Im Juli auf Platz 1: Peter Rühmkorf

30 Literaturkritiker und -kritikerinnen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen, und geben ihnen Punkte (15,10,6,3).

Die Addition ergab für Juli folgendes Resultat (in Klammern die Position der Juni-Bestenliste):

1. (-) 70 Punkte

PETER RÜHMKORF: Paradiesvogelschiß

Gedichte.

Rowohlt Verlag
Mittelschwere Lektüre

„Ballade von den geschenkten Blättern“ hat er den Auftakt seines letzten Gedichtbandes genannt, dem Tod und der Krankheit abgerungen. Am 8. Juni ist der große Dichter Peter Rühmkorf verstorben. Jedes Wort konnte ihm zur Dichtung werden, weil schon das erste Wort Dichtung war.

2. (-) 56 Punkte

ROBERTO BOLAÑO: Exil im Niemandsland

Fragmente einer Autobiographie. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt und Heinrich von Berenberg.

Berenberg Verlag
Leichtere Lektüre

Ein Klassiker ist einer, der den Kanon neu ordnet, sagt der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño – und er ist selber schon einer. „Exil im Niemandsland“ versammelt Gedanken, Essays, Interviews und den Entwurf seiner letzten Rede aus dem Jahr 2003.

3. (-) 40 Punkte

ANJA JARDINE: Als der Mond vom Himmel fiel

Erzählungen.

Verlag Kein & Aber
Leichtere Lektüre

„Alle sind gut vernetzt, die Wege um den Globus kein Problem, und die Aussichten waren bis vor kurzem noch glänzend. Doch plötzlich herrscht in den innersten Bezirken schiere Einsamkeit, versierte Weltläufigkeit schlägt um ins Eisige. Anja Jardine trifft den Punkt, vielsagend, erfahrungsreich.“ (Eberhard Falcke)

4. – 5. (9.-10.) 35 Punkte

HIROMI KAWAKAMI: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Eine Liebesgeschichte
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.

Carl Hanser Verlag
Mittelschwere Lektüre

Sie ist Ende dreißig und immer noch auf der Suche – ohne wirklichen Antrieb. Er ist in den 60ern, verwitwet und nicht ganz sicher, ob er sein Leben nicht schon gelebt hat. Und: Er ist ihr ehemaliger Japanischlehrer. Sie treffen sich zufällig. Immer wieder. Eine Liebesgeschichte beginnt, eine Annäherung – mit den Mitteln der Distanz.

4. – 5. (-) 35 Punkte

REINER STACH: Kafka

Die Jahre der Erkenntnis

S. Fischer Verlag
Mittelschwere Lektüre

„Vollständiges Begreifen meiner Lage“, das ist das Motto von Franz Kafkas Schreiben. Eine unendliche Analyse, die die Welt und unser Denken radikal verflüssigt. Und uns in Bewegung hält, weil wir als Kafka-Deuter den Strom kanalisieren wollen.Wie vollständig man Kafkas Leben begreifen kann, beweist Reiner Stach im zweiten Band seiner großen Kafka-Biographie, die vom Jahr 1916 bis zu Kafkas Tod im Jahr 1924 reicht.

6. (-) 34 Punkte

SIEGFRIED LENZ: Schweigeminute

Novelle.

Verlag Hoffmann und Campe
Leichtere Lektüre

Der 82jährige Siegfried Lenz hat noch einmal alle überrascht: „Schweigeminute“ erzählt eine Liebesgeschichte zwischen Stella, der Lehrerin, und ihrem Schüler Christian, dringlich und distanziert zugleich, einfühlsam und zurückhaltend; ein leidenschaftliches Verhältnis, das ohne Zukunft bleibt. Bleiben muss.

7. (-) 31 Punkte

IRIS HANIKA: Treffen sich zwei

Roman.

Literaturverlag Droschl
Leichtere Lektüre

„Da wird vom rührenden Glück zweier Tölpel erzählt, durchaus heutiger Tölpel in durchaus heftig-heutiger Sprache – na ja, wie die Leute halt in Berlin so reden, und dann wird auch wieder ganz albern-schwebend erzählt von Momenten, in denen die beiden lächelnd und zart einverstanden sind damit, in der Welt zu sein, in diesem Moment, in dieser Stadt, und das Tolle ist, dass man tief bewegt mit den beiden sympathisiert und denkt: So geht es manchmal auch, ja, doch, solche Erfahrungen gelungenen Lebens kann man bisweilen schon machen.“ (Jörg Drews)

8. (4. – 5.) 28 Punkte

KATHARINA FABER: Fremde Signale

Ein Album. Roman.

