Die KrimiBestenliste diesmal im Doppelpack: Die zehn besten Krimis des Jahres 2010 / Die besten Krimis im Februar

Die Jury der KrimiBestenliste von Arte und NordwestRadio hat die vergangene Weihnachtszeit wie immer genutzt, um die zehn besten Krimis des Jahres zu wählen: An die Spitze hat es Don Winslow geschafft, Liebeskind ist mit drei Titeln dabei. Auch die Februar-Favoriten stehen fest, Elmore Leonard belegt nächsten Monat Platz eins.

Hier die komplette Liste der besten Krimis 2010:

1. Don Winslow: Tage der Toten. Suhrkamp
USA/Mexiko/Mittelamerika: Dreißig Jahre Drogenkrieg, Antikommunismus, Mord, Folter, Armut und imperiale Gewalt. Don Winslows Epos um US-Drogenfahnder Art Keller und seine keineswegs private Fehde mit den Barreras aus Guadalajara ist das „Krieg und Frieden“ unserer Tage. Epochal, grandios, erschütternd.

2. Richard Price: Cash. S. Fischer
Lower East Side, Manhattan: Mit Ultra-Dokumentar-Seelen-Kamera viviseziert Price alle Handlungs- und Beziehungsimplikationen eines irgendwie systemischen Totschlags, scharf, unscharf und aus der Totale. Keiner ist böse. Alles geschieht. Niemand versteht es. Tod als Anlass, weiterzumachen wie bisher.

3. Dominique Manotti: Letzte Schicht. ariadne im Argumentverlag
Pondange, Lothringen/Warschau/Paris: Ein Betriebsunfall, eine Fabrikbesetzung. Arbeiter geraten an Material, das die Fusion zweier Wirtschaftsgiganten beeinflussen und die Regierung stürzen könnte. Manotti ist eine Klasse für sich: lebensnah, realistisch, vertrackt. Der Krieg der Konzerne in den kleinen Städten. Solitär.

4. Pete Dexter: God’s Pocket. Liebeskind
God’s Pocket, Philadelphia: In seinem Debütroman von 1983 enthält sich Pete Dexter jeder Erklärung. Gewalt geschieht, etwas geschieht immer. Antimetaphysisch, grotesk erzählt er aus dem Pandämonium einer amerikanischen Vorstadt von Bauarbeitern, Fleischschmugglern, Kleingangstern, Träumern. Furios.

5. James Ellroy: Blut will fließen. Ullstein
Los Angeles/Las Vegas/Washington: Drei Männer auf der Jagd nach der Beute aus einem Raubüberfall. Zwei rote Göttinnen. Dazu Kokser, Rassisten, FBI, Hetzjagden, Counterinsurgency. Ellroys Abschluss der US-Unterwelt-Trilogie: Monumental-Cluster alles Bösen der Jahre 68-72. Inkommensurabel, wütend kalt gehämmert.

6. Josh Bazell: Schneller als der Tod. S. Fischer
New York: Pietro Brwna heißt im Zeugenschutz Dr. Peter Brown und trotzt jetzt als Arzt dem Tod im Krankenhaus. Vergeblich. Das liegt am verluderten System und an seiner Vorgeschichte als Auftragskiller. Zum Brüllen intelligent: Bazell massakriert Medizin und Mafia. Viel besser als Koks. Macht schneller süchtig. Flitzer des Jahres.

7. David Peace: Tokio, besetzte Stadt. Liebeskind
Tokio 1948: Als Amtsarzt, vorgeblich im Auftrag der US-Besatzungsbehörden, impft er die Angestellten einer Bank: von 16 Vergifteten überleben vier. Nach Polizeifolter geständig verurteilt: Aquarellmaler Hirasawa. Peace auf neuem Weg: Zwölf Zeugen, zwölf Wahrheiten über Kriegs- und Nachkriegsverbrechen, Biologische Waffen, Besatzung. Meisterhaft. Nach einem wahren, ungelösten Fall.

8. Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers. Metro im Unionsverlag
Accra/Sonokrom: Yaw Poku, traditioneller Jäger, und Kayo, in England ausgebildeter Tatortanalytiker. Zwei Ermittler, zwei Kulturen, zwei Lösungen. Ohne die Mätresse des Ministers wäre im Dorf Sonokrom nur ein Stück Fleisch vergammelt, jetzt ist es Mord im unzivilisierten Hinterland Ghanas. Satirisch, poetisch, ein Kleinod.

9. Roger Smith: Blutiges Erwachen. Tropen bei Klett-Cotta
Kapstadt: Am Strand schnitzt ein Serienkiller an Blondinen. Zwei Tik-Junkies überfallen Waffenhändler Joe. Roxy durchlöchert ihren Mann. Ex-Bulle Billy hat Schuldgefühle. Gangster Piper will schlitzen, was sich regt, und seinen Lover lebenslang. Kapstadt als Rassenkampf-Gierstadt: Smith splattert, trasht und junkt, dass es kracht.

10. Thomas Willmann: Das finstere Tal. Liebeskind
Deutsches Gebirgstal/Wilder Westen: Greider dringt in das abgelegene Hochtal vor, wo die Brenners mächtig sind. Den Winter übermalt er ein Gruppenbild. Am Ende werden alle Porträtierten tot sein. Eine Gewaltgeschichte – jedes Komma 19. Jahrhundert. Alpin-Western und Blutheimat-Roman. Tolles Stück, wildes Debüt.

