällt es auch mir sehr schwer, meine Sucht nach Neuigkeiten, Trump-Tweets und Dokumentationen über Aussteiger im Zaum zu halten. Ich denke, das Gemeine an dieser „schönen neuen Welt“  ist, dass wir uns aktiv darum bemühen müssen, wollen wir unsere freie Zeit abseits von Bildschirmen verbringen. Ich zum Beispiel habe eine hartnäckige Seriensucht und rechtfertige sie damit, dass ich ja Autor bin und eigentlich gerne selbst so was wie „Stranger Things“ entwickeln würde.

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Mit Eden Park haben Sie also eine Zukunftsvision der modernsten Stadt der Welt geschaffen.  Würden Sie dort (für immer oder eine Zeit lang) gerne leben? – Warum und warum nicht?

Für eine Zeit fände ich das schon spannend. Schließlich gibt es dort richtige Hoverboards. Echte, unglaubliche coole, schwebende Bretter, wie bei „Zurück in die Zukunft“. Und Lehrern nur noch virtuell zu begegnen, weil sie ins Klassenzimmer projiziert werden, fände ich zumindest für ein paar Tage interessant.  Was ich jedoch ziemlich schlimm fände, wäre die ständige Kontrolle und diese Pflicht shoppen zu gehen und sich mit anderen zu vernetzen, wie es einem vom Computer vorgeschlagen wird.  Leider ist vielen Leuten gar nicht bewusst, dass wir von einem Eden Park gar nicht weit entfernt sind. Wir alle, egal ob jung oder alt, spendieren bereitwillig unsere Daten, suchen Partner und Freunde online, shoppen, was uns Algorithmen vorschlagen und glauben an Nachrichten, die extra für unser Profil zusammengestellt werden.  Was die großen Firmen mit dem Wissen über unsere Vorlieben und Gewohnheiten machen, scheint zweitrangig. „Ich mache ja nichts Verbotenes“, lautet die Standard-Reaktion. Dass diese Daten über uns, unsere Familie und Freunde in naher Zukunft sehr wohl dazu genutzt werden können, uns das Leben schwer zu machen, wollen wir nicht sehen.

Vincent, der Held meiner Geschichte, stammt eher aus normalen Verhältnissen. Weil er im Unterricht zu viele Fragen stellt, hat er negative Einträge in der „Perfect-Life-Datenbank“, die nur deshalb nicht gelöscht werden können, weil seine Eltern das Geld für vollautomatische Lockenwickler ausgeben. Doch genau dieser Eintrag könnte später verhindern, dass er einen Ausbildungsplatz bekommt. Deshalb sind in Eden Park alle, ob jung oder alt, damit beschäftigt, ihr Leben zu optimieren.

Nachdem Sie zuletzt für ältere Jugendliche geschrieben haben, ist ihr neues Buch wieder für jüngere LeserInnen ab 10 Jahren. Wie unterscheidet sich das Schreiben für Jüngere und ältere Zielgruppen?

Eigentlich gar nicht. Es geht mir darum, eine spannende, nicht pädagogische Geschichte zu erzählen, die im Falle von Eden Park auch mit viel Humor daherkommt. Wichtig sind für mich die Figuren. Vincent, der ungeduldige, hoch sensible Junge, der sich damit schwer tut, Freunde zu finden und am liebsten Zeit mit seinem Onkel, dem Aussteiger, verbringt. Die Streberin Leonie oder Yashi, der Junge des Hausmeisters oder Facility Managers, wie das heute heißt, der eigentlich gar keinen Bock auf die Schule hat. Diese drei Figuren müssen ihrem Alter entsprechend „funktionieren“ und der mysteriösen Zukunftsgeschichte die nötige Tiefe geben. Fehler darf man sich bei Kinderbüchern noch weniger erlauben als bei Büchern für Jugendliche. Die jungen Leser sind zu Recht sehr kritisch.

Waren Sie selbst auch ein Vielleser und Buchliebhaber so wie Leonie, Vincents Freundin?

Ich bin quasi ohne Bücher aufgewachsen. Bei uns zu Hause gab es Jerry-Cotton-Hefte auf dem Nachttisch meiner Mutter, ansonsten galt das Lesen als Zeitverschwendung wohlhabender Menschen. Ich habe sehr viel Sport gemacht. In der vierten Klasse in der Grundschule bin ich mit einer 5 in Deutsch sitzengeblieben, was heute auch nur selten passiert. Meine Mutter ist Französin und ich habe ihre Art der deutschen Rechtschreibung zu ernst genommen. Eine blühende Phantasie hatte ich schon immer. Sie in Worte und Sätze zu verpacken, habe ich durch die Musik gelernt. Mit der ersten Gitarre habe ich begonnen, eigene Lieder zu schreiben. Kurzgeschichten könnte man sagen. An die längere Form, den ersten Jugendroman, hab ich mich erst mit Anfang dreißig herangewagt, weil ich da nicht mehr ganz so hyperaktiv war.

Sie sind auch Musiker und arbeiten sowohl in Schreib-als auch in Musikworkshops mit Kindern und Jugendlichen, spielt das für Ihr Schreiben eine Rolle?

Ja, die Musik, der Rythmus, die Melodie der Worte, das steht über allem. Ich beschäftige mich  sehr lange mit dem Stil und der Stimme des Erzählers, bevor ich damit beginne, eine Handlung und Figuren zu entwerfen. Der Sound der Sprache ist das A und O. Oft nehme ich  mit dem Handy einzelne Passagen auf, die ich mir selbst vorlese, um die Position des Zuhörers einzunehmen.  Und wenn ich ein neues Buch lese, lege ich es nach zehn Seiten weg, wenn mich der Rythmus und der Stil nicht überzeugen. Bei meinen Lesungen habe ich meist die Gitarre oder Ukelele dabei, in vielen Räumen steht auch ein Klavier. Dann singe ich eigene Songs oder studiere mit den jüngeren Zuhörern noch ein gemeinsames Lied ein, das ich geschrieben habe. Musik ist der Schlüssel, Kinder zu erreichen, die von Haus aus nicht so viel Kontakt mit Büchern haben oder noch keinen Zugang zu Büchern gefunden haben. In Eden Park spielt deshalb die Musik auch eine große Rolle, die aber erst zum Schluss aufgelöst wird.

Mit welchem Argument können Buchhändlerinnen und Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Das Buch schlägt die Brücke zwischen unserem Alltag mit Smartphone und Computer und der faszinierenden Welt der Bücher und führt beides in einem spannenden Abenteuer zusammen.

Dort wo die Kinderliteratur aus Nostalgie oft die digitale Welt ausspart, können Jungen und Mädchen (eine wichtige Hauptfigur ist Leonie, ein weiblicher Computer-Nerd), eine Geschichte erleben, die ihren Blick auf WhatsApp , Snapchat, YouTube und all die anderen Programme, die sie täglich benutzen, für immer verändern wird.

Welche Leserschaft soll angesprochen werden?

Jungen, aber auch Mädchen, die sich für ein spannendes und emotionales Zukunftsabenteuer begeistern, das mit einer ordentlichen Portion Humor daherkommt. Für eine Geschichte über die phantastischen Möglichkeiten unserer digitalen Welt, die direkt vor der eigenen Haustür beginnen könnte und von tief empfundener Freundschaft erzählt, die sogar über Weltengrenzen hinweg bestand hat.

Was lesen Sie selbst aktuell?

Im Augenblick lese ich Homo Deus –  Eine Geschichte von Morgen von Yuval Noah und zur Unterhaltung die neue Biografie Reveal: Robbie Williams

 

 

 

 

 

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