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Harald Jähner (Berliner Zeitung) und Tilman Krause (Die Welt) über den „unheimlich starken Abgang“ des Literarischen Quartetts

Das „literarische Quartett“ funktioniert nach eigenen Gesetzen, die schon lange nichts mehr mit den besprochenen Büchern zu tun haben. Es ist ein trauriges Fest der Selbstdarstellung, in dem die Wertschätzungen sich ändern wie die Fähnchen im Wind, je nachdem, was die Dramaturgie der eitlen Posen und der beredten Urteilsfindung verlangt. Den Vogel schossen Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek am vergangenen Freitag ab, der vorletzten Sendung vor der Einstellung des Quartetts. Da zerrissen sie Ulla Hahns neuen Roman „Das verborgene Wort“. Ein Leckerbissen für Reich-Ranicki-Voyeure, denn der Mann quälte sich, scheinbar.
Wie jeder weiß, liebt Reich-Ranicki die Hahn, auf Kritikerart. In Branchenkreisen sagt man dann: er hat sie gemacht. Er habe die Lyrikerin entdeckt, führte er langatmig aus, gepriesen und bekannt gemacht, aber nun müsse es raus. Nun könne er nicht länger schweigen wie bei ihrem ersten Roman: Die Hahn könne einfach nicht erzählen, wie überhaupt fast alle Lyriker nicht erzählen könnten. Zum Letzteren gehörte das obligatorische Zeigefingerschütteln und eine Betonung, als müsse die Welt vor des Gedankens Tiefe den Atem anhalten. Und vor der Unbestechlichkeit des großen Mannes, der eine Freundschaft der Sache der Literatur opfere. Selbst die Bild-Zeitung widmete sich dem wohl inszenierten Auftritt, dem das Fazit folgte: Ein Roman sei diese Kindheitsgeschichte nicht, denn der Roman lebe vom Erzählen, hier handele es sich allenfalls um einen „Bericht“.

Es fragt sich, wie ein Bericht ohne Erzählstruktur auskommen soll, aber da half schon Karasek mit der weiterführenden Erläuterung, das Buch habe keine Sprache. Es handele sich um einen endlos langen Schulaufsatz, der aus der Kinderperspektive nie herausfände. Nun möchte man das so oder ähnlich gerne glauben, wenn nicht Karasek zuvor die Gegenargumente geliefert hätte. In „TV Hören und Sehen“ empfiehlt er den Roman als eines seiner liebsten Bücher und attestiert Ulla Hahn „imponierende Erzählkunst“. Im Wiener Magazin „Format“ führte er das Buch in „Karaseks Top ten“ zur Buchmesse. Hier empfahl er als „sehr wichtig“, was er im Quartett als gänzlich misslungen bezeichnete.

Und Reich-Ranicki? Er hatte Ulla Hahn Tage zuvor telefonisch zu ihrem Buch gratuliert und hinterließ ihr auf dem Anrufbeantworter die Nachricht, dass er noch erleben möchte, dass sie für ihr Buch den Büchnerpreis bekäme. Das überraschte Opfer der Selbstdarstellungskünste Reich-Ranickis, Ulla Hahn, bezeichnete gegenüber dieser Zeitung das Quartett als „entsetzliche Erfahrung“ und Reich-Ranicki als „Opfer seiner Eitelkeit“.

Tilman Krause unter dem Titel „Laute Empörung zum langen Abschied“

Eins muss man ihm lassen: Marcel Reich-Ranicki weiß seinen Abgang zu inszenieren. Das Ende des Literarischen Quartetts immer vor Augen, gibt er noch einmal alles. Alles von ihm, wohlgemerkt. Denn was wir am vergangenen Freitag, also in der vorletzten Sendung, erleben durften, war „Privatestes“, um es mit den Worten eines seiner Lieblingsschriftsteller zu sagen.
MRR über Ulla Hahn. Da schnalzten die Auguren mit der Zunge, da machten sich die Betriebsnudeln auf ein schönes Skandälchen gefasst. Und prompt kam es zum allseits herbeigesehnten Knalleffekt: Pygmalion zerschmetterte sein Geschöpf; der Kritiker-Dichter entweihte die Muse; Liebe, wenn denn davon die Rede sein soll, ließ die Sau der Enttäuschung raus.

Weit beugte der Altvater das Haupt zurück, raunend hob er an zur tiefempfundenen Klage: Nun hast du mir den ersten Schmerz getan; der aber traf. Schwer nur, angeblich, kam ihm das Urteil über die Lippen, gesagt werden musste es dennoch: Die für ihn einstmals als kühnes herrliches Kind fungierte, sie hatte versagt. War es so schmählich, was sie verbrach? Ach, schlimmer als das. Das Kind hatte selbständig gehandelt, hatte die Definition gesprengt, den Pakt mit dem Meister gebrochen und musste folglich gezüchtigt werden.

Worum geht es? Ja, erzählen wir ein wenig Weltgeschichte aus der Sage: Hatte nicht Marcello, der traurige Gott mit dem Hammer, Ulla Hahn vor 20 Jahren zur Wunschmaid erkoren? Hatte nicht er, der seine Karriere als Trittbrettfahrer der Gruppe 47 begann, um dann spät, aber umso heftiger, auf die Autorität von Joachim Fest gestützt, als Steuermann die Wacht im Literaturbetrieb zu übernehmen, hatte nicht er, der wahrlich nicht viele zur Walstatt zu führen vermochte, diese eine ausgezeichnet unter den Jungautorinnen? Hatte er nicht, vorbei an seinen weithin unbeeindruckten Kollegen, die kaum Sinn für die Reize der Lyrikerin bekundeten, dieselbe erhoben und aufgebaut als eines der ganz wenigen, ganz großen dichterischen Talente ihrer Generation?

Er hatte es. Und was tat das Mädel, anstatt ihm ewig dankbar zu sein und sich fügsam zu schmiegen unter seinen Schutz und Schirm? Sie schrieb auf einmal Prosa. Unerhört! Einen ersten Roman, „Ein Mann im Haus“ (1991) verzieh noch mit Mühe der Zornige. Aber nun, da das Mündel, immerhin auch schon in seinem 55. Jahr, autobiografisch wurde und „Das verborgene Wort“ (so der Titel) auf 600 Seiten offenbarte und das langsame, doch unaufhaltsame Werden der Schriftstellerin Ulla Hahn beschrieb, da war das Maß voll.

„Infantil, puberträr, höchstens für weibliche Leser von Interesse“, entfuhr es dem Gott. „Unsachlich, unfair und böswillig“, scholl es von der Geschmähten zurück. Einem „Vernichtungsversuch“ sieht sie sich ausgesetzt und schließt die Akte wie folgt: „Wir Autoren nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht.“ So fesselte er sie in Dankesbanden, dass sie noch in der Revolte sein Selbstbild stabilisiert: Niemand nimmt ja MRR als Kritiker ernst; darunter hat er ein Leben lang gelitten. Aber alle Kinder fürchten das kleine Freitag-Nacht-Gespenst.

Nicht zuletzt der ihm apportierende Karasek. Der hatte, wie Ulla Hahn dieser Zeitung berichtet, noch kurz zuvor in „TV Hören und Sehen“ sowie in „Format – Das Magazin für Politik“ ihr neues Buch empfohlen und für „wichtig“ befunden. Was schert ihn sein Geschwätz von gestern? Unter der Zuchtrute von MRR jedenfalls war der Schnee von gestern wie weggeblasen. Der Betrieb ist um eine Geschichte reicher. Klüger wird er mit diesen Protagonisten nicht.

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