Bei der Februar-Wahl hat Elmore Leonard den Sprung an die Spitze geschafft, die komplette KrimiBestenliste für nächsten Monat lautet wie folgt:

1. (-) Elmore Leonard: Road Dogs. Eichborn
Miami/Los Angeles: Im Knast von Miami waren Bankräuber Foley (George Clooney in „Out of Sight”) und Dealer Cundo Rey Kumpel: Road Dogs. Draußen in Los Angeles wird die Freundschaft getestet. Von den Umständen. Und von Cundos Frau. Wer überlebt? Der am schnellsten redet und denkt. Super.

2. (3) Ken Bruen: London Boulevard. Suhrkamp
London: Ex-Knacki Mitchell bekämpft sich, den Alkohol und Gangster Gant. Sein schlimmster Feind ist die Sentimentalität. Er kann nicht Nein sagen. Also sagt er Ja zum Leben, verliebt sich, beschläft eine Filmdiva und geht fast drauf. Ultra-Noir-Pastiche von „Boulevard der Dämmerung.“ Hart, schnell, intertextuell.

3. (1) John le Carré: Verräter wie wir. Ullstein
Antigua/London/Paris/Schweiz: Warum sollten Perry und Freundin Gail dem von Feinden umstellten russischen Bankier Dima nicht unter die Arme greifen? Le Carré als Altmeister der Verführung: tragische Verstrickungskomödie um zornige Geheimdienstler, Romantiker jeden Alters und Finanzkrisen-Amoral. Superb!

4. (2) Åke Edwardson: Der letzte Winter. Ullstein
Göteborg/Nueva Andalucia: Ein toter Mann treibt an Kommissar Winters Strand, Männer wachen neben Leichen auf. Albträume, Mysterien. Winter und seine Leute: irritiert, versponnen, verstört, fixiert. Verweise führen in die Vergangenheit, Erklärungen erklären nichts. Sehr stark. Edwardson auf der Höhe seiner Kunst.

5. (10) James Sallis: Dunkle Vergeltung. Heyne
Im Hinterwald des US-Südens: Turner, Ex-Therapeut und Ex-Cop, jetzt Deputy, entdeckt im Kofferraum eines Rasers 200.000 Dollar Mafia-Geld. Darum geht es Sallis im zweiten Turner-Roman am Rande auch. Zwischen Jetzt und Erinnerungen begreift Turner: „Wir verstehen so wenig von allem.“ Sehr hart, sehr fein.

6. (5) Tana French: Sterbenskalt. Scherz
Dublin: Vor 22 Jahren hat Rosie das Date mit Frank verpasst. Jetzt ist ihre Leiche aufgetaucht. Frank, inzwischen Detective, buddelt nach dem Mörder im Schlamm der Familie, die er damals verlassen hat. Alk, Prügel, Lügen, Angst – die irische Unterschichtscheiße. 90 Prozent Familienroman. Der Rest ist Krimi.

7. (8) Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch. Haymon
Wien: Gourmetkritiker Xaver Ypp vermisst den zweitbesten Koch der Welt. Wie es das Glück, zwischen Essay und Spitzenkimi schwankend, will: Ypp findet ihn nach etlichen gastronomisch-erotischen Abenteuern eingelocht im Käfig. Er wollte Pandas verkochen – und wenn die globalisierte Welt in Schnitzel fällt. Hmm!

8. (-) Francisco González Ledesma: Gott wartet an der nächsten Ecke. Ehrenwirth
Barcelona/Madrid/Ägypten: „Eine miese, eine wunderschöne Geschichte.“ Inspektor Méndez stolpert über eine Kinderleiche, verlässt Barcelonas Barrio Chino, ermittelt in Madrid und am Nil unter Blinden, Schwerreichen und Attentätern. Abgeklärtes Wunderstück aus dem Geist katalanischer Romantik.

9. (-) Martin Suter: Allmen und die Libellen. Diogenes
Bankstadt in der Schweiz: Gäbe es diese Existenzform noch, würde man den Hochstapler und Dandy Johann Friedrich von Allmen einen Wechselreiter nennen, obwohl er sogar dazu zu lethargisch wäre. Per Beischlafdiebstahl klaut er fünf Jugendstillibellen und hehlt sie der Polizei zurück. Ein PI für müde Snobs.

10. (-) Michael Koryta: Blutige Schuld. Knaur
Tomahawk, Wisconsin: Als Frank Temple III. erfährt, dass Gangster Devin nach Wisconsin kommt, heißt es: Nichts wie hin. Doch die geplante Rache für seinen Vater fällt anders aus als er gedacht hat. In der Wildnis der Wälder geraten Pläne ins Wanken. Schlichte, klare Sache: Männer, Frauen, Kampf. Rau und direkt.

Die Jury:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt; Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt; Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR; Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung; Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, Stuttgart, SWR; Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen; Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung; Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR; Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38; Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR; Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau; Jochen Vogt, Kleinich, Elder Critic, NRZ, WAZ; Hendrik Werner, Bremen, Weser-Kurier; Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

Die KrimiBestenliste wird heute auch in den Literatursendungen des NordwestRadios und unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.

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