Die zehn besten Krimis im Juli / Pete Dexter auf Platz 1

Auf den ersten drei Plätzen finden Sie drei gänzlich verschiedene, begeisternde Autoren und Titel von der Juliliste wieder, die als repräsentativ dafür gelten können, was einen guten Kriminalroman heutzutage ausmacht: Pete Dexter mit God’s Pocket (Liebeskind), Dominique Manotti mit Letzte Schicht (ariadne) und Josh Bazell mit Schneller als der Tod (S. Fischer).

Die meisten neuen Titel kommen aus den USA:

Platz 4: Richard Price: Cash. Ein Totschlag und seine Folgen – Porträt der Lower East Side in ihren Dia- und Soziolekten.
Platz 5: Christopher Cook: Robbers ist ein Roadmovie in der Horror-Grotesk-Zitat-Tradition von Crumley, Hiaasen, Tarantino, Burke.
Platz 7: Benjamin Black: Der Lemur. Dass der Krimiautor Benjamin Black der Booker-Prize-Träger John Banville ist, muss der Verlag immer noch auf’s Cover setzen.
Platz 9: Jiøí Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. In diesem wunderbaren, intelligenten Roman aus der Tschechoslowakei der Stalinzeit mischen sich drei fruchtbare literarische Traditionen: Surrealismus, Kriminalliteratur und tschechische Groteske.
Platz 10: John Hart: Das letzte Kind. Spannung bis zum Anschlag: Ein 13-jähriger Junge sucht seine seit einem Jahr verschollene, entführte Schwester und stöbert alle Kinderschänder, Vergewaltiger und Mistkerle von Raven County auf. (Jurysprecher Tobias Gohlis)

Hier die komplette KrimiWelt für Juli:

1. (2) Pete Dexter: God’s Pocket. Liebeskind
God’s Pocket, Philadelphia: In seinem Debütroman von 1983 enthält sich Pete Dexter jeder Erklärung. Gewalt geschieht, etwas geschieht immer. Antimetaphysisch, grotesk erzählt er aus dem Pandämonium einer amerikanischen Vorstadt von Bauarbeitern, Fleischschmugglern, Kleingangstern, Träumern. Furios.

2. (7) Dominique Manotti: Letzte Schicht. ariadne im Argumentverlag
Pondange, Lothringen/Warschau/Paris: Ein Betriebsunfall, eine Fabrikbesetzung. Arbeiter geraten an Material, das die Fusion zweier Wirtschaftsgiganten beeinflussen und die Regierung stürzen könnte. Manotti ist eine Klasse für sich: lebensnah, realistisch, vertrackt. Der Krieg der Konzerne in den kleinen Städten. Superb.

3. (1) Josh Bazell: Schneller als der Tod. S. Fischer
New York: Pietro Brwna heißt im Zeugenschutz Dr. Peter Brown und trotzt jetzt als Arzt dem Tod im Krankenhaus. Vergeblich. Das liegt am verluderten System und an seiner Vorgeschichte als Auftragskiller. Zum Brüllen intelligent: Bazell massakriert Medizin und Mafia. Viel besser als Koks. Macht schneller süchtig.

4. (-) Richard Price: Cash. S. Fischer
Lower East Side, Manhattan: Mit Ultra-Dokumentar-Seelen-Kamera entflicht Price alle Handlungs- und Beziehungsimplikationen eines irgendwie systemischen Totschlags, scharf, unscharf und aus der Totale. Keiner ist böse. Alles geschieht. Niemand versteht es. Tod als Anlass, weiterzumachen wie bisher.

5. (-) Christopher Cook: Robbers. Heyne
Texas: Eddie, Della und Ray auf Tour. Anfangs alle zwei Kapitel ein Mord. Der Lonesome Ranger hinterher. Cook mixt Zutaten von Crumley, Hiaasen, Tarantino, Burke. Basisteig: White Trash und TV-Serien. Post-Post-Crime-Fiction aus dem Mythenfleischwolf Süden. Erstaunlich happy am Ende.

6. (4) Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Zsolnay
Ystadt/Stockholm: Geplagt von Diabetes und Vergesslichkeit löst Wallander seinen letzten Fall. Überschwemmt von Erinnerungen an Vergangenes untersucht er das Verschwinden eines pensionierten Marineoffiziers und einen Spionagefall von dunnemals. Das Vergangene vergeht, Wallander auch. Adieu.

7. (-) Benjamin Black: Der Lemur. Rowohlt
Manhattan: Eine Million soll der ausgebrannte Journalist Glass für die Biographie seines Schwiegervaters bekommen. Der Rechercheur, den er anstellt, wird erschossen. Glass schleppt sich selbst zur Recherche. Eine Kriminal-Etüde zu den Todsünden Acedia und Luxuria in einer mächtigen Familie.

8. (5) Francisco González Ledesma: Der Tod wohnt nebenan. Lübbe
Barcelona: Es geht um Rache und Vergeltung. Ein Kind wurde bei einem Bankraub getötet, jetzt ist Miralles, der Vater, hinter den Mördern her. Inspector Méndez ermittelt, der letzte Irreguläre im Staatsdienst. Es wehen die Düfte des alten Barcelona. Die viel zu späte Entdeckung eines großartigen spanischen Autors.

9. (-) Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Braumüller
Brünn: „Kein Zuckerschlecken“, die stalinistischen Fünfzigerjahre. Architekt Modráček rächt den Polizeimord an seiner Schwester durch den Bau einer Insel der Glückseligen. Wundersam-groteskes, surrealistisches Geschichtsstück über Rache und Fortschritt. Zauberhaft, bös, verspielt. Eine Entdeckung.

10. (-) John Hart: Das letzte Kind. C. Bertelsmann
Raven County, North Carolina: Vor einem Jahr wurde Alyssa entführt. Johnny (13) stöbert auf der Suche nach seiner Zwillingsschwester Kinderschänder, Serienmörder, Vergewaltiger und blöde Cops auf. Wendungsreich, spannend, jede Menge Horror, Höhlen und Übles. Die Guten kommen durch. Eben Hart.

Die Jury:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt; Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt; Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR; Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung; Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, Stuttgart, SWR; Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen; Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung; Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR; Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38; Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR; Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau; Jochen Vogt, Kleinich, Elder Critic, NRZ, WAZ; Hendrik Werner, Bremen, Weser-Kurier; Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

{Die KrimiWelt-Bestenliste Juli wird heute auch in der „Literarischen Welt“, in den Literatursendungen des NordwestRadios und im Internet unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.

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