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„Dünne Indizien“ des Haffner-Kritikers Jürgen Paul

„In den Streit um Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ (DVA) hat sich jetzt auch die Berliner Zeitung eingemischt. Autor Christian Esch wundert sich, wie dünn Prof. Pauls Indizien sind, und belegt: »Das Wort Endsieg, von Haffner verwendet, sei – so Paul – erst von Goebbels im Zweiten Weltkrieg geprägt worden. Tatsächlich wird der Begriff schon 1919 von Stresemann benutzt und taucht in den frühen Ausgaben von Mein Kampf auf (so die Auskunft von Michael Schlaefer, Leiter der Arbeitsstelle Grimmsches Wörterbuch an der Universität Göttingen); in NSDAP-Texten der Weimarer Zeit bezeichnet er den Wahlsieg. Haffner verwendet den Begriff zudem in einer ironischen Passage über das Jahr 1918, in der er mit dem Wort Ende spielt: Er spricht vom Ende des Krieges, das ein Ende ohne Endsieg sei. Zu den anachronistischen Ausdrücken rechnet Paul auch Virtuell und Business as usual, die er für moderne Anglizismen, genauer: Amerikanismen hält. Ihm ist entgangen, dass der Brite Churchill 1914 in einer Rede das Business as usual sogar zum Slogan machte, und dass das deutsche virtuell – auch wenn wir es heute mit virtual reality verknüpfen – zur damaligen Zeit gar kein Anglizismus war: jeder aufgeweckte Gymnasiast kannte das lateinische Wort aus dem Physikunterricht, aus Begriffen wie virtuelle Energie. Haffner habe Anfang 1939 den Zeiten Weltkrieg mit all seinen Folgen und Dimensionen nicht absehen können, sagte Paul im Radio; es ist dem Buch nicht zu entnehmen, dass Haffner das konnte. Dass aber Haffner wie jeder intelligente Beobachter im englischen Exil – wo er ab August 1938 war – einen Krieg absehen konnte, erstaunt nicht. Die Entstehung und Überarbeitung des Manuskriptes ließe sich klären, so schließt Paul, wenn die Erben oder der Verlag das Original-Manuskript oder die Fotokopie des Schreibmaschinen-Durchschlags vorlegen würden. Nach übereinstimmender Auskunft der Deutschen Verlags-Anstalt wie auch der Haffner-Kinder Oliver Pretzel und Sarah Haffner hat sich Paul erstaunlicherweise nie darum bemüht, das Manuskript einzusehen. So wären Pauls kaum belegte öffentliche Vorwürfe eigentlich nicht der Rede wert – tatsächlich hätten sich der Verlag und die Erben den gegenwärtigen Ärger sparen können, wenn sie bei der Herausgabe des Textes ein Vorwort oder eine Editionsgeschichte angefügt hätten; zumal es sich ja um einen Text aus dem Nachlass handelt und man den Autor selbst nicht mehr befragen kann.« Stattdessen, moniert Esch, enthält das Buch nur eine unzulängliche neunzeilige „Editorische Notiz“. »So muss nun erst nachgereicht werden, was eigentlich ins Buch gehört hätte. Der Text, der 1999 nach Haffners Tod in dessen Schreibtisch in Berlin gefunden wurde, befindet sich im Bundesarchiv. Es handelt sich um den undatierten Durchschlag eines Typoskripts, geschrieben mit einer Schreibmaschine mit deutschen Typen auf Papier englischen Formats (wie man es bei einem im Exil entstandenen Text erwarten würde), und mit nur unwesentlichen handschriftlichen Verbesserungen. Eine Kopie konnten wir dankenswerter Weise bei der Tochter des Verfassers, der Berliner Künstlerin Sarah Haffner, einsehen« , so Esch. Weiter heißt es in der B.Z.: »Wie sich herausstellt, gibt es einige Stellungnahmen des Verfassers selbst zu diesem Werk. Er hat einen Teil des Manuskriptes zum 50. Jahrestag des Judenboykotts von 1933 der Zeitschrift „Stern“ zur Verfügung gestellt; in der Einleitung hieß es damals, der Text sei „im Frühjahr und Sommer 1939“ geschrieben. In einem Interview mit der Münchener Journalistikstudentin Jutta Krug sprach Haffner 1989 von dem Werk, dass er für ein englisches Leserpublikum verfasst habe. „Als der Krieg ausbrach, gab ich dieses Buch, dass ich (dem Verleger, C.E.) Warburg angeboten hatte, auf und fand, jetzt muss ich etwas schreiben, was für den Krieg nützlich und wichtig ist“ – daraus entstand dann die politische Schrift „Germany: Jekyll and Hyde“, erschienen im Frühjahr 1940. Nun sind Haffners eigene Aussagen streng genommen kein Beweis, dass nicht er selbst seinen Text nach dem Krieg überarbeitet oder geschrieben hat; aber welches Motiv sollte er dafür gehabt haben, fragt seine Tochter; er hat ja ganz offensichtlich nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Haffners Aussagen erklären nebenbei, was Paul als „Fingierung“ in dieser Autobiografie anprangert. Es handelt sich nämlich gar nicht um eine Autobiografie, wie Haffner selbst gesagt hat – sondern um eine persönlich gefärbte Darstellung NS-Deutschlands mit einer durchaus politischen Absicht: den englischen Lesern die Verhältnisse dort zu erklären, und zwar mit einer Stoßrichtung gegen die damalige Appeasement-Politik. Der Verlag würde nicht nur den Lesern, sondern auch Haffner einen Gefallen tun, wenn er diesen persönlichen und zeitgeschichtlichen Hintergrund im Buch selbst erläutern würde. Ein solches Vorwort sei für die nächste Auflage nicht geplant, sagt DVA-Geschäftsführer Jürgen Horbach. Doch habe der Verlag vor zwei Wochen eine Anfrage an das Bundeskriminalamt gerichtet, damit dieses das Manuskript überprüfe. Keiner aus dem Verlag hat das Original vor der Veröffentlichung in Händen gehalten.« „

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