Heinold fragte im Juli nach: Reclam, Stuttgart

Anton Philipp Reclam (1807-1896) erwarb im Jahre 1828 das in Leipzig in der Grimmaischen Straße ansässige „Literarische Museum“, eine Leihbibliothek mit neuester deutscher, französischer, englischer und italienischer Literatur samt angeschlossenem „Journalistikum“, einem Lesesaal für Zeitungen und Zeitschriften.

Im gleichen Jahr schloss er einen „Verlag des Literarischen Museums“ an. Reclam stamme aus einer evangelisch-reformierten Hugenottenfamilie. Er erlernte den Buchhandel bei seinem Onkel Friedrich Vieweg in Braunschweig, der die Schulbuchhandlung von Joachim Heinrich Campe weiterführte. Sein Vater betrieb in Leipzig eine Buchhandlung und einen Verlag. Als Anton Philipp im Jahre 1837 das „Literarische Museum“ verkaufte und dessen Verlagszweig unter Philipp Reclam jun. weiterführte, wählte er diese Firmenbezeichnung vermutlich, um Verwechslungen mit dem Unternehmen seines Vaters zu vermeiden.

1844 rief er eine „Unterhaltungsbibliothek für die gebildete Lesewelt“ ins Leben und veröffentlichte darin populäre Literatur zu günstigen Preisen. Sein eigentlicher Geniestreich aber war die Gründung von „Reclams Universal-Bibliothek“ im Jahre 1867. In diesem Jahr trat im Deutschen Bund eine Regelung in Kraft, die dem Werk deutscher Autoren nach ihrem Tod eine Schutzfrist von 30 Jahren garantierte. Das schob illegalen Nachdrucken einen Riegel vor. Schlagartig waren damit aber auch die wichtigsten Werke der deutschen Klassiker wie Lessing, Schiller und Goethe gemeinfrei geworden. (Anmerkung: Diese Schutzfrist wurde 1934 auf 50 Jahre, 1968 auf 70 Jahre verlängert).

In ihrer „Universal-Bibliothek“ verbanden der Verleger und dessen Sohn Hans Heinrich Reclam (1840 – 1920), der 1863 in die Firma eintrat und 1868 Teilhaber wurde, Bändchen von literarischer Hochqualität mit einer Mischung gut gängiger, lukrativer Titel, beides zu niedrigsten Preisen. Als Band 1 der Reihe erschien „Faust – Eine Tragödie. Erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe. Die UB wurde zu einem der Glanzlichter der deutschen Verlagsgeschichte. Neben der Universalbibliothek brachte Reclam zu dieser Zeit gebundene Klassikerausgaben und sonstige Veröffentlichungen, z. B. ein Lehrbuch des Schachspiels, heraus.

In späteren Jahren förderte der Verlag den Erfolg der bestens auf dem Markt eingeführten Reihe durch revolutionäre Marketingideen wie Platz sparende, auseinanderklappbare Reclam-Schränke (1911), den Verkauf per Automaten (1912) und eine „Tragbare Feldbücherei“ (1914).

1944 wurde das imposante Firmengebäude in Leipzigs „Grafischem Viertel“ zu mehr als einem Drittel durch Bombenangriffe zerstört. Das Hauptlager der UB fiel Brandbomben zum Opfer. Die Druckerei blieb relativ unversehrt, wurde aber 1946 im Rahmen der Reparationsleistungen an die Sowjetunion weitgehend demontiert.

Ebenfalls im Jahr 1946 erteilte die Sowjetische Militärverwaltung die Lizenz zur Wiederaufnahme der Verlagstätigkeit. Mit Lizenz der amerikanischen Militärregierung wurde 1947 in Stuttgart die Reclam Verlag GmbH gegründet. Die beiden Häuser in Leipzig und Stuttgart wurden durch einen Lizenzvertrag miteinander verbunden. 1948 folgte die Lizenz der französischen Militärregierung für eine Zweigstelle in Baden-Baden.

Das Ausweichlager Passau des in Leipzig verbliebenen Verlages wurde 1949 zu dessen selbstständiger Zweigniederlassung und 1954 zum Hauptsitz der Firma Philipp Reclam jun. erklärt und im gleichen Jahr von Passau nach Stuttgart verlegt. Die dort ansässige Reclam Verlag GmbH wurde 1958 in die Stammfirma integriert.

1962 wurden „Reclam“ und „Universal-Bibliothek“ in die Warenzeichenrolle des Münchner Patentamtes eingetragen und für das Stuttgarter Haus geschützt. Zwischen 1979 und 1981 zogen Verlag und Druckerei nach Ditzingen bei Stuttgart, wo sich die Betriebsstätte bis heute befindet. Handelsrechtlicher Sitz des Unternehmens ist Stuttgart.

1963 wurde der in Leipzig verbliebene Verlag vom dortigen polygrafischen Betrieb handelsrechtlich abgetrennt. Der Aufbau Verlag trat als staatlicher Gesellschafter ein. Die Druckerei kam zum Kombinat Interdruck. Nach der Wiedervereinigung gelangte der Leipziger Verlag wieder in den Besitz der Familie Reclam und wurde als Zweigstelle mit selbstständiger Produktion weitergeführt, diese aber im Jahre 2006 geschlossen.

Das Programm des Verlages gliedert sich gegenwärtig in folgende Bereiche:

Universal-Bibliothek – Textausgaben
Universal-Bibliothek – Philosophie, Sachbücher, Literaturgeschichte, Lektürehilfen
Reclam Hardcover
Reclam Taschenbuch

Dem Buchhandel werden die Programmteile in einer gemeinsamen Novitätenvorschau präsentiert.

Aktuelle Veröffentlichungen zur Verlagsgeschichte:

Der Reclam Verlag. Eine kurze Chronik. 2012. Reclam Bestell-Nr. 901828.
Die Welt in Gelb. Zur Neugestaltung der Universal-Bibliothek 2012. ISBN 978-3-15-902012-9. Siehe dazu auch: Michael Lemsters Interview „Freitags um fünf“ vom 23. 03. 2012: Karl-Heinz Fallbacher: macht Gelb allein doch nicht glücklich? (BuchMarkt online).

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