Das Sonntagsgespräch Werner Köhler über das litColony-Portal von litCologne

Das Internationale Literaturfest lit.COLOGNE startet Ende November mit einem ehrgeizigen

Werner Köhler:
„Seit ich im Geschäft
bin, stirbt das Buch“

Projekt: Dem Internetportal www.litCOLONYrund um das Thema Bücher [mehr…]. Anlass für ein Gespräch zwischen Christian von Zittwitz und Werner Köhler, einem der drei Initiatoren.

Ein Internetportal für Bücher. Darauf hat die Welt gerade noch gewartet.
Werner Köhler: Wir haben einfach zu viele Ideen und zuviel Spaß an der Sache, um uns nur neun Tage im Frühjahr einzumischen. Es gibt so viele Gründe für diese erste und einzige umfassende Portalseite zum Thema Buch, dass ich nicht weiß wovon ich einem Ungläubigen, wie ihnen zuerst künden soll.

Vielleicht bleiben wir zunächst beim Geld?
Ja, es stimmt schon, das Geschäft mit dem Sponsoring war hart und ist es immer noch. Es steht gar zu befürchten, dass die Krise es zusätzlich erschwert. Aber der Papst sagt doch auch: „Geld ist nur Papier“ Also setzen wir, wie schon vor Jahren beim Festival, alles auf eine Karte. Spannendes Feld!

Hat ja was Besessenes.
Besessen von Literatur, meinen Sie? Schöne Idee eigentlich. Könnten wir in den Slogan einbauen.

Dann käme ja schon die zweite gute Idee aus dem feindlichen Düsseldorf. Es heißt, sie hätten dort Ihre kreative Truppe gefunden…
Meine Schwester wohnt in Düsseldorf, der Kollege Edmund Labonté stammt daher, ebenso wie die Frau des dritten Mannes von der Tankstelle, Rainer Osnowski. Ich bin der Landeshauptstadt gegenüber leidenschaftslos. Aber, es stimmt, die Social Thinkers bauen das Portal und wie der Name schon sagt, verstehen die Jungs eine Menge von sozialen Netzwerken, viralen Maßnahmen und all so nem Zeugs, von dem ich bis vor kurzem selbst noch keine Ahnung hatte.

Aber jetzt sind auch Sie Web 2.0-Spezialist?
Von wegen. Aber ich bin, zusammen mit meinen Partnern und der ganzen Mannschaft, immer noch begeistert von den Büchern und immer noch heiß, für die geilste Ware der Welt zu kämpfen.

Ihre Motivation?
Seit ich im Geschäft bin stirbt angeblich das Buch. Und die größten Totengräber kommen aus der Branche selbst.

Ich verstehe Sie nicht
Es gibt doch in der Regel nur lähmendes Entsetzen oder einfältige Kampagnen. Das nervt! Dass es anders geht, haben wir doch – in aller Bescheidenheit – mit dem Festival bewiesen.

Ich denke, mit dem BuchMarkt-Award beweisen wir jedes Jahr das Gegenteil – er wird übrigens gerade im Dezemberheft von BuchMarkt wieder ausgeschrieben – Sie haben sich dabei noch nicht bewrben, Sie hatten doch was zu bieten?
Ja, 65.000 Besucher letztes Jahr. Begeisterung, lange Schlangen, Euphorie für Bücher. Und eine unglaubliche Anzahl junger Menschen. Dafür haben wir das Festival doch überhaupt nur gemacht, um zu beweisen, dass wir es nicht mit einem sterbenden Medium zu tun haben, sondern mit der schönsten Nebensache der Welt. Und genau deshalb machen wir jetzt weiter. Weil selbst dieser überwältigende Erfolg, die ewigen Nörgler nicht verstimmen lässt. Jetzt heißt es: „Ja. Ja, neun Tage Glanz aber danach versinkt doch alles wieder in Dunkelheit.“ Zum Verrücktwerden! Man kann doch beinahe den Eindruck gewinnen, da will eine ganze Branche kollektiv und freiwillig ins Wasser gehen.

Sie können sich ja richtig aufregen. Beschränkt sich Ihr missionarischer Eifer nur auf Sonntage?
Nun lassen wir das mal mit den christlichen Verweisen. Ich finde, wo sich öffentlich-rechtliche Sender aus der Kultur verabschieden oder die Literatur nur mehr als Feigenblatt benutzen, wo Tageszeitungen ihre Literaturbesprechungen in irgendwelchen dubiosen Beilagen zwischen Topfpflanzenpflege und Küchenrezepten verstecken, ist es höchste Zeit hellwach zu sein und mit Antworten zu kommen. Und eine mögliche Antwort lautet: Internet! Hier gibt es keine allmächtigen Intendanten. Keine verhindernden Programmschemata. Ich will nicht übertreiben, aber eine Forderung wie die, dass alle Kulturrezeption ins Internet gehört, erscheint mir nicht mehr abwegig. Fernsehen in seiner bekannten Form ist eh ein Auslaufmodell, dass wissen die Herren dort doch selbst, siehe Staatsvertrag.

Ist das Ihre Stellungnahme zum Rauswurf der Kritik-Päpstin Elke Heidenreich?
Überhaupt nicht. Elke Heidenreich ist eine Gefährtin der ersten Stunde, eine aufrechte Kämpferin fürs Buch, ihr gilt meine ganze Achtung. Aber es geht nicht um sie, es geht um das Verhalten des Fernsehens. Schieben wir das ganze Ballyihoo mal auf Seite, was bleibt dann?

