E.A. Seemann Henschel-Verlegerin Annika Bach über die Hintergründe der bevorstehenden Preiserhöhungen für ihr Programm „Wir sind Agenten der Bildung“

Die Verlagsgruppe E.A. Seemann Henschel erhöht zum 3. Februar die Preise für knapp 80 ihrer rund 400 lieferbaren Titel. Das war Anlass für Fragen an die Verlegerin Annika Bach, die darüber hinaus voller Zuversicht in Richtung Leipziger Buchmesse blickt.

Annika Bach © Gert Mothes info@gertmothes.de

buchmarkt.de: In der kommenden Woche erhöhen Sie die Preise für einen Teil ihres Programms – welche Titel haben Sie ausgewählt, wie hoch sind die Preiserhöhungen?

Annika Bach: Da die Preiserhöhungen in der Produktion zunächst natürlich die Frühjahrsnovitäten am stärksten betroffen haben, mussten wir deren Preise als erstes anheben – zwischen zwei bis sechs Euro. Darüber hinaus sind aber auch alle aktuellen Nachdrucke unmittelbar betroffen. Insbesondere im Kinderbuchbereich haben wir – erfreulicherweise! – viele Titel aus dem Jahr 2020 und 2021 so gut verkauft, dass wir direkt nachdrucken müssen. Wir haben nun fast alle Novitäten sowie die Kinderbücher, die mit einem großen Handarbeitsanteil aufwendig gefertigten Memo-Spiele, und die inhaltlich sehr speziell ausgerichteten Fachbücher preislich angepasst.

Wieviel Anteil hat an dieser Entscheidung der Anstieg der Kosten, und wieviel die anhaltende Branchendiskussion?

Der Anstieg der Kosten schuf natürlich zunächst die Fakten. Ich habe mich aber über die Branchendiskussion gefreut, denn dadurch weiß ich, dass wir Verlage für unsere Preiserhöhungen auch Unterstützung finden werden. Das ist für die Vermittlung den Kunden gegenüber natürlich sehr wichtig.

Von unseren aktuellen Preiserhöhungen profitieren die Autorinnen und Autoren, die Illustratoren und Übersetzerinnen des Verlags sowie die Auslieferung, der Zwischenbuchhandel und die Händler am meisten. Wir werden nicht mehr Geld in der Kasse haben, sondern das erwirtschaftete Plus wird direkt zu den Druckern (und dann zu den Papierhändlern) und in die gestiegenen Versand- bzw. Logistikkosten gehen.

Langfristig ist es so, dass wir alle mehr bezahlen müssen für Bücher bzw. für hochwertig produzierte Inhalte, die von Kreativen verfasst wurden, ein Lektorat durchlaufen haben und von kundigen Menschen beworben und verkauft werden. Vielfalt und Qualität kommen nur mit Geld, Ressourcen und Anstrengung zustande. Es bleibt unsere Aufgabe, den Kundinnen und Kunden diesen Zusammenhang auch zu vermitteln.

Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen der Buchproduktion für Ihre Verlage?

In der Kalkulation, gerade im kostenintensiven Kultursachbuch, und in der Produktion, die alles andere als planbar ist. Leider wird im Moment sehr viel Zeit der Projektmanagerinnen im Verlag dadurch belastet, dass immer neue Preise angefragt und verhandelt werden müssen. Meine Zeit geht überwiegend in die Bewertung immer neuer Projektkalkulationen, in die Liquiditätsplanung und in das Controlling. Alles Tätigkeiten, die natürlich stets Bestandteil unserer Arbeit sind, aber nun unter einen starken Druck geschehen, mit sehr wenig Spielraum und der steten Frage: Wird sich dieses wunderbare Projekt, an das wir alle so sehr glauben, am Ende überhaupt noch auszahlen können? Darüber hinaus können Sie sich den Stress vorstellen, wenn ein Ausstellungskatalog zur Eröffnung fertig sein muss, und die Lieferketten nicht einwandfrei funktionieren, weil z.B. eine Buchbinderei für zwei Wochen zugemacht wurde, da Corona ausgebrochen ist …

Welche Ihrer Titel wären denn digital genauso attraktiv wie als Printprodukte?

Ich sehe Sachbuchverlage als Produzenten von kuratiertem und geprüftem Wissen. Wir sind Agenten der Bildung. Die Bildung der Zukunft wird aber – diese Entwicklung ist nur eine Frage von Jahren – von digital gestalteten Inhalten angetrieben und von Printprodukten begleitet, nein, sagen wir gestützt werden. Denken Sie an Sachinhalte im Hörformat, an Webinare mit Expertinnen und Künstlern, an Masterclasses. Ich möchte dieses Feld nicht den Start-ups und Digitalunternehmen überlassen, wir Sachbuchverlage sollten uns dieser Herausforderung stellen.

