Die zehn besten Krimis im Dezember / David Peace neu auf Platz 1

Auf den ersten drei Plätzen stehen David Peace, Wolf Haas und Linus Reichlin. Neu hinzugekommen sind vier Romane.

Don Winslows Frankie Machine (Suhrkamp) ist der zweite hierzulande veröffentlichte Krimi aus San Diego. Pacific Private, mit dem Surfer und Privatdetektiv Daniel Boone, stand von Juni bis August auf der Bestenliste 2009. Frankie Machine ist die Geschichte des Kampfes eines alternden Mafioso mit der nachwachsenden Rüpelgeneration. Ein Hauch von Neopren und Räucherstäbchen weht herüber.
Heinrich Steinfests Gewitter über Pluto (Piper) ist ein Fabuliergewitter. In die brave Wiener Idylle eines Strickwarenladens, der von einem Pornodarsteller im Ruhestand betrieben wird, dringt ein räuberischer Alien, der einen, nein: den Archaeopteryx von Solnhofen klauen muss, um seinen Heimatplaneten zu retten. Einer der Höhepunkte dieses selbstreflexiven Werks ist der Entschluss zweier Figuren, durch eigene Anstrengung zu verhindern, dass sie in einem schlechten Roman enden.
Gerard Donovans Winter in Maine (Luchterhand) ist vom Guardian zum Buch des Jahres 2008 gekürt worden, wohl weil man einem Mann, der in einer Waldhütte voller Bücher lebt und seinen Sprachschatz mit Shakespeare erweitert, nachsehen kann, dass er alle Männer niederschießt, die sein Revier betreten. Julius Winsome – so heißt der Ich-Erzähler und düstere Held – ein Hannibal Lecter im Melancholikerhemd.
William Boyds Einfache Gewitter (Berlin Verlag) ist ein Buch über den Zufall, und wie er mit den Menschen spielt. Ihm geht das Selbstreflexive von Steinfests Figuren gänzlich ab, weshalb man es bestenfalls als Märchen lesen kann. (Jurysprecher Tobias Gohlis)

Hier die komplette Liste für Dezember:

1. (3) David Peace: Tokio im Jahr Null. Liebeskind
Tokio 1946: In den Trümmern der Stadt liegen zwischen Kriegsleichen die Opfer eines Frauenschänders. Erniedrigte Polizisten, demütigende Alliierte. Entmenschlichung? Menschenleben. Volume 1 von 3 schwarzen Gesängen aus Tokio. Erschütternd. Kein Spaß. Ein wahrer Fall. Große Literatur.

2. (1) Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. Hoffmann und Campe
Wien/Kitzbühel: Brenner hat den sechsten Krimi überlebt, nun also der siebte. Der Ex-Polizist und Ex-Detektiv ist Chauffeur und kriegt sein Mündelkind entführt. Vom lieben Gott vielleicht, zur Strafe für Mama Doktors Abtreibungsklinik. Simon sucht Helena – und findet Gott. Welch Wunder! Oh jaa. Haaaas!

3. (4) Linus Reichlin: Der Assistent der Sterne. Galiani Berlin
Brügge/Antwerpen/Reykjavík: Seine Leidenschaft für Physik lockt Ex-Kommissar Jensen nach Island. Dort begegnet er der Erfüllung einer Wahrsagung und lebt fortan im Dilemmasalat. Tot – Untot, Kind – Nichtkind, Wahrheit – Lüge. Jensen schlurft durch Ambivalenzen. Reichlin II: Prognostik und Kaleidoskopik.

4. (-) Don Winslow: Frankie Machine. Suhrkamp
San Diego/Hawaii: Frankie ist der Sonnyboy vom Anglerladen und der friedliche Sheriff auf der Touristenpier. Doch wer sich mit ihm anlegt, lernt ihn als Frankie Machine kennen. Als raffinierten, kaltblütigen Killer. Ein flotter Ritt durch die West-Coast-Abteilung der amerikanischen Mafia.

5. (-) Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto. Piper
Wien/Stuttgart/Universum: Ein Pornodarsteller will ein Strickwarengeschäft eröffnen, ein Außerirdischer ein Archaeopteryx-Modell auf seinen Heimatplaneten entführen. Der ganz normale Steinfest-Wahnsinn also. Mit langem Atem erzählt: Es geht durch die Weiten des Alls.

6. (-) Gerard Donovan: Winter in Maine. Luchterhand
Maine, Tal des St. John River: Julius Winsome ist nicht so einnehmend wie sein Nachname verspricht. Als jemand seinen Terrier Hobbes erschießt, intensiviert der Einsiedler sein Studium von Shakespeares Wortschatz und legt jeden Jäger in seinem Revier um. Der Hund hieß Hobbes und war trotzdem Julius treu.

7. (6) Friedrich Ani: Totsein verjährt nicht. Zsolnay
München: Seit sechs Jahren ist Scarlett verschwunden, ein Nachbarjunge als Mörder verurteilt. Eine Leiche wurde nicht gefunden – und jetzt hat ein Schulfreund Scarlett auf dem Marienplatz gesehen. Polonius Fischer sucht die Verlorene. Ani ganz bitter: Deutschland, ein Fiasko. Nach einem realen Fall.

8. (7) Malla Nunn: Ein schöner Ort zum Sterben. Rütten&Loening
Jacob’s Rest, Südafrika 1952: Zwei Ereignisse, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Captain Pretorius, unumschränkter Herrscher über das Provinzkaff, treibt tot im Fluss. Die Gesetze zur Rassentrennung werden verschärft. Malla Nunn evoziert einen kaum vergangenen Wahn: Apartheid. Blutrausch. Hatz.

9. (8) Håkan Nesser: Das zweite Leben des Herrn Roos. btb
Kymlinge/Maardam: Herr Roos gewinnt im Toto, Anna Gambowska haut aus der Entziehungskur ab. Vor ihnen: die erstaunliche Leere Zukunft. Bevor es beiden gelingt, Tritt zu fassen, kommt ihnen ein Mistkerl in die Quere. Inspektor Barbarotti muss ran, trotz Gipsbein. Lebensweise, nachdenklich, hoffnungsfroh: Nesser.

10. (-) William Boyd: Einfache Gewitter. Berlin Verlag
London: Wie das Leben so spielt. Als Adam Kindred den Pharmakologen Philip Wang auffindet, begeht er den Fehler, ihm das Messer aus der Brust zu ziehen. Nun gilt Adam als Mörder – und den Mördern als Geheimnisträger. Adam könnte einen Pharmakonzern ruinieren – und hat doch kaum sein Leben in der Hand.

Die KrimiWelt-Bestenliste wird heute auch in der Literarischen Welt, in den Literatursendungen des NordwestRadios und unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.