Nun?
Das Fernsehen hat die erstbeste Gelegenheit ergriffen, aus einer weiteren Sendung, die die absurden Quotenvorgaben nicht erreicht, auszusteigen. Und jetzt kriegen die doch tatsächlich auch noch Applaus von ein paar Verwirrten. Hätten sie Elke nämlich erst am Ende des Jahres gekündigt, wäre ein Aufschrei durch die Republik gegangen.

Sie meinen, Frau Heidenreich hat es ihnen erleichtert?
Leider ja. Dass diese Deppen, und scheinbar auch unsere Gesellschaft, keine offen ausgetragenen Diskussionen mehr erträgt, ist dennoch sehr schlecht für eine Demokratie.

Zurück zu ihnen und der litCOLOGNE. Sie wollen also Fernsehen sein, und Festival und Marketinginstrument für ein Medium. Bevor ich doch wieder aufs Geld komme, wie haben wir uns denn dieses Portal vorzustellen?
Zwei kurze Antworten. Zum ersten: über allem könnte stehen: All about books. Es wird Rezensionen geben…

Sie haben dafür Leute eingestellt?
Ja, haben wir. Gute Leute, anständige Bezahlung und ordentlich Spaß bei der Arbeit. Zurück zum Text. Die Rezensionen verfasst die Redaktion aber natürlich auch Gäste. Das ist ja gutes altes lit.COLOGNE Prinzip. Und sie können sich vorstellen, dass wir nach acht Jahren Festival gute Kontakte zu Autoren, Schauspielern, Politikern haben. Wir haben nicht die geringsten Hemmungen, prominente als Lokomotiven einzusetzen, das Buch braucht jede Unterstützung, aber am Ende geht es, wie beim Festival, um die Texte. Also: All about books. Kolumnen, Filme, Spielchen, News, und Menschen. Mehr wird hier nicht verraten.

Welche Rolle spielen die Verlage in ihrem Konzept?
Eine sehr große. Sehen sie, den Verlagen bricht doch jede Einflussnahme weg. Der Markt hat sich gedreht, aus einem Produzenten gesteuerten Markt, der es noch bis in die 90er Jahre war ist ein brutaler Nachfragemarkt geworden. Soweit, so normal. Aber die Verlage haben immer weniger Möglichkeiten, mit dem Endverbraucher in Kontakt zu treten. Die Folge: Immer weniger Titel schaffen den Durchbruch, das Mittelfeld kollabiert, kurzum die Kalkulation gerät aus dem Gleichgewicht.

Das wollen Sie auch noch retten?
Ist doch alles das gleiche, man muss nur in Zusammenhängen denken…

Danke.
Sehr gern. Aber natürlich kann man über ein solches Medium den Endkunden direkt abholen. Besonders wenn es ein unabhängiges ist. Wir geben den Verlagen die Möglichkeit, ihre Vorschauen einzustellen und zwar möglichst direkt bei Erscheinen. Es geht viel zu viel Wissen aus den Verlagen auf der Strecke zum Kunden verloren. Da sollte man ansetzen. Dann werden wir ein Tool haben, in dem alle Veranstaltungen rund ums Buch eingetragen werden können – alles natürlich kostenfrei. Wir werden in diesen Tagen aktiv auf die Verlage zugehen, man kann mich aber auch direkt anrufen. Wir müssen schnell und konzertiert handeln. Und dann arbeiten wir noch mit unserem langjährigen Partner, dem Westdeutschen Rundfunk, zusammen und von dem bekommen wir eine Menge Besprechungen in Film und Ton… Jetzt verrate ich doch wieder mehr, als ich wollte.

Nur zu.
Nee. Stellen Sie ne Frage.

Wer zahlt die Zeche?
Wir finanzieren uns über Werbeeinnahmen, ganz klar. Aber die Werbung auf dem Portal ist eben extrem Zielgruppengerecht für die Verlage. Übrigens gibt es auch viele andere Branchen, die sich gerne in diesem Umfeld aufhalten. Und dann kann man bei uns, nachdem man sich über alles informiert hat, die Bücher auch noch kaufen, als zusätzlicher Service sozusagen und damit niemand auf dem Weg vom Computer in die Stadt dem Buch verloren geht.

Wie jetzt? Verkaufen auch noch? Wo kommen die Bücher her?
Von Libri. Das Verkaufen ist ein Service. Wir sind nicht in erster Linie ein Verkaufsportal, aber eben auch. Sie werden nicht auf der ersten Seite einen Einkaufswagen sehen. Erstmal nur die spannende Welt der Bücher in all ihren Facetten. Aber, all about books, hey, da gehört die Möglichkeit Bücher zu kaufen letztlich auch dazu. Und eine gewisse Erfahrung in diesem Bereich wollen sie mir wohl zugestehen, oder?

Durchaus, durchaus. Spannend. Klingt irgendwie wie eine gute alte Buchhandlung, wenn man alles zusammennimmt. Täuscht der Eindruck?
Ansichtssache. Wir setzen auf Empfehlungen. Sehen sie, warum funktionieren Elke Heidenreich und Christine Westermann so gut, warum bringt die Besprechung in der Brigitte bessere Zahlen, als eine in der Zeit? Es ist ganz einfach. Die genannten Damen übernehmen den Part der „besten Freundin“. Sie empfehlen eher, als sie kritisieren und sie verfügen beim Publikum über eine große Glaubwürdigkeit. Und das tut die lit.COLOGNE eben auch. Jetzt werden wir diese Glaubwürdigkeit eben das ganze Jahr über einsetzen. Wir machen Werbung fürs Buch und alle sind aufgerufen, sich einzubringen. Es bleibt dabei: Man kann ohne Bücher überleben, aber was für ein erbärmliches Leben wäre das?

Da könnten Sie Recht haben.

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