Was macht eigentlich ... Ulrich Genzler (65)

Für Ulrich Genzler gibt es jetzt auch eine Welt ohne Bücher: Dazu gehört auch eine ehrenamtlich organisierte Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge

Ulrich Genzler wird heute 65 Jahre alt.  Rund 20 Jahre hat er als Verleger das Gesicht von Heyne geprägt, bis er sich vor dreieinhalb Jahren entschloss, vorzeitig aus der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Random House auszuscheiden.

Wir haben nachgefragt, wie sein Leben heute aussieht. Er erzählt es uns: „Derzeit steht der Newsletter für die Buchhandlungen meiner Frau an.  Ich helfe als  Fahrradkurier, als Gesprächspartner und auch bei der Newsletter-Redaktion, wohldosiert macht das richtig Spaß. Aber mein Entschluss vor dreieinhalb Jahren aus der Arbeitsmühle auszusteigen, war und ist immer noch eine große Umstellung. Der zentrale Gewinn an Lebensqualität besteht für mich eindeutig darin, das Gehetzte, Halbfertige, Vorgetäuschte, Erzwungene hinter mir gelassen zu haben und im großen Ganzen den Dingen und Aktivitäten die Aufmerksamkeit und Zeit geben zu können, die ihnen gebührt. 

Dazu gehört – ganz banal – , die Bücher, die mich interessieren, auch zu Ende zu lesen und nicht mehr nach wenigen Seiten und dem schnellenFällen eines Urteils zum nächsten zu flitzen. Und natürlich beobachte ich mit großem Interesse, was die Heyne-Kolleginnen und Kollegen jetzt machen – den distanzierten Beobachterstandpunkt einnehmen zu können, ohne direkten Handlungsdruck, ist ein echtes Privileg.

Nur ganz selten versetzt es mir einen Stich, nicht mehr formend, gestaltend, entscheidend den Herausforderungen zu begegnen, sondern jetzt eher an der Basis als Leser und Lieferer und allenfalls Berater aktiv zu sein. Und schön ist es, dass ich neben den Buchhandlungen meiner Frau Anschauungsmaterial in nächster familiärer Nähe habe:

Bei Tochter (Lektorin in einem großen Verlag) und Sohn (eigener Mikro-Verlag) kann ich verfolgen, wie die nächste Generation eigene überzeugende Wege entwickelt. In meiner Welt jenseits der Bücher beschäftigt mich nach einer Schulung zum Hospizbegleiter jetzt die Frage, wie man mit dem Problem umgeht, dass man gerade dann am wenigsten machen kann, wenn man am dringendsten gebraucht wird, wenn man zu den Menschen, die man auf ihrem letzten Weg begleiten soll, keine Nähe aufbauen kann.

Und ich habe noch ein zweites ehrenamtliches Standbein: Mit einigen Schrauberkollegen organisieren wir eine Radwerkstatt in einer Flüchtlingsunterkunft (aus zwei kaputten Rädern entsteht ein „neues“). Die ist aber wegen  Corona derzeit in den heimischen Keller verlegt. Und da wartet gerade eine komplizierte Federgabel darauf, dass sich meine manuellen Fähigkeiten austoben.

Lieber Uli,

ist das jetzt auch schon wieder über drei Jahre her, dass ich mir den Button von Deiner Abschiedsfeier für meine Sammlung organisiert habe? Ich gratuliere Dir, auch ich habe gern als Texter für die Buchhandlung meiner Frau geholfen, zum Kurier aber fehlte mir im Wortsinne der Antrieb.

Dein C.

Wer auch gratulieren möchte: ulrich.genzler@t-online.de

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns Ihren Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin an redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage

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