Die KrimiZeit-Bestenliste November – hier zum Ausdrucken

An der Spitze der KrimiZEIT-Bestenliste November 2015 finden Sie neu auf Platz 1: Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas (original 2015: Temps glaciaires)

Vier Jahre nach ihrem letzten Roman um Kommissar Adamsberg und seine Brigade Criminelle – Die Nacht des Zorns – ist die erfolgreichste Autorin (erst recht: Krimi-Autorin) Frankreichs wieder ermittelnd, konstruierend und phantasierend unterwegs. Diesmal ist die 1957 geborene Pariserin auf den Spuren der französischen Revolution: Bei den Leichen zweier vorgeblicher Selbstmörder wird das Symbol einer Guillotine gefunden. Dieser Hinweis auf eine Gesellschaft von Revolutionsforschern, die Werk und Leben Maximilien Robespierres in lebenden Bildern, geheim und kostümiert nachstellen, kreuzt sich mit einer sehr fremden anderen Spur. Beinahe kommt es zur Palastrevolte im 13.

Arrondissement, weil Adamsberg seiner Nase auf eine Insel am Polarkreis folgt, wo ein Afturganga (isländisch für Wiedergänger) im Nebel auf ihn wartet. Konziser noch als in früheren Romanen gelingt Vargas die Verknüpfung anscheinend disparater Handlungsstränge zur einer Großmetapher, in der die Energien von Revolte und Revolution gebunden sind. Die „Eiszeiten“ des französischen Titels kollidieren mit dem Humanfeuer der Empörung.

„So wie Commissaire Adamsberg, das Genie der Intuition, mit all seinen Spleens in die Reihe der unvergesslichen Detektive gehört, so unverwechselbar ist Madame Vargas mit ihrer Kombination von Alltagsrealismus und skurriler, fast surrealistischer Phantasie. Was bei Queen Agatha ein hoch kompliziertes, aber trockenes Mordrätsel war, das veredelt ihre Nachfolgerin mit jener Mischung von Intelligenz, Ironie und Amüsement, die auf gut Französisch ‚esprit‘ heißt und im Krimi so selten ist wie im Leben. Prickelnder Lesegenuss, Champagnerlektüre: ‚Vive la reine!‘“ (Jochen Vogt)
„In der Erfindung herrlicher Spleens wie auch versponnener Wendungen kann kaum ein Autor Fred Vargas das Wasser reichen. Sie schickt einen in einen tiefen, dunklen, wunderbar spannenden Wald, wo hinterm Baum Danton ebenso hervorspringen kann wie ein Eber namens Marc.“ (Sylvia Staude)

Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste November finden Sie noch weitere drei Titel; zwei deutsche und einen amerikanischen:
Auf Platz 7: Im weißen Kreis von Oliver Bottini
Auch Oliver Bottini (*1965) hat sich einige Jahre Zeit gelassen, bis er zu seiner Kommissarin Louise Bonì zurückkehrte: 2010 war von ihr zuletzt zu lesen, inzwischen hat die alkoholkranke Einzelgängerin in Melika Foroutan ein TV-Gesicht bekommen, jetzt ist sie auch literarisch wieder da. Bottini hat ein Gespür für üble Gerüche: Das bevorstehende „Sommermärchen“ der Fußball-WM hängt wie drohendes Gewitter über Freiburg, als Louise und ihre Kollegen auf wilde Waldschrate, den Ku-Klux-Klan und ein Nazi-Netzwerk stoßen, das ein Attentat plant. Bottini transponiert zwei reale Ebenen in sein düsteres Unsittenbild aus dem Dreiländereck. Die Verbindungen zwischen dem Nazi-Sumpf NSU und dem Verfassungsschutz, die bisher nicht im NSU-Prozess aufgeklärt werden konnten, bekommen bei Bottini rückwirkend literarisch plausible Kontur, anstelle der juristischen Evidenz, die wohl für ewig am Mauern der Verfassungs-„Schützer“ scheitern wird. Diesen Strang verknüpft Bottini mit den „ethnografischen Sammlungen“ der Uni Freiburg, in denen Köpfe und Gebeine afrikanischer Kolonialuntertanen des deutschen Kaiserreichs zwecks ehemals rassenpolitischer Naturforschung aufbewahrt werden. Um die Rückforderung dieser Gebeine hat schon Bernhard Jaumann spannend-aufklärerisches Garn in Der lange Schatten (2015) gestrickt. Bottini rückt nun den traurigen Ruander Kabungu ins Zentrum denkbarer – wahrscheinlicher, anzunehmender – Anschläge der rassistischen Kluxer, die, wie im wahren Leben, unter anderem ihre Mitglieder unter den Freunden und Helfern rekrutieren. Wo die Justiz versagt, muss die Literatur erst recht nachstechen.
„Es gibt irrsinnige Szenen. Man lernt die Dämonie neufaschistischer Umtriebe und von Daliah Lavis legendär schrecklichem Lied ‚Willst du mit mir gehen‘. Alles ist zu viel. Alles fügt sich gut. Ein ganz schweres, ganz leichtes Buch.“ (Elmar Krekeler)

Auf Platz 8: Am Ende einer Welt von Dennis Lehane (original 2015: World Gone By)
1942/1943: Die Vereinigten Staaten sind im Krieg, und die Geschäfte müssten prima laufen für die Mafia in Florida und ihren Consigliere Joe Coughlin. Ihm geht es gut: Sein Sohn wächst und gedeiht, der Witwer hat mit der Frau des Bürgermeisters eine neue Liebe gefunden. Da verrät ihm eine Auftragsmörderin, er solle umgebracht werden. Dennis Lehane (*1965) erzählt im dritten Band seiner Coughlin-Reihe melancholisch vom Untergang einer Ritterlichkeit, die in Mafiakreisen damals noch herrschte. Der Krieg als Vater der modernen Organisierten Kriminalität.

Auf Platz 10: Der Arm des Kraken von Christoph Peters
Christoph Peters (*1966) führt hier, genauer im vietnamesischen Food-Milieu Berlins, seine Leidenschaft für japanische Kultur (als Gegenspiel und Spiegel der westlichen) auf das Gleis der Kriminalliteratur. Seinen clash of civilisations inszeniert er in parallelen Erzählsträngen, die sich nicht ganz im Unendlichen, sondern kurz vor Romanende treffen. Hier der schwertscharf agierende Yakuza-Gangster, der den Tod eines Untergebenen mit einem Blutbad rächt, dort die verpeilte, vor sich hin quasselnde, von Bürokratie und Gesetz gelähmte deutsche Kommissarin – die Karikaturen beider Welten. Es unterliegt die schwächere – und da liegt der Hase im Pfeffer: Was ist stark und was ist schwach?

Unsere Dauerchampions: Zum vierten Mal (!) steht Friedrich Ani mit Der namenlose Tag auf der KrimiZEIT-Bestenliste.

Die KrimiZEIT-Bestenliste November wird am 5. 11.2015 in der Wochenzeitung DIE ZEIT in einem Krimi-Spezial, auf ZEITonline unter www.zeit.de/krimizeit-bestenliste und im Nordwestradio veröffentlicht, am Donnerstag, den 5.11.2015 gegen 9.20 live mit Tobias Gohlis und in den Sendungen der „Buchpiloten“, nachzuhören unter www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/krimizeit/bestenliste100.html

Hier können Sie die KrimiZEIT-Bestenliste November 2015 aus der Wochenzeitung DIE ZEIT downloaden: download(11-KrimiZEIT_Bestenliste_November_2015.pdf) und als Plakat ausdrucken.

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