Hirmer - Verleger Thomas Zuhr zur Renaissance des Kunstbuches: „Es bleibt mehr Zeit für die Muße mit dem Kunstbuch“

Kunden haben keine Scheu vor hochpreisigen Büchern, jetzt im Weihnachtsgeschäft schon gar nicht. Verhagelt aber Corona den Verlagen die spürbare Renaissance auch für das Kunstbuch? Das war für unser heutiges Sonntagsgespräch der Anlass für Fragen an Hirmer-Verleger Thomas Zuhr

Thomas Zuhr: „Bei Büchern ohne Ausstellung würden wir uns mehr Engagement im Handel wünschen, denn der Markt im Museum oder während der Ausstellung ist ja eingestellt. Der oft zitierte Wettbewerb mit dem Verkauf im Museumsshop neben der Ausstellung ist aktuell ja nicht existent“

BuchMarkt: Sind auch Ihre Umsätze im Hirmer Verlag dem Branchentrend folgend stabil?

Thomas Zuhr: Laut Media Control haben wir bei Hirmer wenig zu klagen, aber das ist leider nur die halbe Wahrheit.

Warum? Welche Umsätze fehlen Ihnen denn ?

Besonders die wichtige Säule der Museumsshops fehlt, sie werden jetzt binnen weniger Monaten einem weiteren Stresstest ausgesetzt. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, auch die Sommermonate waren arm an Touristen, und somit war zu wenig Bewegung in den Museen und damit zwangsweise in den Shops.

Aber Sie haben in Ihrer Warengruppe trotzdem Bestseller?

Ja, wenn wir die echten Kunstbücher rausfischen und die aktuelle Fotografie etwas zurückstellen dürfen, dann haben uns die Fantastischen Frauen von Ingrid Pfeiffer in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle in Frankfurt sehr erfolgreich durch das Jahr getragen. Unsere vorsichtigen Planzahlen haben sich, wenn auch etwas zeitversetzt, für diesen Titel voll und ganz erfüllt.

Wie kann das sein trotz Shut Down im Museum?

Ja, das hat uns auch etwas überrascht, aber solche Besteller schaffen es in den anderen Vertriebswegen zu den Kunden. Und da spüren wir  die Unterstützung durch den stationären Buchhandel

Wurden viele Ausstellungskataloge storniert, weil auch die Ausstellung verschoben oder geparkt wurde?

Im Gegenteil, wir hatten sehr wenige echte Stornos, einen Großteil der geplanten Kataloge mussten wir aber verschieben, wenige Monate, ein Semester oder gleich bis zu zwei Jahre. Damit wurde die Herbstvorschau im April quasi zwei mal gestaltet. Wir hatten das Glück, dass sich noch im laufenden Jahr Alternativtitel zur Umsetzung für diesen Herbst ergaben.

Spüren Sie aber die direkte Auswirkungen auf eine Gesellschaft ohne Ausstellung?

Diese extreme Einschränkung durch die Schließung der Museen und die Absage unzähliger Wechselausstellungen ist sicherlich noch gar nicht vollständig zu bewerten. Und schon gar nicht welche Verluste, welche Reduzierungen und Leere hier verkraftet werden müssen.

Sind Kunstkataloge, Kunstbücher nicht eine Alternative zu diesem Vakuum?

Als Kunstbuchverleger würde man gerne Trost spenden und melden, trotz Schließung der Ausstellung gibt es über den Buchhandel einen wunderbaren Ausstellungskatalog in bester Qualität zu beziehen.

Hier haben Sie die Gelegenheit, als nachträgliches Geburtstagsgeschenk fürSie persönlich. Welche Titel wären hier für den Hirmer Verlag zu nennen?

Aktuell haben wir Xenia Hausner mit der Albertina vorverlegt, die Ausstellung kommt hoffentlich im Frühjahr. Und gerade gehen die Kataloge zu Defregger, Raffael und Veit Stoss in Druck, alles Titel noch für den Dezember 2020, ob die Ausstellungen dazu noch im Dezember Besucher haben werden, ist mehr als fraglich. Die Bücher dazu werden erscheinen!

Einschränkungen gab es ja schon im Frühjahr …

Ja, ab März mussten Ausstellungen zu Hockney in Hamburg, Frida Kahlo in San Francisco oder die Neueröffnung der Albertina Modern in Wien schließen, unsere begleitenden Kataloge wurden aber im Buchhandel pünktlich ausgeliefert und weiter verkauft.

Leidet die Qualität einer Publikation nicht unter all diesen Einschränkungen?

Aktuelle Qualitätseinbußen im Kunstkatalog kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil, durch die zunehmende Digitalisierung in der Kommunikation ist ein sehr effektives Arbeiten über weite Distanzen, ja über ganz Kontinente garantiert. Hinzu kommt die seit Jahren steigende Qualität in Reproduktion und Druckindustrie, wir konnten Kunst noch nie in solch hoher Qualität reproduzieren. Übrigens zu konstanten Ladenpreisen, die seit über 15 Jahren nahezu gleich liegen.

Wer kauft denn Bücher ohne Ausstellung?

Das ist eine gute Frage, hier würden wir uns mehr Engagement im Handel wünschen, denn der Markt im Museum oder während der Ausstellung ist ja eingestellt. Der oft zitierte Wettbewerb mit dem Verkauf im Museumsshop neben der Ausstellung ist aktuell ja nicht existent.

Eine Chance für den stationären Handel?

Genau hier könnten die BuchhändlerInnen sich in einem attraktiven Feld etablieren, die Ladenpreise für unser Kunstbücher sind sehr fair und würden den Kunden gerade in Zeiten der freiwilligen Quarantäne viele neue Einblicke in die Kunst ermöglichen. Sicherlich sehr willkommen nach vielen Schichten im home office und Seriennächten in den Mediatheken. Zudem sind die Kulturangebote um Musik, Theater und Kino ja komplett ausgeblendet, es bleibt mehr Zeit für die Muße mit dem Kunstbuch.

Zum Schluss: Ihre persönliche Empfehlung als Weihnachtsgeschenk?

Als gebürtiger Oberbayer fällt mir das leicht, ich empfehle: Votivgaben – Wachs zwischen Himmel und Erde. Von Hans Hipp. Ein vergessenes Kapitel unserer Kulturgeschichte mit wunderbaren Fotografien von Anton Brandl.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.