Das Sonntagsgespräch Tom Erben zum geplanten Zusammengehen von Aufbau und Eichborn

Vorgestern wurde bekannt, dass Eichborn und Aufbau kooperieren wollen [mehr…]. Doch es bleiben Fragen offen – das war Anlass für ein Gespräch mit Aufbau-Geschäftsführer Tom Erben:

Herr Erben, Klartext gesprochen: Das wird eine Übernahme?

Tom Erben: Nein, keinesfalls. Eichborn wird schließlich nicht an Aufbau verkauft. Es ist vielmehr beabsichtigt, die beiden Verlage in einer Firma zusammenzuführen, an der auch Herr Fresenius beteiligt sein wird.

Tom Erben:
Durch Zusammenarbeit
Unabhängikeit sichern

Sowohl er als auch Herr Koch legen Wert auf die programmatische Eigenständigkeit der beiden Verlage. Wichtig ist ihnen vor allem, dass beide Häuser ihren Autoren weiterhin eine Heimat bieten. Aber nicht nur die Autoren, sondern auch die Mitarbeiter sollen die Überzeugung gewinnen, dass sie hier in einem guten Heimathafen gelandet sind.

Ein Heimathafen, der nicht mehr am Main liegen wird …

Die Alternative wäre, wie Herr Fresenius auf der Pressekonferenz erklärte, der ersatzlose Wegfall von bis zu 40 Arbeitsplätzen bei Eichborn gewesen, wenn Eichborn an ein größeres Verlagshaus verkauft würde. Mit der nun gefundenen Lösung wird Eichborn wesentlich mehr Mitarbeiter und Arbeitsplätze halten können – in einem Haus, das eine Vision bietet: Im Aufbau Haus www.aufbauhaus.de wollen wir so etwas wie eine neue Stadt errichten. Wir werden Nachbarn sein, aber wir werden die Eigenständigkeit der beiden Marken erhalten.

Das klingt nach den Sparmaßnahmen der letzten Jahre nicht unbedingt glaubwürdig. Schon vor Weihnachten wurde der erfolgreichen Vertretercrew von Eichborn gekündigt…

Den Weg, den Herr Gallenkamp bei Eichborn mit internen Restrukturierungsmaßnahmen eingeschlagen hat, war notwendig – wie übrigens auch der bei Aufbau. Es geht ja nicht darum, jetzt einen neuen Großverlag zu schaffen, sondern das Zusammengehen soll es beiden Verlagen erleichtern, sich auf unterschiedliche Zielgruppen zu fokussieren. Eichborn bleibt eine eigenständige Marke mit einem eigenen Verlagsleiter, mit Pressegesicht und Marketinghand, damit der Verlag nach außen erkennbar bleibt.

Das ist derzeit nicht viel mehr als eine Absichtserklärung…

Der Umzug und die Zusammenführung der beiden Verlage sind der erklärte Wille von Eichborn. Und wir würden uns freuen, wenn die Mitarbeiter von Eichborn schon bei der Eröffnung des Aufbau Hauses im Juni dabei sein könnten. Es wird Sache der Eigentümer sein, einen Weg zu finden, wie das Zusammengehen der beiden Unternehmen umgesetzt werden kann.

Was wieder mal auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird…

Das finde ich nicht. Den Eichborn-Kollegen wird eine neue Perspektive angeboten. Ihr zukünftiger Schreibtisch wird nach dem Willen des Hauptaktionärs allerdings in Berlin stehen.

Mit wie viel Verstärkung rechnen Sie?

In Berlin sind alle Eichborn-Mitarbeiter willkommen. Ob alle nach Berlin mitkommen werden, hängt von der Situation der einzelnen Menschen ab. Ich kann nur sagen, ich persönlich finde sowohl Berlin als auch den Aufbau Verlag sehr attraktiv. Und ich bin der Meinung, dass diese beiden Häuser und ihre Kulturen gut zusammenpassen.

Die beiden Kulturen passen wirklich zusammen?

Die Marke Eichborn mit ihrem jungen, frechen Programm und zum Beispiel der Anderen Bibliothek, und dazu die Marke Aufbau, die für ein solides, aufklärerisches Programm steht, ergänzen sich sehr gut zu einem neuen Ganzen.

Wo sehen Sie denn Synergien? Die Presse höhnt gar von Notgemeinschaft…

… und vergisst den größten Effekt, der durch die geplante Fusion entsteht: Die Sicherung der Existenz zweier unabhängiger mittelständischer Verlage. Das rettet Arbeitsplätze und hilft, wie gesagt, beiden Verlagen, ihr Profil zu schärfen und dadurch besser am Markt bestehen zu können. In England haben sich vergangenes Jahr unabhängige Verlage erfolgreich zusammengeschlossen – warum soll das nicht auch bei uns gelingen? Wir können uns vorstellen, dass unser Zusammengehen der Keim für weitere Partnerschaften ist, um Verlage dieser Couleur und Größenordnung zusammenzuführen.

