„Sachbücher – ein weites Feld“: Ein Bericht vom 19. Praxisseminar der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen

Am heutigen Sonntag, den 18. Mai, ging in Dipperz-Friesenhausen bei Fulda das 19. Praxisseminar der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj, www.avj-online.de) zu Ende. Drei Tage lang diskutierten rund 60 Teilnehmer über das Thema „Sachbücher – ein weites Feld“.

Das Kinder- und Jugendsachbuch war zu Beginn der Tagung für viele Buchhändlerinnen ein im Vergleich zu anderen Sparten eher vernachlässigtes Genre, so der Tenor der Eingangsrunde. „Wie beurteile ich die Qualität eines Sachbuchs, und wie präsentiere ich es optimal?“, waren häufig gestellte Fragen.

Christiane Goebel referiert

Christiane Goebel, Trainerin aus Kassel, gab zu Beginn einen Überblick über den so genannten Nachmittagsmarkt. In der Gruppe der Lernhilfen konstatierte sie eine Steigerung des Umsatzes von sieben Prozent in den letzten vier Jahren, 2007 lag er bei 52,5 Mio Euro. Jährlich erscheinen zwischen 3.000 und 4.000 neue Titel – seit der Schulbuchumsatz stagniert, konzentrieren sich immer mehr Verlage auf dieses Segment.

Eine kompetente Beratung in diesem Bereich biete große Chancen zur Kundenbindung, so Christiane Goebel. Die Hauptzielgruppe sind die Eltern, insbesondere Mütter. Aber auch die Zielgruppe der im Buchhandel häufig unbeliebten Lehrer solle man ohne Vorurteile ins Auge fassen. Angesichts der zunehmenden Verdichtung von Lerninhalten, des Rückzugs des Staates aus der Finanzierung von Bildung und durch den erhöhten Leistungsdruck sei der Bereich der Lernhilfen ein weiter wachsender Markt.

Brigitte Briese, Chefredakteurin der Fachzeitschrift bjl, gab anschließend einen Überblick über den Sachbuchmarkt. Themen, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben, seien der Bereich Natur, Umwelt und Erdgeschichte, was u.a. mit der Klima-Debatte zu tun habe, sowie das Segment Lebensgeschichten. Eine Flaute herrsche im Bereich Kunst, Kino, Architektur und Musik, abnehmend sei die Anzahl der Dino-Bücher.

Ohren-Großreiben

Katja Röder, Bibliothekarin aus Stuttgart, leitete den Samstag mit einem Überblick über das Segment Sachhörbücher ein. Mit vielen Hör-Beispielen erläuterte sie die Genres Hörbuch/ Lesung, Hörspiel und Features. An den Anfang stellte sie eine Übung, die Katja Röder oft mit Kindern macht, bevor sie ihnen vorliest: Das Ohren-Großreiben.

Eine Diskussion entstand über die Altersangaben, die Verlage auf die Hörbuch-Verpackungen drucken und die in Einzelfällen verkaufshemmend wirkten, wenn sie nämlich zu niedrig angesetzt seien. Kein Achtjähriger ließe sich gern auf ein Hörspiel ein, das laut Verpackung ab sechs Jahren empfohlen wird. „Das Segment der Sachhörbücher ist ein schmales“, lautete Katja Röders Fazit, „es sollten nur Verlage einsteigen, die es auch wirklich gut machen“.

Urs Plüss von der PH Bern und Daniel Brügger von der Universität Freiburg gaben einen Einblick in das Segment Sachcomics, ein aus ihrer Sicht unterschätztes Bildungsmedium. Dabei dominierten die Bereiche biographische Comics und Comics zur Prävention von Gewalt oder zur Prävention im Bereich Gesundheit.

Entkräftigen wollten sie den Gemeinplatz, Comics zu lesen sei leicht. Im Gegenteil, das Lesen von guten Comics sei anspruchsvoller und komplexer als das Lesen eines Textes, denn es seien viele Dinge miteinander zu verknüpfen. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Schweiz im Umgang mit dem Sachcomic sehr viel weiter ist als Deutschland.

Prof. Dr. Petra Milhoffer von der Universität Bremen verdeutlichte, wie wichtig das Lesen bereits im frühesten Kindesalter ist. Unter dem Titel „Kommt der Kindergarten zu spät?“ referierte sie über entwicklungspsychologische Aspekte des Lesens und Vorlesens und brachte viele Beispiele aus der Leseförderung in Kanada. „Sprachlernen ist Sachlernen und Sachlernen ist Sprachlernen“, so Petra Milhoffer.

Kerstin Helm

Kerstin Helm, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung bei Dussman das KulturKaufhaus in Berlin, gab Anregungen zur Präsentation von Sachbüchern im Sortiment. Eine Patentlösung sei nicht auszumachen, vielmehr sei ständiges Experimentieren angesagt. Grundsätzlich solle man bei der Beratung überhaupt erst mal ans Sachbuch denken, häufig laufe man ja zunächst einmal in die Richtung erzählendes Kinder- oder Jugendbuch, wenn ein Kunde nach einer Empfehlung frage.

