Die zehn besten Krimis im Oktober / Don Winslow neu auf Platz 1

Diesmal finden Sie vier neue Titel auf der KrimiWelt-Bestenliste in DIE WELT: Auf die erste Stelle ist der epochale Roman Tage der Toten des in San Diego/Kalifornien lebenden Autors Don Winslow geschnellt.

Wer verstehen will, warum beinahe täglich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Leichen gefunden werden, die von Narcotraficantes und Grenzbanditen ermordet wurden, kommt um Winslows Meisterwerk nicht herum. Weit über den aktuellen Bezug hinaus umspannt der Roman 30 Jahre Drogenkrieg, US-mittelamerikanische Beziehungen, geheime Operationen.

Richard Price: Cash und Jenny Siler: Verschärftes Verhör finden Sie auf den Plätzen zwei und drei – beide aus dem Fischer-Verlag.

Neu sind auf Platz 4: Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers. Das ist ein witziger und kluger Roman aus Ghana, in dem traditionelle und moderne Ermittlungsmethoden auf das komischste und weiseste miteinander konkurrieren.

Platz 5: David Peace: Tokio, besetzte Stadt. Der Engländer Peace greift in diesem historischen Kriminalroman um einen realen Fall erneut das Thema des Fortwirkens der japanischen Kriegsverbrechen in den Verbrechen der Besatzungszeit Tokios auf.

Platz 9: Thomas Willmann: Das finstere Tal ist ein Italowestern, der in ein namenloses Alpenhochtal versetzt ist – mit anderen Worten: ein sehr gelungener Krimi als Pastiche. Debüt.

Hier die komplette KrimiWelt-Bestenliste für Oktober:

1. (-) Don Winslow: Tage der Toten. Suhrkamp
USA/Mexiko/Mittelamerika: Dreißig Jahre Drogenkrieg, Antikommunismus, Mord, Folter, Armut und imperiale Gewalt. Don Winslows Epos um US-Drogenfahnder Art Keller und seine keineswegs private Fehde mit den Barreras aus Guadalajara ist das Krieg und Frieden unserer Tage. Epochal, grandios, erschütternd.

2. (1) Richard Price: Cash. S. Fischer
Lower East Side, Manhattan: Mit Ultra-Dokumentar-Seelen-Kamera entflicht Price alle Handlungs- und Beziehungsimplikationen eines irgendwie systemischen Totschlags, scharf, unscharf und aus der Totale. Keiner ist böse. Alles geschieht. Niemand versteht es. Tod als Anlass, weiterzumachen wie bisher.

3. (3) Jenny Siler: Verschärftes Verhör. Fischer TB
Afghanistan/Vietnam/Marokko/Spanien: Geheimdienstler gieren überall nach Information. Der junge Jamal behauptet, in Madrid einen iranischen Ex-Mitgefangenen gesehen zu haben. Kat hat Jamal in Bagram verhört, jetzt zieht sie los ihn zu finden. Oder hilft sie, ihn umzubringen? Silers US-Empire: ein Weltmeer der Gewalt.

4. (-) Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers. Metro im Unionsverlag
Accra/Sonokrom: Yaw Poku, traditioneller Jäger, und Kayo, in England ausgebildeter Tatortanalytiker. Zwei Ermittler, zwei Kulturen, zwei Lösungen. Ohne die Mätresse des Ministers wäre im Dorf Sonokrom nur ein Stück Fleisch vergammelt, jetzt ist es Mord im unzivilisierten Hinterland Ghanas. Satirisch, poetisch, ein Kleinod.

5. (-) David Peace: Tokio, besetzte Stadt. Liebeskind
Tokio 1948: Als Amtsarzt, vorgeblich im Auftrag der US-Besatzungsbehörden, impft er die Angestellten einer Bank: von 16 Vergifteten überleben vier. Nach Polizeifolter geständig verurteilt: Aquarellmaler Hirasawa. Peace auf neuem Weg: Zwölf Zeugen, zwölf Wahrheiten über Kriegs- und Nachkriegsverbrechen, biologische Waffen, Besatzung. Meisterhaft.

6. (9) Frank Göhre: Der Auserwählte. Pendragon
Hamburg/Gomera: Bettina ist reich, Klaus ist ihr Deck-Mann. Als ihr Sohn, der „Auserwählte“, entführt wird, werden Bettinas Lebenslügen offenbar. Die Hamburger Millionenerbin war Mitglied einer Psychosekte. Mit spitzer Feder skizziert: 68er und ihr Selbstbetrug. Nach wahren Begebenheiten von Stichelmeister Göhre.

7. (8) Derek Nikitas: Scheiterhaufen. Seeling
Monroe County, New York: Lucias Leben wird nicht von der Lichtgöttin bestimmt, nach der sie genannt wurde. Als die Sechzehnjährige erlebt, wie ihr Vater erschossen wird, ist das erst der Anfang einer wilden, kriegerischen Jagd. Gewissheit, Sicherheit, Familie – alles kaputt. Mitreißendes Debüt, tolle Entdeckung.

8. (5) Garry Disher: Rostmond. Unionsverlag
Mornington Peninsula, Australien: Mondfinsternis, Schulabschlussfeiern, das übliche Chaos. Erschlagen: ein rassistischer Schulkaplan, eine brave Bauplanerin. Inspektor Hal Challis und seine Leute stochern im Zivilisationsschutt. Fünfter Band des australischen Gesellschaftsporträts. Dishers Blick: unbeirrt, nüchtern.

9. (-) Thomas Willmann: Das finstere Tal. Liebeskind
Deutsches Gebirgstal / Wilder Westen: Greider dringt in das abgelegene Hochtal vor, wo die Brenners mächtig sind. Den Winter über malt er ein Gruppenbild. Am Ende werden alle Porträtierten tot sein. Eine Gewaltgeschichte – jedes Komma 19. Jahrhundert. Alpin-Western und Blutheimat-Roman. Tolles Stück.

10. (5) Jo Nesbø: Headhunter. Ullstein
Oslo: Roger Brown ist ein Arschloch, wie es im Buche steht, ein Kopfjäger – respektive: Headhunter – und Menschenverächter, Machotyp 21. Jahrhundert. Die Liebe zu Kunstwerten eingeschlossen, die er seinen Jobaspiranten klaut. Unaufhaltsam – bis er auf Kunstfreund Greve trifft. Der Flitzer unter Nesbøs Werken.

Die Jury:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt; Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt; Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR; Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung; Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, Stuttgart, SWR; Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen; Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung; Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR; Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38; Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR; Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau; Jochen Vogt, Kleinich, Elder Critic, NRZ, WAZ; Hendrik Werner, Bremen, Weser-Kurier; Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

Die KrimiWelt-Bestenliste Oktober wird heute auch in der „Literarischen Welt“, in den Literatursendungen des NordwestRadios und unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.

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