Die zehn besten Krimis im September / Andrea Maria Schenkel mit „Kalteis“ neue Nummer Eins

Andrea Maria Schenkel schreibt gute, sehr gute Krimis. Das fanden wir bei „Tannöd“ im Frühjahr 2006, als noch kaum jemand die Autorin aus Pollenried kannte. Das meinen wir erneut über „Kalteis“. Vor einem Monat stand der Roman um einen Münchner Serienmörder und seine Opfer auf Platz Drei der Krimi-Bestenliste. Jetzt fand die Mehrheit der Jury, unbeeinflusst vom Medienhype, „Kalteis“ so gut, dass Sie ihn auf Platz Eins treffen. Mein Rat: lesen Sie ihn – und außerdem Heinrich Steinfests „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“. Da können Sie zwei sehr verschiedene Möglichkeiten entdecken, wie heute in deutscher Sprache Kriminalromane geschrieben werden.
Dass Walter Mosleys „Little Scarlet“ auf dem dritten Platz steht, ist doppelt zu begrüßen: Zum einen handelt sich mit Mosley um einen der wichtigsten afroamerikanischen Autoren, zum andern ist sein Thema, die seelischen und sozialen Zerstörungen durch den Rassismus, nach wie vor brennend aktuell. (Tobias Gohlis)

Hier die komplette Liste für September:

1. (3) Andrea Maria Schenkel: Kalteis. Edition Nautilus.
München 1931-1939: Josef Kalteis fährt Rad, schaut ins Land und nach den Weibern. Schenkel erzählt von den fünf jungen Frauen, die er umbrachte, von ihren Träumen und Hoffnungen, von Mord und Zerstückelung. „Kalteis“ folgt auf „Tannöd“: ebenso gut, genau, erschütternd.

2. (–) Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck. Piper.
Stuttgart/Mauritius/Hawaii/Athen: Spezialermittlerin Lilli Steinbeck und der ultrafette, Kugeln abweisende Detektiv Kallimachos taumeln durchs große Spiel der Gangster/Götter. Entführer und Entführte, Schnell und Langsam, Schein und Mythos – darum geht es Steinfest dieses Mal, oder auch um die tolle weltweite Jagd.

3. (10) Walter Mosley: Little Scarlet. Fischer
Watts, Los Angeles 1965: Aufstand. Eine schwarze Frau wird ermordet, Easy Rawlins soll ermitteln. Wasser ins Flammenmeer des Rassenkriegs. Blut ist sozial, Rasse Trauma. Ein Frantz Fanon der Kriminalliteratur, legt Walter Mosley die Wunden bloß, die generationenalter Hass geschlagen hat. Mit Würde. Easy. Grandios.

4. (2) Astrid Paprotta: Feuertod. Piper
Frankfurt am Main: Es ist die Geschichte vom Phönix, der aus der Asche neu ersteht, meisterhaft erzählt. Nichts geht zusammen, in jedem Satz knirscht der Zweifel, tastet das Mißtrauen, schwelt die Angst vor dem Feuer. Arme Leute müssen brennen, eine reiche Liberale brennt zuerst. Noch nie war die Paprotta so gut.

5. (–) Deon Meyer: Der Atem des Jägers Rütten&Loening
Südafrika: Als sein achtjähriger Sohn erschossen wird und die Täter entkommen, nimmt Ex-Befreiungskämpfer Thobela die Gerechtigkeit selbst in die Hand. Dem Krieger mit dem Zulu-Speer ist der alkoholkranke Benny Griessel auf der Spur. Komplexer Thriller, rasant erzählt. Südafrika: unexotisch brutal. Starkes Stück.

6. (4) Juan Damonte: Ciao Papá. Lateinamerika Verlag
Buenos Aires: Die Militärdiktatur tobt. Carlitos Tomassini wird 30 und hat schon Elektroden, Wasserfolter, Besenstiel und das Jesuitenkolleg hinter sich. Jetzt heißt es koksen, saufen, leben. Statt abzuhauen oder anständig zu werden, sucht Carlitos den verschleppten Sohn seiner Tante. Argentinischer Totentanz.

7. (5) Robert B. Parker: Der stille Schüler. Pendragon
Boston/Dowling: Ein aussichtloser Fall. Zwei 17-Jährige haben ein Schulmassaker veranstaltet, 5 Tote, 8 Verletzte. Private Eye Spenser gräbt unterm Kleinstadtbeton und findet einen schüchternen, ritterlichen Jungen. Und jede Masse Heuchelei. Spenser ist wieder da, einfühlsam, treu und mit gutem Punch.

8. (8) Jan Costin Wagner: Das Schweigen. Eichborn Berlin.
Turku, Finnland: Dreiunddreißig Jahre liegt der unaufgeklärte Mord an einem Mädchen zurück. Da geschieht es wieder. Ein Mädchen verschwindet. Angst baut sich auf, staut sich. Ist der Täter von damals zurückgekehrt? Bricht der Augenzeuge jetzt sein Schweigen?

9. (–) Sergej Kusnezow: Die Hülle des Schmetterlings. Heyne
Moskau: Kriegszustand. Bettelnde Veteranen, Geheimdienst hetzt Tschetschenen. Ein melancholischer Serienkiller schlachtet junge Frauen mit dem Skalpell. Journalistin Xenia verabredet sich mit dem Mörder zum SM-Chat. Brutal, poetisch, russisch: Bericht aus dem Innern einer kranken Gesellschaft.

10. (–) Michael Connelly: Der Mandant. Heyne
Los Angeles: Steinreiche Mandanten wie Louis Roulet sind für Anwalt Micky Haller kein täglich Brot. Haller verteidigt den Sohn einer Millionärin, als ginge es um sein Leben. Bis das auf dem Spiel steht. Der ehemalige Gerichtsreporter Connelly kennt alle Courtroom-Tricks und inszeniert sie meisterhaft. Atemlos.

Die September-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live mit Jurysprecher Tobias Gohlis zwischen 8:05 und 9:00 Uhr und am So. in der „Literaturzeit“ zwischen 15:00-16:00 Uhr), unter www.arte.tv/krimiwelt mit Kommentaren des Jurysprechers, Kurzrezensionen der Juroren und weiteren Infos zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z“) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.

Buchhändler können einen dreifarbigen Flyer mit der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste bestellen. Kontakt: KrimiWelt, c/o asv vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, E-Mail: krimiwelt@axelspringer.de, Fax: 040/34 72 76 68.

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