In ihrer Abteilung habe sich das Sägezahnregal bewährt, denn es gewährleistet viel Frontalpräsentation, während die Buchrücken erkennbar bleiben. Auch zu Drehsäulen sei man bei der Präsentation einzelner Reihen zurückgekehrt, nicht zuletzt würden die Kinder eben gerne diese Säulen drehen. Petra Möhn, Buchhandlung Interbook, Trier, sprach in diesem Zusammenhang die Empfehlung an Ladenbauer aus, Drehsäulen bei Gesamtkonzeptionen mit zu berücksichtigen, denn Fremdmöbel seien häufig nicht gern gesehen.

Bei Dussmann werden Reihen geschlossen präsentiert, was neben einem ruhigen optischen Eindruck häufig dazu führe, dass Kunden, die eigentlich nur ein Thema gesucht hätten, die Reihe entdeckten und auch andere Titel kauften. Topthemen werden extra gezeigt, und besonders wichtig sind Kerstin Helm Thementische, für die ein Jahresplan entwickelt wurde, um sie beim Einkauf von Büchern und zugehörigen Nonbooks rechtzeitig zu berücksichtigen.

„Eine Sachbuch-Abteilung darf nicht aussehen wie eine Schulbuch- oder Lernhilfen-Abteilung“, betonte Kerstin Helm, mit Nonbooks werde sie sinnlicher. Außerdem hilfreich: Aufsteller mit durchaus provokativen Sprüchen wie „Für kleine Klugscheißer“ oder „Mathe ist ein Arschloch“.

Besonderen Wert legt die Buchhändlerin auch auf die Stapelpräsentation von besonderen Einzeltiteln wie „Die Welt ist voller Löcher“ (Oetinger) oder „Wo bleibt die Maus?“ (Sauerländer). In der Buchhandlung RavensBuch in Friedrichshafen habe man dafür eine Wand mit goldenem Rahmen unter dem Motto „Bücher, die aus dem Rahmen fallen“ entwickelt, erzählte die dortige Abteilungsleiterin Heike Wittenhorst.

Am Samstag Nachmittag wurden in vier Arbeitsgruppen Sachbuch-Aktionen für die Buchhandlung entwickelt. Die Präsentationen am Sonntag zeigten, dass alle von den klassischen Themen wie Piraten, Ritter oder Bauernhof abgerückt waren und besondere Themen ausgesucht hatten.

Unter dem Motto „Es ist nie zu früh“ wurden Ideen zum Sachbuch fürs Kleinkinder-Alter gesammelt. Das zugehörige Plakat zeigt Vater und Baby mit einem Autobuch, ein Mobile aus Pixi-Büchern macht auf die Bedeutung früher Leseförderung aufmerksam, ebenso wie ein Lätzchen mit dem Schriftzug „Lecker lesen“.

Präsentation der Arbeitsgruppen

„Fruchtpiraten und Gemüseritter“ nannte eine weitere AG ihre Aktion zum Thema Ernährung, mit der unterschiedliche Altersgruppen angesprochen werden sollen. Für kleine Kinder gibt es einen Wettbewerb um die schnellste Bohne, für Ältere eine Ernährungsberatung, einen Schmecktest sowie die Veranstaltung mit einem „jungen, dynamischen, gut aussehenden Koch“. Abschluss der Aktion wäre ein literarischer Familienbrunch, bei dem alle, die im Vorfeld ein persönliches Rezept eingereicht haben, ihr im Copyshop erstelltes persönliches Kochbuch von der Buchhandlung überreicht bekommen.

„Nicht nur Haut und Knochen – Entdecke deinen Körper“ lautete das Motto der dritten AG. Anlass könnte der Weltgesundheitstag sein, denkbar sind Kooperationen mit einer Apotheke, ein Quiz im Schaufenster sowie ein Rettungswagen zu Besuch vor der Buchhandlung.

Am meisten diskutiert wurde die „Aktion Ekeltiere“ der vierten AG. In Kooperation mit einer Zoohandlung könnten Terrarien in der Buchhandlung aufgestellt werden, denkbare weitere Partner sind Tierpfleger, der Naturschutzverein oder ein Förster. Ein Test „Welcher Ekeltier-Typ bist du?“ steht zu Beginn der Aktion, dazu kommt ein Mal- und Bastelwettbewerb, der im Schaufenster wieder auftaucht. Für schwache Gemüter gibt es einen Sektausschank durch den örtlichen Winzer in einer ekelfreien Zone der Buchhandlung.

Hoch waren die Erwartungen an das avj-Praxisseminar gewesen, nicht alle wurden erfüllt, doch der Tenor der Abschlussrunde zeigte: Es war eine anregende Tagung, bei der alle neue Ideen mit nach Hause nahmen. Und die Motivation, sich mit dem

Adrienne Hinze, Renate Reichstein (v.l.)

Thema Sachbuch auseinanderzusetzen, war deutlich gestiegen.

Ein großes Lob von allen Teilnehmern ging an die Tagungsleiterinnen: Renate Reichstein aus dem avj-Vorstand und avj-Geschäftsführerin Adrienne Hinze hatten alles perfekt und mit viel Charme organisiert – die Stimmung war während des gesamten Seminars fröhlich, auch beim abendlichen Vortrag von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg zum Thema Schlager.

Das nächste avj-Praxisseminar wird vom 8. bis zum 10. Mai 2009 stattfinden, das Thema steht noch nicht fest.

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