Ich möchte zukünftig mit unseren Inhalten sowohl eine Triebfeder als auch eine Stütze in der kulturellen Bildung sein. Wir sind mit einem thematisch stark profilierten Sachbuchverlag, der über eine breite Backlist von Titeln zur künstlerischen Bildung und ein starkes Netzwerk verfügt, in einer guten Ausgangsposition, um auch attraktive digitale Inhalte für die Leserinnen und Leser zu entwickeln und zu produzieren.

Was bedeutet das für Ihr Kinderbuch-Programm?

Im Bereich Kinderbildung setzen wir auch in Zukunft auf das gedruckte Buch. Die Ruhe, Abgeschlossenheit und verlässliche Unveränderbarkeit des Buchinhaltes ermöglichen dem Kind ein Lernen, Lesen, Erfahren nach seinem eigenen Tempo. Im Austausch zwischen dem Buch, dem Kind und den vorlesenden Eltern, Erzieherinnen oder Großeltern entwickelt sich ein geteilter Wissens- und Gefühlshorizont.

Das Lesen wird für immer Schlüsselkompetenz des Menschen bleiben und kann mit Büchern konzentrierter und nachhaltiger gelernt werden. Kinder müssen lesen und sie müssen sehr viel lesen. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass jede Autobiografie eines erfolgreichen Menschen mit der Erzählung beginnt, dass sie als Kinder und Jugendliche gern und viel gelesen haben? Bei Elon Musk ist mir das gerade erst wieder begegnet.

Bücher zu den Themen Kunst, Theater, Tanz – wie sind Sie bislang durch die Pandemie gekommen? Wie wichtig ist der stationäre Buchhandel für Sie?

Der stationäre Buchhandel, ebenso die Museumsshops sind sehr, sehr wichtig für uns. Die Kolleginnen und Kollegen in den Geschäften, unsere Vertreter haben wirklich alles gegeben. Wenn aber die Kultur über Monate schlicht nicht stattfinden kann, ist das natürlich eine schwierige Situation. Ein Lichtblick waren unsere Kinderbücher, die im Jahre 2020 und 2021 richtig stark geworden sind, zum Beispiel Wir feiern! oder Die Enzyklopädie der unglaublichen Fakten und vor allem auch unsere neu entwickelte Reihe „Dusty Diggers“. Auch unsere Kunst-Memos waren anhaltend stark und alle Bildungstitel sind sehr gut gelaufen. Die gezwungenermaßen unbeschäftigten Künstlerinnen und Künstler haben wohl ihre Zeit für Weiterbildung genutzt – das kam uns zugute.

Wie hat sich Ihr Team aufgestellt? Ist Homeoffice die Arbeitsform der Zukunft?

Klar, wir werden auch in Zukunft von Zuhause aus arbeiten. Wenn die Pandemie vorbei ist, dann wird der Arbeitsschwerpunkt allerdings erstmal wieder in den Verlagsräumen liegen. Wir sind ein Team, das eng zusammenarbeitet, die Arbeit ist oft stressig, da hilft eine kurze Kaffeepause mit der Kollegin. Gemeinsam lachen geht auch gut über Zoom, aber gemeinsam Erfolge feiern und klönen irgendwie nicht.

Meiner Erfahrung nach ist das Arbeiten von Zuhause aus sehr produktiv, erfordert aber vor allem eine andere Art der Führung. Keine Kommunikation passiert mehr zufällig, jeder Austausch muss erzeugt und strukturiert werden, Information muss immer geteilt und Datenbanken sehr sorgfältig gepflegt werden. Gleichzeitig erleichtert diese Arbeitsweise natürlich auch die Präsenzarbeit!

Daneben braucht es auch einen Plan, wie wir alle zuhause nicht einfach nur zu effizienten Maschinen verkommen, sondern auch noch das Schöne an unserem tollen Job erleben: den intellektuellen Austausch, die Inspiration. Wenn wir aus der Pandemie herausgehen und eine produktive Form des hybriden Arbeitens gelernt haben, welche das Beste aus beiden Welten vereint, hat die Zeit auch etwas sehr Positives bewirkt.

Wie groß sind Ihre Hoffnungen auf die Leipziger Buchmesse, wie konkret Ihre Pläne?

Als Leipziger haben wir uns entschlossen, auf Risiko, nein auf Zuversicht (!) zu gehen und voll einzusteigen. Wir haben Autorinnen und Illustratorinnen aus In- und Ausland eingeladen, wir planen eine Veranstaltung in der Leipziger Oper und eine im Museum der bildenden Künste, wir haben den schönsten Stand gestaltet, wir werden unsere Bücher zum Strahlen bringen. Einzig bedauerlich ist, dass wir unseren traditionellen Sektempfang nicht geben werden. Dafür setzen wir aber besonders viele Ressourcen dafür ein, von dem Stand, den Begegnungen und den Veranstaltungen möglichst viel auch über unsere sozialen Medien zu teilen.

Die Fragen stellte Susanna Wengeler

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