Bilger Verlag
Mittelschwere Lektüre

Drei Schutzengel erzählen von Katharina, die in den friedlichen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Welt kommt. Drei Engel, die selber Schutz gebraucht hätten, das wird immer klarer: Michail, sowjetischer Soldat, der im Kampf gegen die Deutschen fällt, Linette, die kurz vor der Französischen Revolution jung einer Hirnhautentzündung erliegt, und Boris, ein hochbegabter Außenseiter, der mit 13 Jahren an Krebs stirbt.

9. (-) 27 Punkte

ALBERTO VIGEVANI: Ende der Sonntage

Zwei Erzählungen.
Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider.

Friedenauer Presse
Leichtere Lektüre

Zwei Erzählungen, zwei melancholische Abschiede: da war einmal der Gaukler, Zauberer und Clown, Signor Cavallini, das Herzstück eines Varietés, und dann der Financier Herr Alzheryan, ein Freund des Vaters.Gestalten aus der Kindheit, gerade noch selbst modern, fallen sie der Moderne zum Opfer.

10. – 12. (-) 21 Punkte

LUKAS BÄRFUSS: Hundert Tage

Roman.

Wallstein Verlag
Mittelschwere Lektüre

Er ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker. In seinem ersten Roman erzählt Bärfuss eine Liebesgeschichte in den Zeiten des Völkermords: David ist Entwicklungshelfer in Ruanda. Er bleibt im Land, als das Gemetzel beginnt. Am Ende flieht er mit den Mördern über die Grenze. Und trifft im Flüchtlingslager seine einstige Liebe wieder.

10. – 12. (-) 21 Punkte

ROMAIN GARY: Frühes Versprechen

Roman.
Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni.

Verlag Schirmer Graf
Mittelschwere Lektüre

Eine Mutter, die sich auf ihren Sohn fixiert und sich für ihn eine große Zukunft ausdenkt: als Schriftsteller, als Botschafter, als Größe im französischen Geistesleben. Ein Sohn, der die frühen Versprechen alle erfüllt und einen autobiographischen Roman darüber schreibt – ironisch, leichthändig. Eine Art Liebeserklärung und ein Beweis dafür, dass die Phantasie sehr wohl die Wirklichkeit bestimmen kann.

10. – 12. (-) 21 Punkte

VIRGINIA WOOLF: Tagebücher 5 / 1936 – 1941

Herausgegeben von Klaus Reichert. Aus dem Englischen von Claudia Wenner.

S. Fischer Verlag
Mittelschwere Lektüre

Der letzte Band der Tagebücher. Sie enden mitten im Krieg, Die Bedrohung durch die Deutschen wird immer größer. Die Londoner Wohnung ist durch Bomben zerstört, nachts fliegen deutsche Flugzeuge über Südengland hinweg. Virginia Woolfs Depressionen werden immer dunkler und unbeherrschbarer. Das Schreiben hilft und erschöpft. Am 28. März 1941 nimmt sie sich das Leben.

Persönliche Empfehlung im Juli von von Peter Hamm (München)

Giorgio Orelli: Sagt es den Amseln / Ditelo ai merli

Gedichte. Italienisch-Deutsch.
Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber.

Limmat Verlag

„Der 1921 geborene Tessiner Giorgio Orelli ist neben dem Waadtländer Philippe Jaccottet der bedeutendste Lyriker der Schweiz. Sein schmales Werk, das sich radikal jeglichem Zeitgeist verweigert, besticht durch lichte, lichtdurchlässige Verse, in denen das Alltägliche ereignishaft gesehen wird und – wie in den Bildern Morandis, Orellis Lieblingsmaler – in sinnlichem Glanz erscheint. Mit diesem Gedichtband beweist Orelli, dass er zur Reihe der großen italienischen Lyriker Montale, Quasimodo und Saba zählt.“ (Peter Hamm)

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