Da bin ich gespannt, ob das Signalwirkung auch für andere hat.

Ich denke, es wird noch einige Verlage geben, die nachdenklich werden … das liegt nicht nur an der Handelsstruktur, die wir alle kennen. Die Leser lieben und suchen Programme von unabhängigen Verlagen, aber sie finden sie heute nicht. Sie wie in Großbritannien kenntlich zu machen, sehen wir als Chance.

Wozu ist Größe nötig?

Größe allein ist keine Lösung. Aber sie hilft zum Beispiel, wenn es darum geht, Autoren zu entwickeln. Wie jetzt bei Aufbau Inger-Maria Mahlke und Sabrina Janesch. Diese Autoren, die mit ihren ersten Büchern etwas wirklich Erstaunliches vorlegten, sind mit den Verkaufszahlen noch lange nicht da, wo sie sein könnten. Da braucht ein Verlag den Atem, Autoren, Inhalte und Themen zu entwickeln. Auch das ist der Hintergrund für diese strategische Allianz.

Wo sehen Sie derzeit die Stärken von Aufbau?

Mit Autoren wie Fred Vargas, Deon Meyer, Stephen Fry oder Peter Henning, um nur einige zu nennen, haben wir bei Aufbau starke Namen. Das macht es leichter am Markt zu reüssieren, weil sie bereits einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit haben. Viel versprechen wir uns in diesem Frühjahr von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Frappierend ist, dass ein Buch, das vor 60 Jahren erstmals erschien, heute eine spektakuläre internationale Wiederentdeckung erlebt. Welcher deutsche Autor hat das geschafft? Die Lizenz ist in über 20 Länder verkauft. Es gilt, diesen Autor auch in Deutschland neu zu entdecken. Die Presse sieht das genauso. Und, um auf Eichborn zurückzukommen: das Leseexemplar „Elf Leben“ von Mark Watson scheint den Buchhandel sehr zu begeistern.

Jetzt wird klar, Sie sind schon länger im Gespräch mit Eichborn.

Herr Gallenkamp teilt den Kerngedanken, durch Zusammenarbeit unabhängiger Verlage mehr Präsenz im Handel zu sichern. Die Kooperation sieht aber zunächst nur den gemeinsamen Vertrieb in der Fläche vor.

Weil der Anteil des kleinen, mittleren, eigentümergeführten Sortiments zurückgeht?

Ja, bei Aufbau liegt er aktuell je nach Programmstruktur und Titelstruktur um die 35 bis 40 Prozent, bei Eichborn deutlich darunter. Wir wollen den Anteil bei Eichborn heben und mit beiden Verlagen im eigentümergeführten Sortiment gegen den Trend wachsen. Dazu haben wir ein festangestelltes Vertreterteam.

Das auch die Aufgaben der Eichborn Vertreter mit übernehmen soll?

In fünf Reisegebieten werden die Aufbau Kollegen die Programme von Eichborn mit anbieten. In Berlin/Mecklenburg-Vorpommern werden Gerd Püschel und Carina Opitz als freier Handelsvertreter die Programme weiterhin getrennt anbieten, und in Nordrhein-Westfalen wird Manfred Schäfer, ein Eichbor- Urgestein und großartiger Vertreter, noch bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn tätig sein.

Was heißt das jetzt für den Buchhandel?

Die neue Zusammenarbeit bedeutet, dass die Programme von Eichborn und Aufbau künftig über eine gemeinsame Auslieferung kommen werden. Es gibt auf beiden Seiten Kooperationspartner, die in den Pool einfließen. Auch Eichborn hat viel Erfahrung als Vertriebsdienstleister, diese Kompetenz wird in das gemeinsame Team nutzen. Wir wollen Programme von weiteren spannenden, unabhängigen Verlagen anbieten und führen schon Gespräche in dieser Richtung.

Wie sehen Sie die Struktur im Buchhandel?

Wir brauchen den Independent-Buchhandel als Multiplikator für unsere Programme, die gelesen und geliebt werden wollen – so wie wir es zuletzt bei Aufbau mit Mark Twains „Sommerwogen“ erlebt haben, ein Buch das inzwischen in der sechsten Auflage ist. Oder Edgar Rais Überraschungserfolg „Nächsten Sommer“. Diese Art von Literatur wollen wir weiter machen, und dazu brauchen wir begeisterungsfähige Buchhändler, die ihre Kunden begeistern. Wir wollen Bestseller verlegen, die von Lesern gemacht werden, nicht von verordneten und bezahlten Stapelpräsentationen der Konzernverlage.

Ihr Ziel?

Die Programmidentität ist das Primat, unter dem alles andere zu passieren hat. Wir kooperieren, weil wir unsere Programme in der bisherigen Form erhalten und schärfen wollen. Die Größe darf gerne noch wachsen. Wir streben ein Umsatzvolumen von 25 Millionen plus X an.

{Die Fragen stellte Christian von Zittwitz]

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.